Ein Jahr legales Cannabis – Warum Apotheken kaum eine Rolle spielen

Apotheken verkaufen längst legales Cannabis. Viele Deutsche wissen das nicht – und kaufen weiter illegal.

Cannabis aus Apotheken: Deutsche zeigen Zustimmung

Medizinisches Cannabis findet breite Zustimmung in der Bevölkerung. © Vecteezy

Seit einem Jahr ist Cannabis in Deutschland unter bestimmten Bedingungen legal. Erwachsene dürfen bis zu 25 Gramm zum Eigenkonsum besitzen, bis zu drei Pflanzen privat anbauen und Cannabis in sogenannten Anbauvereinen gemeinschaftlich kultivieren. Der Verkauf in Fachgeschäften bleibt verboten. Auch medizinisches Cannabis ist weiter erlaubt – allerdings nur auf Rezept in Apotheken und weitgehend unbeachtet von der öffentlichen Debatte.

Politisch bleibt das Gesetz ein Zankapfel. Während Grüne und FDP es als Fortschritt feiern, kündigte die Union in den laufenden Koalitionsverhandlungen mit der SPD bereits an, die Teillegalisierung wieder rückgängig machen zu wollen. Ob die SPD diesen Kurs mitträgt, ist offen – im Sondierungspapier findet sich laut Spiegel lediglich der Hinweis: „Wir machen die Teillegalisierung von Cannabis rückgängig“ – ein Vorschlag der Union aus dem Mund des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann in der Augsburger Allgemeinen, nicht geeint mit der SPD.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen: Die Teilfreigabe scheint erste positive Effekte zu zeigen – und medizinisches Cannabis ist gesellschaftlich deutlich akzeptierter, als oft angenommen.

Mehrheit für kontrollierte Cannabis-Abgabe über Apotheken

Eine repräsentative Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag der Online-Plattform DrAnsay.com zeigt: Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet eine kontrollierte Abgabe von Cannabis – vor allem, wenn sie über Apotheken erfolgt. 52 Prozent der Befragten unterstützen diesen Weg. Nur 29 Prozent sprachen sich dagegen aus, 18 Prozent waren unentschlossen. DrAnsay.com wird von dem Juristen Can Ansay betrieben, der laut FAZ durch den Online-Verkauf von Krankschreibungen zum Millionär wurde und in der Ärzteschaft umstritten ist.

Besonders hoch ist die Zustimmung, wenn es um Cannabis als Medikament geht. 72 Prozent der Befragten halten den Einsatz zu Therapiezwecken für sinnvoll – vor allem bei chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, ADHS oder starkem Stress. Ein Drittel gab an, selbst unter solchen Beschwerden zu leiden. Doch trotz der breiten Zustimmung ist das Wissen über die bestehenden Möglichkeiten begrenzt: Fast die Hälfte (49 Prozent) wusste nicht, dass Apotheken schon heute medizinisches Cannabis anbieten dürfen – vorausgesetzt, es liegt ein ärztliches Rezept vor.

Cannabis auf Rezept – akzeptiert, aber kaum genutzt

Die Diskrepanz zwischen Zustimmung und tatsächlicher Nutzung ist groß. Laut Umfrage kaufen bisher nur zwei Prozent der Menschen ihr Cannabis in der Apotheke. Zehn Prozent gaben an, seit Inkrafttreten des neuen Gesetzes Cannabis konsumiert zu haben. Das legt nahe: Der medizinische Weg wird zwar begrüßt, bleibt aber ein Nischenphänomen – oft schlicht aus Unkenntnis.

Auch beim Thema Risiko zeigt sich ein Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung. 32 Prozent halten Alkohol für gefährlicher als Cannabis, nur 13 Prozent sehen Cannabis als riskanter an. Die Hälfte der Befragten stuft beide Substanzen als etwa gleich gefährlich ein. Das deckt sich mit der Einschätzung vieler Mediziner, die auf geringere Abhängigkeitsraten und ein geringeres Gefahrenpotenzial von Cannabis im Vergleich zu Alkohol hinweisen.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage zeigt, wie emotional das Thema politisch aufgeladen ist. Jeder Fünfte gab in der YouGov-Umfrage an, keine Partei mehr wählen zu wollen, die Cannabis erneut verbieten möchte.

