Mikroplastik verschärft Darmentzündungen und dringt bis in Organe vor

Winzige Plastikpartikel können Darmentzündungen verstärken und bei einem bereits geschwächten Darm zusätzliche Entzündungsprozesse im Körper auslösen.

Winzige Plastikpartikel

Mikroplastik kann sich bei Darmentzündungen im Darm anreichern und Entzündungsreaktionen verstärken. © Wikimedia

Der Darm zählt zu den aktivsten Immunorganen des Körpers. Er entscheidet täglich darüber, welche Stoffe aufgenommen werden und welche draußen bleiben. Neue Forschung zeigt nun, dass Mikroplastik diese Balance stören kann. Die unsichtbaren Partikel gelangen mit Nahrung und Getränken in den Verdauungstrakt und wirken dort vor allem dann, wenn der Darm bereits belastet ist.

Bei Darmentzündungen verliert die Schleimhaut an Stabilität. Zellen nehmen Mikroplastik leichter auf, Entzündungen können sich verstärken und die Reaktionen bleiben nicht unbedingt auf den Darm begrenzt. Untersucht wurde dieser Zusammenhang von einem Forschungsteam der Medizinischen Universität Wien gemeinsam mit der Universität Wien. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Microplastics and Nanoplastics.

Plastikpartikel passieren die Darmschleimhaut

Kunststoff bleibt nicht dauerhaft stabil. Hitze, Sonnenlicht und mechanische Belastung lassen Verpackungen mit der Zeit zerfallen. Dabei entstehen die winzigen Partikel, die über Nahrung und Getränke in den Magen-Darm-Trakt gelangen. Dort treffen sie auf die Darmschleimhaut.

Diese Schleimhaut wirkt normalerweise als Schutzbarriere. Sie lässt Nährstoffe passieren und hält schädliche Stoffe zurück. Bei gesunden Menschen funktioniert dieses System meist zuverlässig. Anders sieht es bei einem entzündeten Darm aus. Die Schleimhaut verliert an Stabilität und wird durchlässiger.

Mikroplastik zeigt bei Darmentzündungen besonders starke Effekte

In der Studie arbeiteten die Wissenschaftler mit einem etablierten Mausmodell für Colitis ulcerosa. Diese Erkrankung gehört zu den häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen beim Menschen. Die Tiere erhielten Kunststoffpartikel über den Verdauungstrakt.

Untersucht wurde Polystyrol, ein weit verbreiteter Kunststoff. Er steckt unter anderem in Joghurtbechern, Fleischschalen oder Take-away-Boxen. Die Partikel lagen in unterschiedlichen Größen vor – von Mikroplastik bis zu extrem kleinen Nanoplastikteilchen.

Das Ergebnis war eindeutig. Je stärker die Darmentzündung, desto mehr Plastik nahm die Darmschleimhaut auf. Besonders betroffen waren Nanoplastikpartikel mit einer Größe von weniger als 0,0003 Millimetern.

Plastikpartikel gelangen in Blut, Leber und Nieren

Die Kunststoffteilchen blieben nicht im Darm. In entzündeten Abschnitten drangen sie in Zellen ein und gelangten in den Blutkreislauf. Von dort aus verteilten sie sich weiter im Körper.

Nachweisbar waren die Partikel unter anderem in Leber und Nieren. Studienleiter Lukas Kenner fasst den Befund so zusammen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Mikro- und Nanoplastik unter entzündlichen Bedingungen nicht nur im Darm, sondern auch in anderen Organen anreichert.“

Co-Studienleiterin Verena Pichler ergänzt, besonders kleine Nanopartikel könnten biologische Barrieren überwinden und systemische Effekte auslösen. Der Einfluss bleibt damit nicht auf den Darm begrenzt.

Mikroplastik beeinflusst das Immunsystem im Darm

Neben der Verteilung im Körper untersuchte das Team auch die Reaktion des Immunsystems. Dabei rückten sogenannte Makrophagen in den Blick. Diese Immunzellen steuern, ob Entzündungen abklingen oder sich verstärken.

Unter der Belastung durch Mikroplastik schalteten viele dieser Zellen in einen entzündungsfördernden Zustand. Statt die Reaktion zu bremsen, trieben sie sie weiter an. Das erklärt, warum bestehende Beschwerden stärker ausfallen können.

Wichtig bleibt die Einordnung. Plastik löst keine Darmerkrankung aus. Es wirkt wie ein Verstärker. Ist der Darm bereits entzündet, verschärft sich die Situation.

Darmmikrobiom gerät zusätzlich unter Druck

Ein weiterer Befund betrifft die Darmflora. Milliarden von Bakterien unterstützen Verdauung und Immunabwehr. Bei chronischen Entzündungen ist dieses Gleichgewicht oft gestört.

Die zusätzliche Belastung durch Mikroplastik verschob die Zusammensetzung weiter. Nützliche Bakterien nahmen ab. Gleichzeitig stiegen Keime, die Entzündungen begünstigen können. Das schwächt die Schutzfunktion der Schleimhaut weiter.

Nicht jedes Plastikteil wirkt gleich. Größere Fragmente blieben meist im Darminhalt. Sehr kleine Partikel drangen dagegen leichter in Zellen ein.

Vorerkrankter Darm reagiert sensibel

Für gesunde Menschen bedeutet das keine akute Gefahr. Anders sieht es bei bestehenden Darmerkrankungen aus. Hier kann eine hohe Belastung durch Mikroplastik zusätzliche Beschwerden begünstigen.

Die Forscher sprechen deshalb von einem bisher unterschätzten Faktor bei der Verstärkung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Der Magen-Darm-Trakt ist besonders exponiert. Er ist der erste Kontaktpunkt für viele Fremdstoffe aus der Umwelt.

Laut Lukas Kenner seien Maßnahmen zur Reduktion der Mikroplastik-Verschmutzung notwendig. Das betreffe Gesellschaft und Politik gleichermaßen.

Kurz zusammengefasst:

  • Mikroplastik kann bei bestehenden Darmentzündungen leichter in die geschwächte Darmschleimhaut eindringen und dort Entzündungsprozesse verstärken.
  • Sehr kleine Plastikpartikel gelangen aus dem entzündeten Darm in die Blutbahn und erreichen Organe wie Leber und Nieren.
  • Plastikpartikel wirken nicht als Auslöser, sondern als Verstärker chronischer Darmprobleme, indem sie Immunreaktionen und das Mikrobiom verändern.

Übrigens: Selbst in der Antarktis findet sich inzwischen Mikroplastik – nachgewiesen in einem dort heimischen Insekt. Was das über die weltweite Verbreitung von Kunststoff verrät, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © European Union, 2026 via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert