Krebsrisiko in Deutschland massiv unterschätzt: Fast jeder Zweite erkrankt – doch nur 12 Prozent halten sich für gefährdet
Nur 12 Prozent der Deutschen halten ihr Krebsrisiko für hoch. Zwei DKFZ-Studien zeigen Wissenslücken bei Krebsursachen und Vorsorge.
Fast jeder Zweite in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Doch nur zwölf Prozent halten sich selbst für gefährdet. © Pexels
Fast jeder zweite Mensch in Deutschland erhält im Laufe seines Lebens eine Krebsdiagnose. Trotzdem halten nur zwölf Prozent ihr persönliches Erkrankungsrisiko für hoch. Selbst Raucher und Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, sehen sich kaum stärker gefährdet als andere. Dabei ließen sich schätzungsweise 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen durch die Vermeidung bekannter Risikofaktoren verhindern.
Wie weit die persönliche Einschätzung und die statistische Wahrscheinlichkeit auseinanderliegen, geht aus einer repräsentativen Befragung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hervor. Dafür wurden 1.581 Menschen ab 16 Jahren befragt. Besonders auffällig: 61 Prozent fühlen sich gut über Krebsvorbeugung informiert, und zwei Drittel halten ihren Lebensstil für gesund. Gleichzeitig berichten viele von Bewegungsmangel, Übergewicht, Rauchen oder regelmäßigem Alkoholkonsum.
Eine zweite Untersuchung des DKFZ mit 1.232 Teilnehmern aus Stuttgart offenbart weitere Wissenslücken: Während fast alle Rauchen als Krebsrisiko erkennen, wissen nur 29,2 Prozent, dass auch langes Sitzen zu den untersuchten Risikofaktoren gehört. Zudem können viele Befragte wissenschaftlich nicht belegte Krebsursachen wie Stress oder künstliche Lebensmittelzusätze nicht zuverlässig als solche erkennen.
Nur 35 Prozent vertrauen auf die Wirkung eines gesunden Lebensstils
Trotz ihres hohen subjektiven Informationsstands glauben lediglich 35 Prozent der bundesweit Befragten, dass ein gesunder Lebensstil das Erkrankungsrisiko deutlich senken kann. Bei der Krebsfrüherkennung sind 43 Prozent von einem deutlichen Nutzen überzeugt. Vorbeugung und Früherkennung verfolgen allerdings unterschiedliche Ziele: Während ein gesunder Lebensstil die Entstehung bestimmter Krebserkrankungen verhindern kann, sollen Früherkennungsuntersuchungen bereits vorhandene Tumoren möglichst früh entdecken.
„Information ist wichtig, aber nicht ausreichend, um Verhaltensänderungen zu bewirken“, erklärt Ursula Will, Autorin der bundesweiten Untersuchung. Entscheidend sei, allgemeines Gesundheitswissen mit den persönlichen Risiken und dem eigenen Verhalten zu verbinden. Schließlich lässt sich auch bei einem gesunden Lebensstil nicht jede Krebserkrankung verhindern. Alter, genetische Veranlagung und weitere Einflüsse bestimmen ebenfalls das Erkrankungsrisiko.
Krebsfrüherkennung wird häufig nicht regelmäßig genutzt
Von den bundesweit Befragten nehmen 42 Prozent regelmäßig Krebsfrüherkennungsangebote wahr. Weitere 23 Prozent nutzen sie gelegentlich. Die Gründe für eine Nichtteilnahme fallen unterschiedlich aus:
- Geringe Risikowahrnehmung: Viele halten eine eigene Krebserkrankung für unwahrscheinlich.
- Vertrauen in die eigene Wahrnehmung: Manche glauben, gesundheitliche Veränderungen selbst rechtzeitig zu bemerken.
- Angst: Ein möglicher Krebsbefund oder die Untersuchung selbst schrecken ab.
- Fehlende Motivation und Informationen: Nicht alle kennen die verfügbaren Angebote oder deren Nutzen.
Die Befragung umfasst Menschen ab 16 Jahren. Allerdings richten sich die Empfehlungen zur Krebsfrüherkennung nach Alter, Geschlecht und individuellen Risikofaktoren. Deshalb kommt nicht jede Untersuchung für alle Befragten gleichermaßen infrage.
Salzreiche Ernährung und fehlendes Stillen werden selten erkannt
In der Stuttgarter CLARO-Untersuchung sollten die Teilnehmer insgesamt 26 wissenschaftlich anerkannte Krebsrisikofaktoren und zwölf verbreitete Krebsmythen beurteilen. Die Befragung fand zwischen Januar und Mai 2025 statt.
Während 95,1 Prozent Sonnenbrand korrekt als Krebsrisiko einordneten, waren andere Zusammenhänge weit weniger bekannt. Nur 28,1 Prozent erkannten salzreiche Ernährung als Risikofaktor. Dass fehlendes Stillen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko der Mutter verbunden sein kann, wussten lediglich 13,7 Prozent.
