Einsame Gen Z leidet still: Warum junge Erwachsene Nähe wollen, aber Kontakte meiden

Ein Stanford-Psychologe erklärt, wie junge Erwachsene ihre sozialen Chancen verpassen – und wie sie das ändern können.

Psychologe warnt: Einsame Gen Z unglücklicher als je zuvor

Wer Kontakte meidet, verliert Lebensfreude. Die Gen Z steckt in einer Spirale der sozialen Angst. © Pexels

Die Generation Z steht vor einer paradoxen Herausforderung: Sie sehnt sich nach Nähe, scheut aber den ersten Schritt. Laut Jamil Zaki, Psychologe an der Stanford University, unterschätzen viele einsame junge Erwachsene, wie sehr ihre Altersgenossen ebenfalls soziale Verbindungen suchen. Diese Fehleinschätzung der Gen Z kann ernsthafte Folgen haben – für das persönliche Wohlbefinden, aber auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Zeit mit Freunden verbringen, Fremden durch Freiwilligenarbeit helfen, über unsere Probleme sprechen – all das steigert das Glück, verringert Stress und lindert sogar die Symptome einer Depression.“, sagt Zaki. Doch genau das bleibe bei vielen aus. Während ältere Erwachsene weiterhin relativ zufrieden mit ihrem Leben sind, scheint das emotionale Wohlbefinden der jungen Generation dramatisch zu sinken.

Der Wandel der Glückskurve

Lange galt in der Forschung ein einfaches Muster – die sogenannte Glückskurve: Junge Erwachsene waren am glücklichsten, in der Lebensmitte sank die Zufriedenheit, im Alter stieg sie wieder. Heute ist das anders. „Der Abwärtstrend beim Wohlbefinden junger Erwachsener ist so weit verbreitet und intensiv, dass er die Glückslandschaft verändert hat“, erklärt Zaki. Die sogenannte U-Kurve der Lebenszufriedenheit sei zu einer durchgehenden Aufwärtslinie geworden – nur dass diese mit der Gen Z jetzt ganz unten beginne.

Zaki sieht zwei zentrale Gründe für diesen Trend: Erstens die wachsende ökonomische Unsicherheit, zweitens eine Medienlandschaft, die Negativität fördert. „Die Präsenz von Trauer und Wut in den Schlagzeilen hat sich seit Beginn des Jahrhunderts mehr als verdoppelt“, betont er. Gerade junge Menschen, die besonders viel Zeit mit digitalen Medien verbringen, erleben dadurch eine regelrechte Überflutung mit schlechten Nachrichten.

Selbstfürsorge – aber ohne Verbindung

Ironischerweise boomt in genau dieser Zeit das Konzept der „Self-Care“. Wellness, Rückzug, Alleinsein – viele dieser Aktivitäten sind heute mit positiven Assoziationen verbunden. Doch Zaki gibt zu bedenken:

Natürlich ist es überhaupt nicht falsch, für uns selbst zu sorgen! Aber so richtig blüht man meistens erst da draußen auf, bei anderen Menschen.

Die Suche nach Wohlbefinden dürfe nicht beim Einzelnen enden. Soziale Nähe, gemeinsames Erleben und gegenseitige Unterstützung wirken nachweislich stärker und nachhaltiger. Trotzdem zieht sich die Gen Z laut Zaki zunehmend zurück.

Soziale Trägheit und stille Zweifel

Was hält junge Menschen davon ab, aufeinander zuzugehen? Zaki spricht von „social inertia“ – einer Art sozialen Trägheit. Online lässt sich fast alles erledigen: bestellen, lernen, beten. Der Weg nach draußen kostet mehr Überwindung als früher. „Ausgehen ist wie Sport: Wir fühlen uns danach besser, aber es kostet Energie, anzufangen“, sagt er.

Hinzu komme eine subtile Form des Zynismus. Viele Mitglieder der Gen Z gingen davon aus, dass andere nicht besonders freundlich, offen oder vertrauenswürdig seien. Doch dieser Eindruck täusche oft. „Menschen unterschätzen, wie warmherzig, aufgeschlossen, freundlich und vertrauenswürdig andere sind“, sagt Zaki. Wer sich von dieser Annahme leiten lässt, bleibt lieber allein – und beraubt sich der Chance auf echte Nähe.

