Stresshormon entgiften? Ärzte warnen vor dubiosem „Cortisol-Detox“-Trend
Cortisol soll schuld an Müdigkeit und Gewichtszunahme sein. Doch Experten entlarven den Detox-Hype als zweifelhafte Gesundheitsfalle.

Gestresst und müde? „Cortisol-Detox“ wird dabei nicht helfen. © Pexels
In den sozialen Medien taucht immer häufiger ein vermeintliches Gesundheitsproblem auf: Ein zu hoher Cortisolspiegel soll für runde Gesichter, Gewichtszunahme und ständige Erschöpfung sorgen. Die Lösung? Ein „Cortisol-Detox“, das angeblich das Stresshormon aus dem Körper entfernen kann. Doch Mediziner sind alarmiert. Denn Cortisol ist kein Gift, sondern ein lebensnotwendiges Hormon.
Warum Cortisol so wichtig für den Körper ist
Cortisol gehört zur Gruppe der Steroidhormone und wird in den Nebennieren produziert. Es ist für viele lebenswichtige Funktionen verantwortlich: Es steuert den Blutzuckerspiegel, reguliert den Stoffwechsel und hilft dem Körper, mit Stress umzugehen. Ohne Cortisol könnten Menschen nicht auf plötzliche Belastungen reagieren, etwa in Gefahrensituationen oder bei Krankheiten.
Der Körper setzt das Hormon in einem natürlichen Rhythmus frei. Morgens ist der Cortisolspiegel am höchsten, um den Organismus auf den Tag vorzubereiten. Abends sinkt er, damit der Körper zur Ruhe kommt. Auch kurzfristige Stresssituationen erhöhen den Cortisolwert – das ist eine normale und gesunde Reaktion.
Fehlinformationen in sozialen Medien
In den sozialen Netzwerken kursiert seit Monaten der Begriff „Cortisol-Face“. Influencer behaupten, dass ein hoher Cortisolspiegel für ein aufgeschwemmtes Gesicht, Haarausfall und frühzeitige Hautalterung verantwortlich sei. Sie empfehlen spezielle Diäten, Nahrungsergänzungsmittel oder Detox-Kuren, um das „Überschusshormon“ loszuwerden.
Die Hamburger Endokrinologin Dr. Birgit Harbeck von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hält das laut mdr für gefährlich.
Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon. Ohne das würden wir nicht funktionieren.
Dr. Birgit Harbeck
Die Selbstdiagnose von angeblichen Hormonstörungen sei problematisch, weil sie oft nicht auf fundierten medizinischen Erkenntnissen basiere, so Harbeck.
Warum Selbsttests für Cortisol nichts bringen
Viele Anbieter werben mit Speicheltests, die angeblich zeigen sollen, ob jemand zu viel Cortisol hat. Das Problem: Diese Tests sind ungenau. Der Cortisolspiegel schwankt im Laufe des Tages stark. „Wir wissen oft nicht, zu welcher Tageszeit die Probe genommen wurde. Die Ergebnisse sind unzuverlässig und verunsichern viele Menschen“, sagt Harbeck.
Wer sich wirklich Sorgen macht, sollte sich in einer Facharztpraxis für Endokrinologie untersuchen lassen. Dort können exakte Laborwerte bestimmt werden, um festzustellen, ob tatsächlich eine Hormonstörung vorliegt.
Wann ein hoher Cortisolspiegel gefährlich wird
Cortisol kann bei bestimmten Erkrankungen tatsächlich dauerhaft erhöht sein. Beim Cushing-Syndrom produziert der Körper zu viel Cortisol, meist durch eine Fehlfunktion der Nebennieren oder der Hirnanhangdrüse. Auch langfristige Cortisontherapien bei Entzündungen können den Hormonhaushalt durcheinanderbringen.
Typische Symptome dieser Erkrankung sind eine starke Gewichtszunahme am Bauch, ein aufgedunsenes Gesicht und Muskelschwäche. In solchen Fällen ist eine ärztliche Behandlung dringend notwendig. Gleichzeitig kann auch ein Cortisolmangel auftreten, etwa wenn die Nebennieren zu wenig Hormon produzieren. Das kann lebensbedrohlich sein und erfordert eine lebenslange Hormonersatztherapie.
Warum Cortisol nicht „entgiftet“ werden kann
Trotz medizinischer Warnungen wird „Cortisol-Detox“ weiter als Lösung für Stresssymptome vermarktet. Die Idee dahinter: Weniger Cortisol soll zu weniger Stress und besserem Wohlbefinden führen.
Doch Harbeck stellt klar: „Eine Entgiftung von einem überlebenswichtigen Hormon ist weder möglich noch sinnvoll.“ Zwar können Sport, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf helfen, den natürlichen Hormonhaushalt zu stabilisieren. Aber das sei etwas völlig anderes als eine „Entgiftung“.
Laut mdr beeinflusst jeder Stress den Cortisolspiegel – auch positiver Stress, etwa durch Sport oder Aufregung. Solche kurzfristigen Schwankungen sind normal und kein Grund zur Sorge. Wer wirklich etwas für seine Gesundheit tun will, sollte auf langfristige Stressbewältigung setzen – und nicht auf dubiose Detox-Trends aus dem Internet.
Kurz zusammengefasst:
- Cortisol ist ein lebenswichtiges Hormon, das den Blutzuckerspiegel steuert, den Stoffwechsel reguliert und hilft, mit Stress umzugehen. Eine natürliche Ausschüttung ist notwendig für die Körperfunktionen.
- In sozialen Medien kursiert der irreführende Trend des „Cortisol-Detox“, der behauptet, ein hoher Cortisolspiegel verursache Gewichtszunahme und Hautprobleme, doch Mediziner warnen: Eine Entgiftung dieses Hormons ist weder möglich noch sinnvoll.
- Selbsttests zur Bestimmung des Cortisolspiegels sind unzuverlässig, da das Hormon natürlichen Schwankungen unterliegt. Wer gesundheitliche Bedenken hat, sollte eine Facharztpraxis für Endokrinologie aufsuchen.
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