Diabetes kann Zähne kosten: Studie zeigt unterschätztes Risiko
Diabetes kann mehr schädigen als Herz, Nieren oder Gefäße. Neue Daten zeigen, dass die Erkrankung auch Zähne, Zahnfleisch und Zahnimplantate gefährdet.
Hohe Blutzuckerwerte können Zähne und sogar Zahnimplantate schädigen, das ergab eine neue Studie aus Schweden. © Pexels
Diabetes-Geplagte kennen den Ablauf: Blutzucker messen, Werte kontrollieren, Ernährung anpassen, Medikamente nehmen. Ärzte schauen auf Augen, Nieren, Gefäße und Füße, weil erhöhte Zuckerwerte dort schwere Schäden anrichten können. Doch eine neue Doktorarbeit der Universität Göteborg zeigt nun: Auch Zahnfleisch, Zähne und Implantate können unter Diabetes leiden.
Zahnfleisch kann sich entzünden, Zähne können lockerer werden, Implantate können schlechter halten. Die Zahnärztin Anna Trullenque Eriksson wertete dafür Daten aus sieben schwedischen Registern aus und untersuchte Parodontitis, Zahnverlust und Entzündungen rund um Zahnimplantate.
Diese Entzündungen greifen Zähne und Implantate an
Sie untersuchte, wie häufig Parodontitis, Zahnverlust und Periimplantitis bei Menschen mit Diabetes auftreten. Bei Parodontitis verlieren Zähne durch Entzündungen nach und nach Halt. Bei Periimplantitis passiert Ähnliches rund um Zahnimplantate. Am Ende können Zähne ausfallen oder Implantate verloren gehen.
Bei Typ-1-Diabetes umfasste die Analyse 86.273 Menschen. Ihr Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren. Innerhalb von zehn Jahren verlor rund jeder dritte Betroffene mindestens einen Zahn. Bei guter Blutzuckerkontrolle war es etwa jeder vierte. Bei schlechter Kontrolle stieg der Anteil auf 43,5 Prozent. In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes lag der Wert bei 29 Prozent.
Bei Typ-1-Diabetes hing das Risiko also stark an der Blutzuckereinstellung. Wer dauerhaft gute Werte hatte, unterschied sich bei Parodontitis und Zahnverlust nicht erkennbar von vergleichbaren Menschen ohne Diabetes. Bei schlecht eingestelltem Blutzucker traten beide Probleme häufiger auf.
Fast jeder Zweite mit Typ-2-Diabetes verlor einen Zahn
Noch größer war die Datenbasis bei Typ-2-Diabetes. Hier wertete Eriksson Daten von 786.305 Menschen aus. Das Durchschnittsalter lag bei 60 Jahren. Fast jeder zweite Mensch mit Typ-2-Diabetes verlor innerhalb von zehn Jahren mindestens einen Zahn.
Bei Typ-2-Diabetes blieb das Risiko auch bei guter Blutzuckerkontrolle erhöht. Am deutlichsten fiel der Unterschied aber bei schlechten Werten aus. Das spricht dafür, dass bei Typ-2-Diabetes neben dem Blutzucker auch weitere Krankheits- und Lebensumstände eine Rolle spielen.
Manche Diabetes-Betroffene verlieren gleich mehrere Zähne
Die Zahlen bedeuten nicht, dass Diabetes zwangsläufig zu Zahnverlust führt. Sie machen aber deutlich, wie stark das Risiko steigen kann. Besonders auffällig war der Verlust von fünf oder mehr Zähnen. Bei Typ-2-Diabetes betraf das 7,0 Prozent der Menschen. Bei schlechter Blutzuckerkontrolle waren es 12,6 Prozent. In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes lag der Wert bei 3,7 Prozent.
Auch bei Typ-1-Diabetes zeigte sich dieser Unterschied. Insgesamt verloren 3,1 Prozent der Betroffenen innerhalb von zehn Jahren fünf oder mehr Zähne. Bei guter Blutzuckerkontrolle waren es 1,0 Prozent, bei schlechter Kontrolle 5,6 Prozent. In der Vergleichsgruppe ohne Diabetes lag der Wert bei 1,9 Prozent.
Parodontitis stand in der Auswertung außerdem mit weiteren Diabetes-Komplikationen in Verbindung. Bei beiden Diabetesformen war sie mit einem erhöhten Risiko für diabetesbedingte Augen- und Nierenprobleme verknüpft.
Medizinisch passt das zu einem bekannten Mechanismus: Parodontitis entwickelt sich oft über Jahre. Bakterien und entzündetes Gewebe belasten den Körper dauerhaft. Diabetes kann zugleich Abwehrreaktionen und Wundheilung verschlechtern. So können sich Stoffwechselstörung und Entzündung gegenseitig verstärken.
Auch Zahnimplantate können bei Diabetes schlechter halten
Zahnimplantate galten lange als stabile Lösung nach Zahnverlust. Bei Menschen mit Diabetes lohnt sich aber offenbar ein besonders genauer Blick. In Erikssons Auswertung hatten Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes ein höheres Risiko für Periimplantitis und Implantatverlust. Schlechte Blutzuckerwerte verschlechterten die Ergebnisse zusätzlich.
Der Befund ist wichtig, weil Implantate oft über viele Jahre halten sollen. Die neuen Daten liefern Hinweise darauf, dass Diabetes den langfristigen Erfolg einer Implantatbehandlung beeinflussen kann. Der Zusammenhang zwischen Diabetes und schlechterer Mundgesundheit war bereits bekannt, für Implantate liefert die Doktorarbeit nun zusätzliche Langzeitdaten.
Armut und Bildung verschärfen das Risiko
Besonders hoch war das Risiko für vollständigen Zahnverlust bei Menschen mit Diabetes, die zugleich sozial benachteiligt waren. Die Arbeit nennt niedriges Einkommen und kürzere Bildung als wichtige Faktoren; berücksichtigt wurden Daten aus Schweden und Dänemark.
Wer wenig Geld hat, geht oft seltener zur Vorsorge und schiebt Behandlungen eher auf. Zahnersatz und Implantate sind außerdem teuer. Kommen Diabetes und soziale Benachteiligung zusammen, steigt das Risiko für Zahnverlust offenbar besonders stark.
„Unsere Daten stützen die Annahme, dass zahnärztliche Versorgung Teil von Strategien zur Diabetesprävention sein sollte“, resümiert Trullenque Eriksson. Für Patienten heißt das: Bei Diabetes brauchen auch Zahnfleisch, Zähne und Implantate regelmäßige Kontrolle.
Kurz zusammengefasst:
- Diabetes kann nicht nur Augen, Nieren und Gefäße belasten, sondern auch Zähne, Zahnfleisch und Zahnimplantate gefährden.
- Eine Doktorarbeit an der Universität von Göteborg zeigt: Schlechte Blutzuckerwerte erhöhen besonders bei Typ-1-Diabetes das Risiko für Parodontitis und Zahnverlust deutlich.
- Bei Typ-2-Diabetes fällt das Risiko für Zahnverlust auch bei guter Blutzuckerkontrolle höher aus; regelmäßige zahnärztliche Betreuung gehört deshalb zur Diabetes-Vorsorge dazu, besonders bei sozial benachteiligten Menschen.
Übrigens: Diabetes kann nicht nur Zähne und Implantate gefährden, sondern auch die Netzhaut schädigen. Mannheimer Forscher haben einen Mechanismus entdeckt, der erklären könnte, warum bei Diabetes schwere Sehprobleme entstehen – mehr dazu in unserem Artikel.
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