Belohnung unterstützt Lernen – doch Gewohnheiten entscheiden über den Erfolg

Belohnung steuert Lernen nur begrenzt. Bei komplexen Aufgaben übernehmen Gewohnheiten, weil das Arbeitsgedächtnis schnell an Grenzen stößt.

Junge Frau lernt

Die neue psychologische Studie zeigt, dass Belohnung beim Lernen weniger entscheidend ist und Gewohnheiten oft die Richtung vorgeben. © Pexels

Wer Erfolg hat, wiederholt sein Verhalten. Wer scheitert, versucht es anders. Dieses einfache Prinzip prägt bis heute Schule, Beruf und viele digitale Lernangebote. Es wirkt logisch und leicht verständlich. Eine psychologische Auswertung der University of California, Berkeley zeigt jedoch, dass dieses Modell nur eingeschränkt funktioniert.

Sobald mehrere Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen, verliert Belohnung an Einfluss. Entscheidungen richten sich dann weniger nach Erfolg oder Misserfolg. Stattdessen greifen feste Gewohnheiten und die begrenzte Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses.

Belohnung lenkt Lernen nur teilweise

Solange Aufgaben einfach bleiben, kann Belohnung das Lernen tatsächlich lenken. Das Gehirn behält im Blick, welche Entscheidung zu welchem Ergebnis geführt hat. Richtiges Handeln lässt sich klar erkennen und verstärken. Mit zunehmender Komplexität geht dieser Zusammenhang jedoch verloren. Das Arbeitsgedächtnis kann nicht mehr alle Schritte gleichzeitig festhalten. Rückmeldungen treffen zwar weiterhin ein, lassen sich aber keiner einzelnen Handlung mehr eindeutig zuordnen.

In diesem Moment verliert Belohnung ihre steuernde Wirkung. Stattdessen greift das Gehirn auf Gewohnheiten zurück und wiederholt, was vertraut ist – nicht, weil es besser funktioniert, sondern weil es weniger geistige Anstrengung erfordert.

Routinen setzen sich durch

Statt bewusster Steuerung treten Gewohnheiten in den Vordergrund. Das Gehirn greift auf vertraute Muster zurück und wiederholt, was sich eingeprägt hat – unabhängig davon, ob es erfolgreich war oder nicht. Dieses System arbeitet langsam und automatisch. Es bewertet nicht, sondern zählt Wiederholungen.

Die Psychologin Anne Collins bringt das Zusammenspiel auf den Punkt: „Keiner der beiden Prozesse für sich ist ein guter Lerner.“ Das Arbeitsgedächtnis arbeite schnell, sei aber stark begrenzt. Gewohnheiten seien stabil, kümmerten sich jedoch nicht um Ergebnisse.

So entsteht ein Effekt, der vielen vertraut ist. Handlungen werden fortgesetzt, obwohl sie nicht zum Ziel führen. Nicht aus Sturheit oder mangelndem Wissen. Sondern weil das Gehirn unter Belastung auf Routinen umschaltet.

Wie Lernen unter Belastung organisiert wird

In den Experimenten mussten Teilnehmende Symbole mit bestimmten Tasten verbinden. Bei wenigen Symbolen lernten sie schnell. Mit zunehmender Anzahl häuften sich Wiederholungsfehler. Negative Rückmeldungen verloren ihre Wirkung. In manchen Fällen traten Fehler sogar häufiger auf als zuvor.

Dieses Verhalten folgt einer klaren inneren Logik. Anfangs steuert das Arbeitsgedächtnis die Entscheidungen und begünstigt richtige Antworten. Parallel dazu speichert die Gewohnheit jede Wiederholung. Auch falsche. Mit der Zeit verstärkt sie das, was häufig vorkommt.

„Zusammen erlauben beide Prozesse effizientes Lernen“, so Collins. Effizient bedeutet hier nicht fehlerfrei, sondern energiesparend. Das Gehirn wählt einen Weg mit geringem Aufwand – auch wenn das Ergebnis nicht optimal ist.

In der Praxis läuft es meist so ab:

  • Bei geringer Belastung steuert das Arbeitsgedächtnis Entscheidungen.
  • Mit wachsender Komplexität übernehmen Gewohnheiten.
  • Wiederholung wirkt stärker als Einsicht, wenn mentale Kapazität fehlt.

Grenzen von Lob, Punkten und Boni

Diese Erkenntnisse erklären, warum Lob, Punkte oder Bonusprogramme oft enttäuschen. Sie wirken nur, solange Aufgaben überschaubar bleiben. In komplexen Situationen greifen Menschen auf Routinen zurück. Motivation allein genügt dann nicht. Das betrifft auch digitale Lernangebote. Viele Apps setzen auf Abzeichen oder Ranglisten. Sie übersehen dabei eine zentrale Grenze des menschlichen Lernens. Ohne Entlastung des Arbeitsgedächtnisses verpufft der Effekt.

Auch für Medizin und Psychologie sind die Ergebnisse wichtig. Lernschwierigkeiten lassen sich nicht allein mit fehlendem Willen erklären. Häufig liegt die Ursache in begrenzten geistigen Ressourcen. Wer dieses Zusammenspiel verstanden hat, kann auch Lernstörungen gezielter einordnen, so Collins.

Kurz zusammengefasst:

  • Lernen funktioniert nur begrenzt über Belohnung: Bei einfachen Aufgaben steuert das Arbeitsgedächtnis Entscheidungen zuverlässig, doch seine Kapazität ist stark begrenzt.
  • Wird es komplex, übernehmen Gewohnheiten: Sie orientieren sich an Wiederholung statt an Erfolg und führen dazu, dass Fehler trotz negativer Rückmeldung erneut auftreten.
  • Fehler sind kein Zeichen von Unfähigkeit: Sie entstehen aus kognitiver Überlastung, weil das Zusammenspiel von Gedächtnis und Gewohnheit Belohnungen verdrängt.

Übrigens: Selbst bei mentaler Erschöpfung bleibt das Gehirn aktiv, wenn ein Anreiz lockt und Aufwand gegen Belohnung abgewogen wird. Welche Hirnregionen dabei entscheiden, warum Menschen weitermachen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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