Nicht jedes Sitzen schadet dem Gehirn – diese Form kann es sogar schützen

Neue Auswertungen von 85 Studien zeigen: Für die Gehirngesundheit zählt beim Sitzen nicht nur die Dauer, sondern vor allem die geistige Aktivität.

Hand mit Fernbedienung

Wenig geistige Beteiligung, viele Reize: Diese Kombination steht in Studien häufiger mit Nachteilen für das Gehirn in Verbindung. © Pexels

Langes Sitzen gilt seit Jahren als Gesundheitsrisiko. Es belastet den Rücken, fördert Übergewicht und erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch für das Gehirn soll Sitzen nicht gerade förderlich sein: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwächen, ein erhöhtes Demenzrisiko – all das wird häufig mit einem bewegungsarmen Alltag verbunden. Doch dieser Blick greift zu kurz. Für die Gesundheit des Gehirns ist nicht nur entscheidend, wie lange Menschen sitzen, sondern womit sie diese Zeit füllen.

Eine umfassende Analyse internationaler Studien unter der Leitung der University of Queensland nahm besonders gewöhnliche Tätigkeiten unter die Lupe: Lesen, Kartenspielen, Computerarbeit oder Fernsehen. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Sitzen kann das Gehirn belasten – es kann es aber auch fordern und stabilisieren.

Langes Sitzen verliert damit seinen pauschal schlechten Ruf. Wer im Sitzen denkt, plant, entscheidet oder sich erinnert, nutzt sein Gehirn anders als jemand, der stundenlang passiv Inhalte konsumiert. Dieser Unterschied wirkt sich messbar auf die geistige Leistungsfähigkeit aus – gerade im mittleren und höheren Alter.

Wann Sitzen dem Gehirn schadet – oder es fordert

Grundlage der neuen Erkenntnisse ist eine systematische Übersichtsarbeit, in der 85 Studien zusammengeführt wurden. Insgesamt flossen Daten von rund 1,6 Millionen Menschen ein. Untersucht wurden vor allem Erwachsene im mittleren und höheren Lebensalter. Die Studien verglichen verschiedene Formen sitzender Tätigkeiten und deren Zusammenhang mit der geistigen Leistungsfähigkeit.

Dabei trennten die Autoren erstmals konsequent zwischen aktivem und passivem Sitzen. Aktiv bedeutet: Lesen, Kartenspiele, Brettspiele oder Arbeiten am Computer. Passiv meint vor allem Fernsehen. Die Unterschiede fallen deutlich aus. Während geistig aktive Tätigkeiten im Sitzen häufig mit besseren kognitiven Fähigkeiten verbunden sind, war dies beim Fernsehen nicht der Fall.

Besonders klar wird das beim Blick auf die Studienlage: Von 43 Untersuchungen zum Fernsehkonsum berichteten 28 über negative Zusammenhänge mit der geistigen Leistungsfähigkeit. Bei aktiven Sitzaktivitäten fanden nur fünf von 58 Studien Hinweise auf negative Effekte. Der Kontrast ist auffällig – und statistisch belastbar.

Fernsehen und Gedächtnis: Ein wiederkehrendes Muster

Die negativen Effekte des passiven Sitzens betreffen vor allem Funktionen, die im Alltag zentral sind. Dazu zählen das Arbeitsgedächtnis, die exekutiven Funktionen und das situative Erinnern. Diese Fähigkeiten steuern Planung, Aufmerksamkeit, Problemlösen und das Abrufen von Informationen. In vielen Studien schneiden Menschen mit hohem Fernsehkonsum hier schlechter ab.

Zudem taucht in mehreren Untersuchungen ein erhöhtes Risiko für kognitive Abbauprozesse bis hin zu Demenz auf. Die Effekte bleiben zwar klein, treten aber konsistent auf. Gerade weil viele Menschen täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher verbringen, gewinnen diese Unterschiede an Bedeutung. Kleine Effekte summieren sich über Jahre.

Bei geistig aktiven Tätigkeiten zeigt sich das gegenteilige Muster. Lesen, Spielen oder Arbeiten am Computer gehen häufiger mit stabileren oder besseren kognitiven Leistungen einher. Das Gehirn bleibt gefordert, selbst wenn der Körper ruht.

Alltägliche Tätigkeiten statt künstlicher Trainings

Ein zentraler Punkt der Analyse liegt im Untersuchungsansatz. Die ausgewerteten Studien betrachteten Alltagssituationen. Keine Laborexperimente, keine Trainingsprogramme, keine therapeutischen Interventionen. Genau das macht die Ergebnisse relevant für das tägliche Leben.

Studienleiter Paul Gardiner erklärt: „Die gesamte Sitzzeit steht mit der Gehirngesundheit in Zusammenhang. Sitzen wird jedoch oft als eine einzige Kategorie behandelt, ohne die Art der Tätigkeit zu berücksichtigen.“ Und weiter: „Die meisten Menschen verbringen viele Stunden pro Tag im Sitzen. Deshalb spielt die Art des Sitzens eine große Rolle.“

Laut Gardiner können kleine alltägliche Entscheidungen – etwa Lesen statt Fernsehen – helfen, das Gehirn im Alter gesünder zu halten. Bewegung bleibt wichtig, doch geistige Aktivität zählt ebenso. Sie muss nicht im Stehen stattfinden.

Kurz zusammengefasst:

  • Nicht jede Form des Sitzens wirkt gleich auf das Gehirn: Entscheidend ist weniger die Dauer als die Art der Tätigkeit, die währenddessen ausgeübt wird.
  • Geistig aktive Sitzaktivitäten wie Lesen, Spielen oder Arbeiten am Computer stehen häufiger mit besseren kognitiven Fähigkeiten in Verbindung, etwa beim Arbeitsgedächtnis und bei der Planung.
  • Passives Sitzen wie Fernsehen zeigt dagegen öfter negative Zusammenhänge mit der geistigen Leistungsfähigkeit: Die Effekte sind zwar klein, aber statistisch belastbar.

Übrigens: Langes Sitzen kann das Demenzrisiko deutlich erhöhen – vor allem dann, wenn man sich über viele Stunden kaum bewegt oder geistig gefordert wird. Neue Studien zeigen, ab welcher täglichen Sitzdauer es kritisch wird und warum der Lebensstil dabei eine größere Rolle spielt als gedacht. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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