Hormonfreie Verhütung: Deutsche Forscher entwickeln Alternative zur Pille

Immer mehr Menschen lehnen hormonelle Verhütung ab. Ein deutsches Forscherteam hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine sichere, reversible Alternative zur Antibabypille zu entwickeln.

Eine Blisterpackung der Antibabypille

Seit Jahrzehnten ist die Pille Standard in der Verhütung – doch immer mehr Menschen suchen nach Alternativen ohne Hormone. © Unsplash

Die Antibabypille galt lange als unkomplizierte und verlässliche Lösung in Sachen Verhütung. Doch inzwischen wächst die Skepsis. Berichte über mögliche Nebenwirkungen, Wechselwirkungen mit Medikamenten und individuelle gesundheitliche Risiken sorgen für Verunsicherung. Entsprechend suchen immer mehr Frauen nach einer Alternative für die Pille, die ohne Eingriff in den Hormonhaushalt auskommt.

Erhebungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen, dass die Nutzung der Pille seit 2023 zurückgeht. Besonders bei jungen Erwachsenen hat das Kondom wieder die Spitzenposition übernommen. Forschende der Goethe-Universität Frankfurt am Main entwickeln nun gemeinsam mit Partnern aus Bonn und München neue Verhütungsmethoden, die gezielt ohne Hormone wirken sollen.

Vertrauen in die Pille sinkt

In den 1970er-Jahren nahm in Deutschland etwa jede dritte Frau die Antibabypille. Sie war einfach anzuwenden und bot hohe Sicherheit. Krankenkassen übernahmen häufig die Kosten. Über Jahre hinweg blieb sie das meistgenutzte Verhütungsmittel. Mit der Zeit rückten jedoch mögliche Nebenwirkungen stärker in den Fokus. Je nach Präparat können auftreten:

  • Übelkeit
  • Gewichtszunahme
  • Spannungsgefühle in der Brust
  • Bluthochdruck
  • Leberfunktionsstörungen
  • Thrombosen

Zudem können bestimmte Antibiotika oder Johanniskraut die Wirksamkeit verringern. Auch bei einigen Vorerkrankungen raten Ärztinnen und Ärzte von hormoneller Verhütung ab. Diese bekannten Risiken und Einschränkungen tragen dazu bei, dass viele Menschen die Pille heute kritischer bewerten.

Neue Ansätze für Verhütung ohne Hormone

Die aktuelle Studie trägt den Namen PREVENT (Precision Reproductive and contraceptive target discovery Network). Sie wird vom Bundesforschungsministerium bis 2029 mit rund drei Millionen Euro gefördert. Beteiligt sind unter anderem die Goethe-Universität Frankfurt am Main, das Universitätsklinikum Bonn und die Ludwig-Maximilians-Universität München.

Das Forschungsteam verfolgt einen anderen Ansatz als klassische hormonelle Methoden. Statt den Hormonhaushalt zu verändern, nehmen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Proteine in Spermien und Eizellen ins Visier. Kleine Moleküle sollen gezielt Eiweiße blockieren, die ausschließlich in diesen Keimzellen vorkommen.

Projektleiterin Dr. Claudia Tredup erklärt: „Hormonelle Verhütungsmethoden wie zum Beispiel die Antibabypille verändern die Hormon-Kommunikation zwischen Gehirn und Eierstöcken und greifen so in den endokrinen Regelkreis ein.“ Dies gilt es zu vermeiden. „Bei PREVENT suchen wir nach alternativen, nichthormonellen Ansätzen für Frau und Mann, damit Paaren weitere Angebote der Kontrazeption gemacht werden können“, so Tredup.

Kommt die Pille für den Mann?

Seit Jahrzehnten tragen vor allem Frauen die Verantwortung für hormonelle Verhütung. Die Idee einer Pille für den Mann taucht immer wieder auf, blieb bislang jedoch ohne marktreife Lösung. Die neue Forschungsarbeit könnte auch da ansetzen: Wenn Spermien ihre Beweglichkeit verlieren, erreichen sie die Eizelle nicht mehr – eine Befruchtung bleibt aus. Doch anstatt den Hormonhaushalt zu verändern, greifen die Wirkstoffe gezielt an Proteinen in Spermien an.

Um passende Substanzen zu finden, entwickelt das Team eine spezielle Plattform. Dort testen sie sogenannte „chemical probes“. Diese helfen, geeignete Zielproteine zu identifizieren und Wirkstoffe systematisch zu prüfen. Tredup erklärt:

Da Verhütungsmittel gesunden Menschen verabreicht werden, müssen sie nicht nur zuverlässig und reversibel sein, sondern auch sehr gut verträglich und möglichst nebenwirkungsarm sein.

Verhütung könnte gerechter werden

Ein wichtiger Ausgangspunkt sind genetische Erkenntnisse. Einige Gene stehen im Zusammenhang mit natürlicher Unfruchtbarkeit. Wenn bestimmte Proteine fehlen oder nicht funktionieren, bleibt eine Befruchtung aus.

Diese Beobachtungen liefern Ansatzpunkte für neue Medikamente. Tredup formuliert es so: „Wir kennen zwar schon eine Reihe an Genen, die mit Unfruchtbarkeit in Verbindung stehen. Im PREVENT-Team wollen wir nun das Knowhow schaffen, um die entsprechenden Proteine als Zielstrukturen für sichere, nichthormonelle Verhütungsstrategien zu nutzen.“

Noch steht die Forschung am Anfang. Klinische Studien stehen nicht unmittelbar bevor. Doch die Studie legt eine wissenschaftliche Grundlage, auf der sich künftig neue Optionen entwickeln lassen könnten.

Kurz zusammengefasst:

  • Immer mehr Menschen hinterfragen hormonelle Verhütung, weil Nebenwirkungen, Wechselwirkungen mit Medikamenten und gesundheitliche Risiken Sorgen auslösen. Deshalb wächst das Interesse an einer Alternative zur Pille, die ohne Eingriff in den Hormonhaushalt auskommt.
  • Ein Forschungsteam der Goethe-Universität Frankfurt am Main entwickelt mit dem Projekt PREVENT neue Methoden, bei denen kleine Moleküle gezielt Proteine in Spermien oder Eizellen blockieren. Dadurch verlieren Spermien ihre Beweglichkeit, sodass eine Befruchtung verhindert werden kann.
  • Ziel sind Verhütungsmittel für Frauen und Männer, die zuverlässig, reversibel und gut verträglich sind. Die Studie schafft damit eine wissenschaftliche Grundlage für künftige hormonfreie Verhütungsoptionen und mehr Wahlfreiheit bei der Familienplanung.

Übrigens: Während Forschende in Deutschland an einer hormonfreien Alternative zur Pille arbeiten, zeigt eine neue Studie aus Japan, wie ein molekularer „Schalter“ die Beweglichkeit von Spermien steuert und damit Fruchtbarkeit überhaupt erst ermöglicht. Wird dieses Protein im Labor aktiviert, schwimmen zuvor unbewegliche Spermien wieder und ermöglichen Nachwuchs. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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