Falsche Vorstellungen vom Anderen

Besonders drastisch sind diese Fehleinschätzungen dem Psychologen zufolge in politischen Kontexten. Zaki nennt konkrete Beispiele: In seinem Labor hätten Forscher untersucht, wie Demokraten und Republikaner sich gegenseitig wahrnehmen. Beide Gruppen hielten ihre politischen Gegner für doppelt so hasserfüllt und viermal so gewaltbereit, wie sie tatsächlich sind.

„Wenn Sie dies über die „andere Seite“ glauben, ist es verständlich, dass Sie sie um jeden Preis meiden – und das tun wir auch.“, sagt Zaki. Die Folge: Weniger Dialog, mehr Isolation, tiefere Gräben. Doch auch hier hat sich gezeigt, dass direkte Gespräche vieles verändern können. In Experimenten seines Teams führten politisch Andersdenkende Zoom-Gespräche über Themen wie Abtreibung oder Klimawandel. „Sie waren schockiert, wie positiv sie waren und wie offen, vernünftig, einfühlsam und friedlich die andere Person ist“, berichtet Zaki.

Die unterschätzte Sehnsucht nach Nähe

Besonders spannend: Selbst an Orten, wo man es nicht vermuten würde, existiert große Sehnsucht nach Verbindung. Ein Beispiel ist die Uni Stanford selbst. Gemeinsam mit dem Postdoc Rui Pei untersuchte Zaki die soziale Dynamik unter Studierenden. Sie stellten fest, dass fast alle ein starkes Bedürfnis nach Austausch und Freundschaft verspürten – aber dachten, ihre Mitstudierenden seien nicht daran interessiert.

Um dem entgegenzuwirken, entwickelte das Team eine Intervention. In einigen Wohnheimen hängten sie Plakate auf, die zeigten, wie freundlich, empathisch und kontaktbereit die anderen Studierenden tatsächlich waren. „Wir haben sie auch dazu angehalten, sich gegenseitig zu trauen“, so Zaki. Das Ergebnis: Sechs Monate später hatten die beteiligten Studierenden mehr Freundschaften geschlossen als zuvor.

Ein Plädoyer für den ersten Schritt

Zaki sieht in der Forschung wichtige Hinweise für gesellschaftliche Lösungen – auch über Stanford hinaus. Die Erkenntnisse können helfen, Isolation zu bekämpfen, Missverständnisse zu klären und neue Verbindungen zu schaffen. Für die Gen Z bedeute das: Mut zeigen, zuhören, rausgehen. Die Chancen auf ehrliche Nähe stünden besser, als viele glauben.

Wenn wir dieses Misstrauen loslassen und stattdessen nach draußen gehen und die Welt erkunden, gibt es viel zu lernen und noch mehr zu gewinnen.

Jamil Zaki

Übrigens: Die Stanford University veröffentlichte die Forschungsergebnisse auch im aktuellen World Happiness Report 2025, in dem Zaki und Pei ein eigenes Kapitel zur sozialen Verbundenheit beisteuerten. Zudem erschien vor Kurzem Zakis Buch „Hope for Cynics: The Surprising Science of Human Goodness“.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Gen Z sehnt sich nach sozialer Nähe, unterschätzt aber stark, wie sehr andere ebenfalls Kontakt wollen.
  • Soziale Isolation und mediale Negativität belasten das Wohlbefinden der Gen Z stärker als bei anderen Altersgruppen.
  • Studien zeigen: Schon kleine Impulse und ehrliche Begegnungen helfen jungen Erwachsenen, neue Freundschaften zu knüpfen.

Übrigens: Zynismus wirkt nicht nur wie ein Schutzschild – er kann krank machen, Beziehungen belasten und ganze Gesellschaften schwächen. Warum Hoffnung kein naiver Ausweg, sondern ein notwendiger Schritt ist, erklärt Jamil Zaki in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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