Mentales Zeitreisen: Warum manche Menschen ständig an die Zukunft denken – und andere kaum

Mentales Zeitreisen kann laut Bochumer Forschung helfen, den Alltag besser zu planen, aber auch negative Gedankenschleifen fördern.

Die Studie zeigt, warum manche Menschen gedanklich häufiger in die Zukunft reisen und vorausplanen als andere. © Freepik

Die Studie zeigt, warum manche Menschen gedanklich häufiger in die Zukunft reisen und vorausplanen als andere. © Freepik

Entscheidungen fallen selten spontan. Oft läuft im Kopf schon vorher ein Szenario ab. Ein Gespräch wird durchgespielt, ein Termin vorausgedacht, mögliche Folgen werden abgewogen. Dieses sogenannte mentale Zeitreisen ist für viele Menschen selbstverständlich. Es hilft, Abläufe zu planen und Fehler zu vermeiden. Es kann jedoch auch in Grübeln kippen und Stress verstärken. Doch nicht jeder nutzt diese Fähigkeit gleich stark.

Eine Veröffentlichung der Ruhr-Universität Bochum liefert dafür eine Erklärung. Der Psychologe Ekrem Dere beschreibt einen Mechanismus im Gehirn, der dieses Verhalten verstärkt. Seine Arbeit erschien jüngst im Fachjournal Psychological Review.

Warum mentales Zeitreisen im Gehirn spürbar belohnt wird

Die Grundidee wirkt zunächst einfach. Wer sich eine mögliche Zukunft vorstellt, aktiviert im Gehirn ein System, das auf Belohnung reagiert. Dieser Effekt entsteht vor allem dann, wenn eine gedachte Lösung sinnvoll erscheint.

Dere erklärt: „Der Vorteil des zukunftsorientierten mentalen Zeitreisens ist klar. Es ermöglicht uns, im Alltag erfolgreicher zu sein und weniger Stress zu haben, da die Zukunft vorhersehbarer wird und sich leichter planen lässt.“ Das Gehirn speichert diese Erfahrung. Es merkt sich, dass Vorausdenken hilfreich war. Dadurch entstehen häufiger ähnliche Gedanken. Aus einzelnen Überlegungen wird mit der Zeit eine Gewohnheit.

Ekrem Dere forscht an der Ruhr-Universität Bochum.
RUB, Kramer Ekrem Dere forscht an der Ruhr-Universität Bochum zur Frage, warum manche Menschen gedanklich weiter vorausplanen als andere. © RUB, Kramer

Ein Lernprinzip erklärt, warum manche Menschen häufiger vorausdenken

Hinter diesem Prozess steckt ein bekanntes Prinzip. Verhalten wiederholt sich, wenn es als positiv erlebt wird. In der Psychologie spricht man von operanter Konditionierung. Beim Zukunftsdenken läuft dieser Ablauf Schritt für Schritt:

  • Eine Situation wird gedanklich vorweggenommen
  • Eine mögliche Lösung entsteht
  • Das Gehirn bewertet diese Lösung als hilfreich
  • Ähnliche Gedanken treten künftig häufiger auf

So lässt sich erklären, warum manche Menschen ständig planen und Szenarien durchspielen. Ihr Gehirn reagiert stärker auf diesen Effekt. Die Theorie geht noch weiter. Sie verbindet dieses Verhalten mit dem sogenannten mesolimbischen Dopamin-System. Dieses System steuert Motivation und Belohnung. Menschen, die häufiger an die Zukunft denken, könnten ein besonders reaktives System haben. Das ließe sich laut Dere sogar mit Hirnscans untersuchen.

Wer regelmäßig vorausdenkt, hat oft klare Vorteile. Entscheidungen fallen strukturierter aus. Risiken werden früher erkannt. Abläufe lassen sich besser planen. Der Alltag wirkt dadurch oft überschaubarer. Weniger Unsicherheit führt häufig zu weniger Stress. Doch dieser Mechanismus kann auch kippen.

Wenn mentales Zeitreisen in Grübeln übergeht

Gedanken an die Zukunft bleiben nicht immer neutral. Viele Menschen neigen dazu, vor allem negative Szenarien zu entwerfen. Fehler, Risiken oder mögliche Probleme stehen dann im Mittelpunkt. Dere beschreibt diesen Effekt so: „In einem pathopsychologischen Kontext kann die kognitive Funktion des mentalen Zeitreisens auch von krankheitserhaltenden Prozessen vereinnahmt werden.“ Das hat konkrete Folgen:

  • Negative Erfahrungen werden in die Zukunft übertragen
  • Erwartungen werden pessimistischer
  • Ängste nehmen zu

Diese Gedanken lösen häufig Vermeidungsverhalten aus. Entscheidungen werden verschoben. Situationen wirken belastender als nötig.

Negative Gedankenschleifen können sich festsetzen

Wenn sich solche Zukunftsbilder wiederholen, verstärkt sich der Effekt. Das Gehirn speichert auch diese Muster. Sie werden zur Gewohnheit. Die Folgen können deutlich sein:

  • Das Selbstbild verschlechtert sich
  • Stress nimmt zu
  • Probleme erscheinen größer, als sie sind

Im Extremfall können sich solche Prozesse verfestigen. Dere weist darauf hin, dass psychische Belastungen dadurch länger bestehen bleiben können.

Wie sich mentales Zeitreisen gezielt beeinflussen lässt

Entscheidend ist nicht, ob Menschen an die Zukunft denken, sondern wie sie es tun. Der Blick nach vorn kann entlasten oder belasten.

Aus diesem Grund wäre es wichtig, konstruktives und adaptives zukunftsorientiertes mentales Zeitreisen psychotherapeutisch zu trainieren und katastrophisierende Zukunftsprojektionen zu erkennen und zu stoppen.

Ekrem Dere

Konkret geht es darum, Zukunftsbilder bewusst zu steuern, den Fokus stärker auf Lösungen zu legen und negative Gedankenschleifen frühzeitig zu erkennen.

Kurz zusammengefasst:

  • Mentales Zeitreisen hilft, Situationen vorauszudenken, Entscheidungen besser zu treffen und Stress zu reduzieren, weil das Gehirn hilfreiche Zukunftsbilder als „belohnend“ speichert.
  • Dieser Effekt folgt einem Lernprinzip: Was sich gut anfühlt, wird häufiger wiederholt – deshalb denken manche Menschen besonders oft an die Zukunft.
  • Kippt dieser Mechanismus ins Negative, entstehen Grübelschleifen, die Stress verstärken – entscheidend ist daher, Zukunftsbilder bewusst konstruktiv zu steuern.

Übrigens: Während mentales Zeitreisen beim Planen hilft oder ins Grübeln kippen kann, zeigt eine neue Studie, dass Optimisten und Pessimisten Zukunft im Gehirn völlig unterschiedlich verarbeiten. Warum manche Köpfe dabei sogar im Gleichklang denken, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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