Geburtsmonat beeinflusst Übergewicht – und entscheidet über Essgewohnheiten

Der Geburtsmonat kann mitentscheiden, wie hoch das Risiko für Übergewicht im Jugendalter ist – besonders innerhalb einer Schulklasse.

Schüler essen in der Kantine

Jüngere Schüler essen häufiger ungesund und haben ein erhöhtes Risiko für Übergewicht. © Freepik

In jeder Schulklasse gibt es deutliche Altersunterschiede. Manche Schülerinnen und Schüler sind fast ein Jahr älter als andere. Im Jugendalter ist das viel Zeit. Eine europaweite Analyse zeigt, dass der Geburtsmonat innerhalb eines Jahrgangs mit darüber entscheidet, wie sich Essgewohnheiten entwickeln und wie hoch das Risiko für Übergewicht ist.

Für die Untersuchung wurden rund 600.000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 17 Jahren untersucht. Die Jüngsten eines Jahrgangs trinken häufiger Softdrinks, essen seltener Obst und Gemüse und lassen öfter das Frühstück aus als ihre älteren Mitschüler.

Geburtsmonat beeinflusst Übergewicht im Klassenverband

Im Durchschnitt sind 13,9 Prozent der untersuchten Jugendlichen objektiv übergewichtig. Fast ein Drittel, genau 31,9 Prozent, empfindet sich selbst als „zu dick“. 44,1 Prozent geben an, gerade eine Diät zu machen.

Doch innerhalb einer Klasse zeigen sich deutliche Unterschiede. „Beim objektiven Übergewicht gemessen am Body-Mass-Index sehen wir zum Beispiel, dass die Jüngsten innerhalb eines Schuljahrgangs eine um rund zwei Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit haben, übergewichtig zu sein, als die Ältesten“, erklärt Dr. Sven Hartmann von der Universität Trier. „Jungs sogar noch stärker als Mädchen.“

Zwei Prozentpunkte klingen zunächst gering. Bezogen auf das durchschnittliche Risiko von 13,9 Prozent ist dieser Unterschied jedoch statistisch relevant.

Jüngere schneiden schlechter ab

Auch beim Essverhalten zeigen sich klare Muster. Rund 29,8 Prozent der Jugendlichen trinken mindestens fünfmal pro Woche Softdrinks. 38,5 Prozent essen ebenso häufig Süßigkeiten. Obst steht nur bei 38,7 Prozent an mindestens fünf Tagen pro Woche auf dem Speiseplan, Gemüse bei 52,5 Prozent. Relativ ältere Schüler schneiden hier besser ab:

  • Sie essen häufiger Gemüse (+2,4 Prozentpunkte bei zwölf Monaten Altersvorsprung).
  • Sie greifen öfter zu Obst (+2,2 Prozentpunkte).
  • Sie trinken seltener Softdrinks (–2,3 Prozentpunkte).
  • Sie essen weniger häufig Süßigkeiten (–1,5 Prozentpunkte).

Auch das Frühstück spielt eine Rolle. 63,6 Prozent frühstücken an allen Schultagen. Am Wochenende sind es 93,4 Prozent. „Jüngere Schüler lassen an Schultagen häufiger das Frühstück ausfallen“, so Hartmann.

Klassenrang beeinflusst Verhalten und Gesundheit

Der Zusammenhang bleibt bestehen, auch wenn Faktoren wie Geschlecht, familiäre Situation oder sozioökonomischer Hintergrund berücksichtigt werden. Die Forschenden schlossen zudem Länder ohne einheitlichen Einschulungsstichtag aus, um Verzerrungen zu vermeiden.

Wichtig ist: Es geht nicht um das kalendarische Alter allein. Entscheidend ist die Position innerhalb der Klasse. Zwei Kinder mit gleichem Geburtsjahr können sich unterschiedlich entwickeln, wenn eines zu den Jüngsten gehört und das andere zu den Ältesten.

Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass relativ jüngere Kinder häufiger unter mentalen Problemen leiden, schlechtere Noten schreiben oder seltener Sport treiben. Nun kommen Hinweise auf Unterschiede beim Essverhalten hinzu.

Soziale Dynamik verstärkt den Effekt

Warum wenige Monate so viel ausmachen können, ist noch nicht abschließend geklärt. Die Forscher vermuten soziale Mechanismen. Ältere Mitschüler wirken oft reifer. Sie setzen Trends. Jüngere passen sich an. Ungesunde Gewohnheiten können sich so schneller verbreiten.

Hinzu kommt möglicher sozialer Druck. Wer körperlich kleiner oder weniger entwickelt wirkt, könnte versuchen, Anschluss zu finden. Essen kann dann eine Rolle spielen – als Ausgleich oder als Anpassung.

Schulessen kann Unterschiede abschwächen

Ein besonders aufschlussreicher Befund betrifft Länder mit flächendeckendem Schulessen. Dort sind die Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Schülerinnen und Schülern deutlich kleiner. Feste Mahlzeiten im Schulalltag scheinen Altersnachteile teilweise auszugleichen. „Institutionelle Strukturen können altersbedingte Unterschiede abmildern“, sagt Hartmann. Gemeint sind regelmäßige Schulmahlzeiten und verbindliche Essenszeiten.

In Ländern ohne solche Angebote zeigen sich stärkere Unterschiede innerhalb der Klassen. Dort hat ein Altersvorsprung von bis zu zwölf Monaten messbare Vorteile: Das Risiko für objektives Übergewicht liegt bei relativ älteren Schülern um 2,4 Prozentpunkte niedriger als bei den jüngeren Mitschülern. Auch die Wahrscheinlichkeit, eine Diät zu machen, ist um 3,2 Prozentpunkte geringer. Gleichzeitig steigt die Quote derjenigen, die an allen Schultagen frühstücken, um 3,2 Prozentpunkte. Das bedeutet nicht, dass Schulessen Übergewicht erhöht oder senkt. Vielmehr verringert es den Abstand zwischen jüngeren und älteren Schülern.

Die Daten stammen aus der internationalen Untersuchung „Health Behaviour in School-Aged Children“. Zwischen 2001 und 2018 wurden rund 600.000 Jugendliche aus 30 europäischen Ländern fünfmal befragt.

Kurz zusammengefasst:

  • Der Geburtsmonat beeinflusst innerhalb einer Klasse das Risiko für Übergewicht: Relativ jüngere Schülerinnen und Schüler haben eine um rund zwei Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu sein, trinken häufiger Softdrinks, essen seltener Obst und Gemüse und lassen öfter das Frühstück aus.
  • Der Unterschied entsteht durch die Position im Klassenverband – nicht durch das kalendarische Alter: Selbst bei vergleichbarem familiärem Hintergrund und Geschlecht bleibt der Effekt bestehen, besonders deutlich bei Jungen.
  • Schulstrukturen können gegensteuern: In Ländern mit flächendeckendem Schulessen fallen die Unterschiede deutlich schwächer aus, was zeigt, dass feste Mahlzeiten und klare Routinen altersbedingte Nachteile abmildern können.

Übrigens: Wer sein Krebsrisiko senken will, sollte weniger auf einzelne „Wunderlebensmittel“ achten und stärker auf das eigene Körpergewicht. Fachanalysen zeigen, dass Übergewicht deutlich mehr Krebsfälle begünstigt als lange angenommen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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