Die gesundheitlichen Auswirkungen solcher Faktoren unterscheiden sich erheblich. Tabakkonsum gehört zu den bedeutendsten vermeidbaren Krebsursachen. Andere Einflüsse betreffen vor allem bestimmte Krebsarten oder haben einen geringeren Einfluss auf das Erkrankungsrisiko.

Stress gilt häufig fälschlicherweise als direkte Krebsursache
Besonders ausgeprägt waren die Wissenslücken bei vermeintlichen Krebsursachen. Nur 13,7 Prozent stuften Stress korrekt als wissenschaftlich nicht belegte direkte Krebsursache ein. Bei Lebensmitteln mit künstlichen Zusatzstoffen gelang dies 16,6 Prozent, bei künstlichen Süßstoffen 22,3 Prozent.
Auch Mobiltelefone, Mikrowellen und körperliche Verletzungen gehörten zu den abgefragten Krebsmythen. Allerdings konnten die Teilnehmer auch mit „weiß nicht“ antworten. Diese Antworten werteten die Wissenschaftler als falsch. Niedrige Werte bedeuten daher nicht zwangsläufig, dass sämtliche übrigen Befragten die jeweiligen Mythen für wahr halten.
Insgesamt erkannten die Stuttgarter Teilnehmer durchschnittlich 63,6 Prozent der wissenschaftlich belegten Risikofaktoren richtig. Bei den unbelegten Krebsursachen lag der Anteil korrekter Antworten dagegen nur bei 39 Prozent. Menschen mit besseren Kenntnissen über tatsächliche Risiken konnten verbreitete Krebsmythen nicht automatisch zuverlässiger erkennen.
Fast die Hälfte fühlt sich von Gesundheitstipps überfordert
Die Menge an Empfehlungen zur Krebsprävention sorgt ebenfalls für Verunsicherung. In der Stuttgarter Befragung stimmten 44,6 Prozent der Aussage zu, dass es inzwischen so viele Empfehlungen gebe, dass die richtige Auswahl schwerfalle.
Wer sich durch diese Informationsflut stärker überfordert fühlte, erkannte im Durchschnitt weniger wissenschaftlich belegte Krebsrisiken. Der statistische Zusammenhang war signifikant. Ob die Informationsüberforderung tatsächlich zu geringeren Kenntnissen führt, lässt sich aus den Daten jedoch nicht ableiten.
Auch bei der aktiven Suche nach Informationen zur Krebsprävention gibt es Unterschiede. Die Stuttgarter Befragung ergab:
- 40,5 Prozent hatten bereits aktiv nach Informationen zur Krebsprävention gesucht.
- 80,3 Prozent dieser Personen nutzten dafür das Internet.
- 56,8 Prozent informierten sich bei Ärzten oder anderem medizinischen Fachpersonal.
- 65,5 Prozent achteten darauf, ob Experten die Informationen erstellt oder fachlich geprüft hatten.
Die Angaben zu Informationsquellen und fachlicher Prüfung beziehen sich ausschließlich auf Personen, die bereits aktiv nach Informationen gesucht hatten.
Ärzte bleiben bei Krebsfragen besonders gefragt
In der bundesweiten Untersuchung nannten die Teilnehmer Ärzte am häufigsten als bevorzugte Ansprechpartner. Rund zwei Drittel interessierten sich für zusätzliche Informationen oder Beratung. Besonders gefragt waren Angaben zu möglichen Krebssymptomen, Erkrankungsrisiken und Maßnahmen zur Vorbeugung.
Neben der fachlichen Qualität beeinflusst auch die Herkunft der Informationen das Vertrauen. Unter den Stuttgarter Teilnehmern, die bereits aktiv recherchiert hatten, achteten 53,4 Prozent darauf, ob die Informationen von einer staatlichen Einrichtung oder Universität stammten.
„Umso wichtiger ist es, qualitätsgesicherte Informationsangebote sichtbarer zu machen und ihren Zugang sowie ihre Vermittlung weiter zu verbessern“, erklärt Mona Illmann, Erstautorin der CLARO-Studie. Die Forscher empfehlen verständliche Gesundheitsinformationen, die wissenschaftlich belegte Risiken klar von verbreiteten Krebsmythen unterscheiden.
Kurz zusammengefasst:
- Krebsrisiko wird unterschätzt: Fast jeder Zweite in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs, doch nur zwölf Prozent halten ihr persönliches Risiko für hoch.
- Viele Krebsfälle sind vermeidbar: Schätzungsweise 40 Prozent der Krebsneuerkrankungen ließen sich durch die Vermeidung bekannter Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und Übergewicht verhindern.
- Wissen schützt vor Fehleinschätzungen: Viele Menschen kennen wichtige Krebsrisiken nicht oder können unbelegte Krebsmythen schwer erkennen, weshalb verlässliche Informationen und ärztliche Beratung wichtig sind.
Übrigens: Wie stark ein gesunder Lebensstil das Krebsrisiko beeinflussen kann, belegt eine DKFZ-Untersuchung mit fast 288.000 Menschen – bei Kehlkopfkrebs lag das relative Erkrankungsrisiko um bis zu 88 Prozent niedriger. Welche fünf Gewohnheiten dabei entscheidend waren, mehr dazu in unserem Artikel.
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