Depression kommt oft aus dem Bauch: Neue Studie zeigt, wie Stress den Darm krank macht

Neue Forschung zeigt, dass Darmgesundheit und Psyche zusammenhängen: Ein Protein namens Reelin verbindet Darmfunktion und depressive Symptome.

Frau mit Bauchschmerzen

Chronischer Stress macht die Darmwand durchlässig und begünstigt so Entzündungen. © Pexels

Depression gehört zu den häufigsten und folgenreichsten Erkrankungen in Deutschland. Nach aktuellen Schätzungen leben hierzulande rund fünf bis sechs Millionen Menschen mit einer behandlungsbedürftigen depressiven Erkrankung. Auffällig ist, dass viele Betroffene nicht nur über seelische Beschwerden klagen, sondern gleichzeitig über Magen-Darm-Probleme berichten. Reizdarm, chronische Bauchschmerzen oder entzündliche Beschwerden treten bei ihnen überdurchschnittlich häufig auf.

Lange galten diese Symptome als Begleiterscheinung von Stress, Lebensstil oder Medikamenten. Inzwischen lässt sich der Zusammenhang genauer fassen. Neue Forschung zeigt, dass chronischer Stress nicht nur die Psyche belastet, sondern auch die Darmbarriere schwächt. Das kann Entzündungen fördern, die sich auf den gesamten Körper auswirken – einschließlich der Stimmung.

Warum Stress auf den Darm schlägt – und Depressionen verstärkt

Psychischer Dauerstress bleibt oft nicht im Kopf. Viele Betroffene spüren ihn zuerst im Bauch – mit Schmerzen, Durchfall oder Entzündungen. Warum das so ist, hat eine Studie der University of Victoria untersucht. Die Forscher zeigen, wie chronischer Stress biologische Abläufe im Darm stört – und damit Prozesse in Gang setzt, die mit depressiven Symptomen zusammenhängen.

Dabei stieß das Team auf einen überraschenden Faktor: ein Protein namens Reelin, bisher vor allem aus der Hirnforschung bekannt. Im Darm hilft es, die Schutzbarriere stabil zu halten. Sinkt der Reelin-Spiegel, wird die Darmwand anfälliger. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine Depression nicht nur im Kopf entsteht, sondern auch mit messbaren Veränderungen im Darm zusammenhängen könnte.

So macht Dauerstress den Darm durchlässig

Der Darm erfüllt eine zentrale Schutzfunktion. Er wirkt wie ein fein regulierter Filter, der Nährstoffe ins Blut lässt und schädliche Stoffe zurückhält. Damit das gelingt, erneuert sich die Darmschleimhaut kontinuierlich. Alte Zellen werden abgestoßen, neue rücken nach. Dieser Prozess dauert normalerweise drei bis fünf Tage und hält die Darmbarriere stabil.

In Experimenten zeigte sich: Chronischer Stress griff eine der wichtigsten Schutzfunktionen des Körpers an. In Tierversuchen wurde Ratten über 21 Tage hinweg täglich ein Stresshormon verabreicht. Die Folge: Die Darmbarriere wurde messbar geschwächt. Entzündungsfördernde Stoffe gelangten leichter ins Blut – ein Befund, wie er auch beim sogenannten „Leaky-Gut“-Syndrom beschrieben wird.

Reelin: Ein Protein schützt die Darmwand

Entscheidend für die Veränderungen im Darm war Reelin. Es kommt im gesamten Körper vor, unter anderem im Darm, im Blut und im Gehirn. Im Verdauungstrakt unterstützt es die Erneuerung der Darmschleimhaut und sorgt dafür, dass beschädigte Zellen rasch ersetzt werden.

Unter chronischem Stress sank die Menge dieses Proteins im Dünndarm jedoch stark. Die Forschenden stellten einen Rückgang der Reelin-positiven Zellen um etwa 50 Prozent fest. Gleichzeitig verlangsamte sich die Zellerneuerung der Darmwand deutlich. Die Barriere wurde anfälliger für Entzündungen. Studienleiter Hector Caruncho ordnet den Befund so ein: „Die Darm-Hirn-Achse wird immer wichtiger, um viele psychische Erkrankungen zu verstehen, auch Depressionen.“

Eine einmalige Gabe mit messbarem Effekt

Überraschend war, wie gezielt sich diese Veränderungen beeinflussen ließen. Den gestressten Tieren wurde einmalig Reelin über die Blutbahn verabreicht – in einer sehr geringen Menge von 3 Mikrogramm. Schon diese einzelne Gabe reichte aus, um zentrale Prozesse im Darm messbar zu verbessern.

Die Menge an Reelin im Darm normalisierte sich weitgehend. Auch die Erneuerung der Darmzellen nahm wieder zu. Im Vergleich zu stark gestressten Tieren ohne Behandlung erholten sich diese Prozesse um rund 50 bis 55 Prozent. Gleichzeitig besserten sich stressbedingte Verhaltensänderungen, die zuvor als depressionsähnlich bewertet worden waren.

Erstautorin Ciara Halvorson fasst die Bedeutung vorsichtig zusammen: „Zusammengenommen könnten diese Ergebnisse wichtige Hinweise für den Umgang mit schweren Depressionen liefern.“

Entzündungen als Schnittstelle zur Darm-Hirn-Achse

Der zugrunde liegende Mechanismus funktioniert wie folgt: Chronischer Stress senkt den Reelin-Spiegel. Die Darmbarriere wird durchlässiger. Entzündungsstoffe gelangen ins Blut. Das Immunsystem bleibt aktiviert. Diese Signale können anschließend Prozesse der Darm-Hirn-Achse beeinflussen, also jene Kommunikationswege, über die Darm und Gehirn miteinander verbunden sind.

Ein wichtiges Detail der Studie: Die Veränderungen im Darm standen nicht direkt mit den Reelin-Werten im Gehirn in Zusammenhang. Der Darm reagierte eigenständig auf Stress. Er ist kein bloßer Spiegel psychischer Prozesse, sondern ein eigenes Zielorgan, das unter Dauerbelastung Schaden nimmt.

Die Forschenden betonen klar die Grenzen ihrer Arbeit. Die Ergebnisse stammen aus einem Tiermodell. Eine Anwendung beim Menschen ist damit nicht belegt. Dennoch liefern die Daten wichtige Hinweise für das Verständnis von Depressionen, besonders bei Menschen mit gleichzeitigen Magen-Darm-Beschwerden.

Kurz zusammengefasst:

  • Stress wirkt bis in den Darm: Eine Studie zeigt, dass chronischer Stress die Darmbarriere schwächt, Entzündungen fördert und mit depressiven Symptomen verbunden ist.
  • Reelin spielt eine Schlüsselrolle: Sinkt dieses Protein im Darm, verliert die Darmwand an Stabilität und entzündliche Stoffe gelangen leichter ins Blut.
  • Depression betrifft mehr als die Psyche: Die Ergebnisse aus einem Tiermodell deuten darauf hin, dass der Darm eigenständig auf Stress reagiert und zur Erkrankung beitragen kann.

Übrigens: Nicht nur Stress greift Darm und Psyche an – auch starkes Übergewicht verändert Gehirn und Darmflora und kann Angstzustände fördern, wie neue Versuche zeigen. Warum Ernährung damit schneller auf die seelische Gesundheit wirkt als lange gedacht, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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