Darmbakterien als Anti-Aging-Motor: Forscher entdecken neuen Weg zu längerem Leben

Beim Altern könnten Darmbakterien entscheidend sein: Ein neuer Wirkstoff beeinflusst sie gezielt und verändert altersrelevante Prozesse.

Älteres Paar trinkt Tee

Ein gesunder Stoffwechsel und ein stabiles inneres Gleichgewicht gelten als wichtige Voraussetzungen für ein langes Leben – zunehmend rücken dabei auch Prozesse im Darm in den Blick der Forschung. © Pexels

Viele Menschen merken mit den Jahren, dass sich der Körper verändert. Cholesterinwerte steigen, der Zuckerstoffwechsel gerät leichter aus dem Takt, die Energie lässt nach. Lange galt das als Folge von Alterung in Zellen und Organen. Neue Forschung legt nun nahe, dass ein Teil dieser Entwicklung im Darm beginnt und dass Darmbakterien für gesundes Altern eine größere Rolle spielen könnten als bisher angenommen.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich diese Mikroorganismen gezielt beeinflussen lassen. Zum Einsatz kommt ein Wirkstoff, der fast ausschließlich im Verdauungstrakt wirkt. Er verändert nicht den Körper selbst, sondern die Aktivität bestimmter Darmbakterien. Diese produzieren daraufhin vermehrt einen Stoff, der in Tiermodellen mit stabileren Stoffwechselwerten und einer längeren Lebensspanne verbunden ist.

Darmbakterien verändern das Altern über Colansäure

Im Zentrum der Untersuchung steht Colansäure. Dabei handelt es sich um ein Zuckerpolymer, das einige Darmbakterien natürlicherweise herstellen, allerdings meist nur in geringen Mengen. Frühere Experimente hatten gezeigt, dass dieser Stoff bei Fadenwürmern und Fruchtfliegen mit einer verlängerten Lebensspanne einhergeht. Die neue Studie prüfte, ob sich diese Produktion gezielt steigern lässt.

Die Forschenden arbeiteten mit einer sehr niedrigen Dosis des Antibiotikums Cephaloridin. Entscheidend war nicht seine bekannte Wirkung gegen Bakterien. Die eingesetzte Menge lag deutlich unterhalb jener Konzentration, die Keime abtötet oder ihr Wachstum hemmt. Stattdessen veränderte sie den Stoffwechsel der Mikroorganismen. Die Bakterien blieben aktiv, produzierten aber deutlich mehr Colansäure.

In Versuchen mit Fadenwürmern lebten die Tiere rund 14 Prozent länger, wenn sie mit entsprechend behandelten Bakterien in Kontakt kamen. Wachstum und Bewegungsverhalten blieben unauffällig. Der Effekt trat wiederholt auf und ließ sich stabil nachweisen.

Ein Wirkstoff, der gezielt im Darm aktiv wird

Cephaloridin besitzt eine besondere Eigenschaft. Es wird über den Darm kaum aufgenommen und gelangt nur in minimalen Mengen ins Blut. In der Humanmedizin galt das lange als Nachteil, weshalb der Wirkstoff heute kaum noch eingesetzt wird. Für den neuen Ansatz wird genau diese Eigenschaft relevant. Der Stoff wirkt dort, wo sich die Darmbakterien befinden, ohne andere Organe direkt zu beeinflussen.

Die Studie entstand unter Beteiligung des Howard Hughes Medical Institute. Sie verfolgt einen Ansatz, der sich deutlich von klassischen Anti-Aging-Strategien unterscheidet. Statt in menschliche Zellen einzugreifen oder Signalwege zu blockieren, verändert sich die Umgebung im Darm so, dass Bakterien selbst gesundheitsrelevante Stoffe herstellen.

Positive Effekte auf den Stoffwechsel im Alter

Die Effekte beschränken sich nicht auf einfache Organismen. Auch bei Mäusen zeigten sich Veränderungen, die mit dem Altern zusammenhängen. Tiere, die über mehrere Monate eine niedrige Dosis des Wirkstoffs erhielten, entwickelten im höheren Alter günstigere Stoffwechselwerte. Beobachtet wurden unter anderem:

  • ein geringerer Anstieg des LDL-Cholesterins bei männlichen Mäusen
  • niedrigere Insulinwerte bei weiblichen Mäusen
  • ein stabileres Verhältnis von LDL- zu HDL-Cholesterin

Auffällig blieb, was nicht geschah: Die Vielfalt der Darmbakterien blieb erhalten. Es kam nicht zu einer Ausdünnung der Darmflora. Die Bakterien wurden also nicht verdrängt, sondern funktionell verändert. Auch typische Nebenwirkungen, wie sie bei klassischen Antibiotika auftreten, zeigten sich nicht.

Die Dosis macht den Unterschied

Ein zentrales Ergebnis der Arbeit betrifft die Menge des Wirkstoffs. Höhere Dosen erzielten keinen positiven Effekt. Erst im sehr niedrigen Bereich reagierten die Bakterien wie gewünscht. Zu viel Chemie blockierte den Mechanismus offenbar.

Im Inneren der Mikroorganismen reagieren spezielle Sensorproteine auf diese feinen Veränderungen. Sie steuern, welche Gene aktiv sind und welche nicht. In diesem Fall wird ein normalerweise gebremster Produktionsweg freigeschaltet. Die Bakterien produzieren Colansäure selbst bei Temperaturen, bei denen sie es sonst kaum herstellen.

Hinweise aus menschlichen Daten

Ergänzend wertete das Team vorhandene Daten aus Darmproben sehr alter Menschen aus. Dabei zeigte sich, dass Bakterien mit den passenden genetischen Voraussetzungen für Colansäure bei Hundertjährigen etwas häufiger vorkommen als bei jüngeren Vergleichsgruppen. Diese Beobachtung erlaubt keine Schlussfolgerung über Ursache und Wirkung. Sie passt jedoch zu dem Bild aus den Tiermodellen.

Die Ergebnisse liefern keinen Anlass, Medikamente einzunehmen oder den eigenen Darm gezielt zu manipulieren. Der Ansatz befindet sich klar im Forschungsstadium. Er zeigt jedoch, dass Altern nicht ausschließlich in menschlichen Zellen beginnt. Darmbakterien lassen sich so beeinflussen, dass sie aktiv zu einem stabileren Stoffwechsel beitragen können.

Kurz zusammengefasst:

  • Gesundes Altern beginnt im Darm: Darmbakterien beeinflussen Stoffwechsel und Entzündungen und können so gesteuert werden, dass sie gesundheitsfördernde Stoffe produzieren.
  • Ein kaum resorbiertes Medikament wirkt indirekt: Eine sehr niedrige Dosis bleibt im Darm, verändert dort den bakteriellen Stoffwechsel und erhöht die Bildung von Colansäure, was in Tiermodellen die Lebensspanne verlängerte.
  • Die Effekte sind messbar, aber noch keine Therapie: Bei Würmern und Mäusen verbesserten sich Lebensdauer und Stoffwechselwerte, beim Menschen gibt es bisher nur Hinweise aus Beobachtungsdaten und keinen Anlass für eine Anwendung im Alltag.

Übrigens: Warum manche Menschen mit 85 noch fit sind und andere deutlich früher erkranken, lässt sich nicht allein durch den Lebensstil erklären – neue Daten verweisen auf sehr alte genetische Prägungen aus Europas Frühgeschichte. Welche Rolle diese uralten Gene für Langlebigkeit spielen und warum sie gerade bei Hundertjährigen häufiger vorkommen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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