Neue Wege in der Behandlung – vor allem bei Jugendlichen

Positive Effekte zeigt die Teillegalisierung auch in der Psychiatrie. Der Psychiater Maurice Cabanis berichtet laut Tagesschau, dass jugendliche Konsumenten vor der Gesetzesänderung häufig als Täter eingestuft und auf geschlossene Stationen gebracht wurden. Nun könnten sie offen über ihren Konsum sprechen, ohne Angst vor Strafverfolgung – und auf offenen Stationen behandelt werden. „Wir können sie jetzt anders behandeln“, sagt Cabanis. Das Gesetz führe zwar nicht zu weniger Patienten, ermögliche aber einen offeneren, entstigmatisierten Umgang mit dem Thema.

Justiz und Polizei schlagen Alarm

Kritik kommt hingegen von Staatsanwaltschaft und Polizei. Oberstaatsanwältin Susanne Dathe aus Stuttgart spricht sich laut Tagesschau für eine Abschaffung des Gesetzes aus. Sie beklagt, dass die Bekämpfung organisierter Kriminalität erschwert werde und sich der Jugendschutz verschlechtert habe. „Es führt zu Mehrarbeit, es erlaubt uns nicht mehr auf die Weise wie bisher die organisierte Kriminalität zu bekämpfen“, sagt Dathe. Zudem seien viele Regelungen unklar und führten zu komplizierteren Sachverhalten.

Auch die Polizei berichtet von mehr Aufwand. Hendrik Weis, Leiter des Rauschgiftdezernats in Stuttgart, erklärt, dass es heute wesentlich aufwendiger sei, einem Dealer den Handel nachzuweisen. „Die Problematik ist jetzt, dass wir deutlich mehr investieren müssen, um auch den Dealer zu überführen, dass er gedealt hat und dass es nicht bloß ein einfacher Besitz ist.“

Der Schwarzmarkt bleibt – legale Angebote fehlen

Ein weiteres Problem: Der legale Cannabisanbau stockt. Zwar dürfen sogenannte Anbauvereine gemeinschaftlich produzieren, doch die Auflagen sind hoch, viele Vereine haben noch gar nicht mit der Produktion begonnen. Das meiste Marihuana, das konsumiert wird, stammt weiterhin aus dem Schwarzmarkt – obwohl es legal konsumiert werden darf.

Forscher um Peter Schilling, Leiter des Zentrallabors Stuttgart, untersuchen den Cannabis-Konsum derzeit über Abwasseranalysen. Bei diesem Drogentest macht jeder mit – ganz automatisch. „Auf die Toilette muss jeder. Das Abwasser lügt also nicht“, sagt Schilling in der ARD-Wissen-Doku Die Cannabis-Bilanz – Wie viel kiffst du, Deutschland?. Ihre bisherigen Daten zeigen: Viele der durch das Gesetz geschaffenen legalen Bezugsquellen tauchen in der Realität bislang kaum auf. Der Schwarzmarkt bleibt dominant.

Kurz zusammengefasst:

  • In Deutschland ist Cannabis seit einem Jahr teilweise legal – zum Eigenkonsum, zum Anbau in Vereinen und als Medikament auf Rezept in Apotheken.
  • Eine Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die kontrollierte Abgabe über Apotheken, doch nur wenige nutzen das legale Angebot – meist aus Unwissenheit.
  • Während Fachleute positive Effekte im Gesundheitsbereich sehen, warnen Polizei und Justiz vor mehr Aufwand und einem weiter bestehenden Schwarzmarkt.

Übrigens: Cannabis kann bei jungen Menschen mit entsprechender Veranlagung das Psychose-Risiko erhöhen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Vecteezy

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