KI entdeckt verdächtige Schleppnetzspuren in geschützter Ostsee
Trotz Fischereiverbot stieg der Anteil erkannter Schleppnetzspuren im Ostsee-Schutzgebiet Fehmarnbelt von 9 auf 22 Prozent.
Schwere Schleppnetze hinterlassen tiefe Furchen am Ostseeboden. Mithilfe von Echolot und KI werden nun selbst dort Schäden sichtbar, wo Schiffspositionsdaten kaum Hinweise auf Fischerei liefern. © Peter Feldens/IOW
Im Meeresschutzgebiet Fehmarnbelt vor der deutschen Ostseeküste darf seit Dezember 2024 kein Grundschleppnetz mehr über den Meeresboden gezogen werden. Doch der Meeresgrund trägt weiterhin die Narben schwerer Fanggeräte. 2024 fanden sich auf 9 Prozent der untersuchten Flächen Schleppnetzspuren in der Ostsee, 2025 waren es bereits 22 Prozent. Das ist mehr als eine Verdopplung – trotz des Fischereiverbots.
Zwei Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) liefern Hinweise auf mögliche Verstöße. Mithilfe hochauflösender Echolotmessungen und künstlicher Intelligenz machten die Wissenschaftler die Furchen im Meeresboden sichtbar. Auch Schiffspositionsdaten deuten für 2025 auf zunehmende Fischereiaktivität im Schutzgebiet hin. Ein eindeutiger Nachweis illegaler Fischerei ist das allerdings nicht. Manche Furchen bleiben über Monate erhalten und könnten bereits vor dem Verbot entstanden sein. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in den Fachzeitschriften Ecological Informatics und Anthropocene.
Schleppnetzfischerei belastet den Ostseeboden erheblich
Bei der Grundschleppnetzfischerei halten schwere Metallplatten, sogenannte Scherbretter, die Netze auseinander. Sie graben sich in den Untergrund, wirbeln Sedimente auf und beeinträchtigen die Lebensräume von Muscheln, Würmern und Krebsen. Wie häufig solche Eingriffe stattfinden, lässt sich über Schiffspositionsdaten nur eingeschränkt feststellen.
Besonders kleine Fischkutter mit weniger als zwölf Metern Länge werden vom satellitengestützten Fischereiüberwachungssystem VMS nicht erfasst. Deshalb ergänzten die Wissenschaftler die vorhandenen Daten durch direkte Messungen am Meeresboden. Ein Fächerecholot tastet den Untergrund mit Schallwellen ab und erkennt selbst wenige Zentimeter tiefe Veränderungen.
KI entdeckt in der Kieler Bucht besonders viele Schleppnetzspuren
Für die großflächige Untersuchung trainierte das Team ein neuronales Netzwerk, das charakteristische Furchen in digitalen Tiefenkarten automatisch erkennt. Insgesamt werteten die Wissenschaftler rund 1.069 Quadratkilometer Meeresboden aus. Die Aufnahmen entstanden zwischen 2016 und 2025 und stammten überwiegend vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie.
Die Auswertung ergab erhebliche Unterschiede zwischen den untersuchten Ostseegebieten:
- Kieler Bucht: Auf mehr als 90 Prozent der untersuchten Rasterflächen fanden sich Hinweise auf Schleppnetzfischerei.
- Mecklenburger Bucht: Mehr als 80 Prozent der ausgewerteten Rasterflächen wiesen entsprechende Spuren auf.
- Zentrales Arkonabecken: Fast 40 Prozent der untersuchten Rasterflächen blieben ohne erkennbare Schleppnetzspuren.
Die Werte gelten für die jeweils untersuchten Rasterflächen, nicht für die gesamten Meeresbuchten.
Schleppnetzfurchen verschwinden teilweise innerhalb eines Jahres
Im Fehmarnbelt untersuchten die Wissenschaftler zwischen 2020 und 2024 jährlich bis zu 4,7 Quadratkilometer Meeresboden. Besonders deutlich veränderte sich das Gebiet nach 2021. Damals erfassten sie auf rund 3,4 Quadratkilometern Furchen mit einem Gesamtvolumen von 5.067 Kubikmetern. Bereits 2022 waren es bei vergleichbarer Flächenabdeckung nur noch 1.108 Kubikmeter. Das entspricht einem Rückgang um rund 78 Prozent.
Gleichzeitig nahm der Anteil der Flächen ohne erkennbare Schleppnetzspuren zu. 2021 lag er bei lediglich 14 Prozent, in den Folgejahren erreichte er bis zu 65 Prozent. Auch die einzelnen Furchen veränderten sich rasch. Nach einem Jahr waren viele kaum noch erkennbar, nach zwei Jahren vollständig verschwunden. Strömungen und Sedimentbewegungen begünstigen diesen Prozess.
Weniger Schleppnetzspuren bedeuten nicht automatisch mehr Leben
Die Tierwelt am Meeresboden entwickelte sich allerdings weniger eindeutig. Die Zahl der erfassten wirbellosen Tiere, ihre Biomasse und die Artenzusammensetzung schwankten erheblich. Auch die Umweltbedingungen beeinflussten ihre Entwicklung. Sauerstoffgehalt, Salzgehalt und natürliche Veränderungen des Lebensraums erschweren eine eindeutige Zuordnung.
Für einzelne Merkmale der Artenvielfalt fanden die Wissenschaftler dennoch einen Zusammenhang mit der Fischereiintensität. Ein bestimmter Artenvielfaltsindex nahm bei höherer Belastung ab. Die Schleppnetzintensität erklärte dabei 14 Prozent der Unterschiede dieses Index. Eine umfassende biologische Erholung ließ sich daraus nicht ableiten.
Besonders auffällig waren die Unterschiede zwischen den Messungen am Meeresboden und den registrierten Schiffsbewegungen. Zwischen 2021 und 2023 sank das erfasste Furchenvolumen von 5.067 auf rund 908 Kubikmeter. Gleichzeitig stieg die Zahl der öffentlich registrierten AIS-Schiffsspuren von 52 auf 105. AIS steht für Automatisches Identifikationssystem. Damit übermitteln Schiffe unter anderem ihre Position und Geschwindigkeit. Weniger sichtbare Schäden gingen somit nicht zwangsläufig mit weniger gemeldeten Schiffsbewegungen einher.
Kurz zusammengefasst:
- Im Ostsee-Schutzgebiet Fehmarnbelt stieg der Anteil der Flächen mit erkannten Schleppnetzspuren von 9 auf 22 Prozent – trotz eines seit Dezember 2024 geltenden Fischereiverbots.
- Künstliche Intelligenz und Echolotmessungen machen Schäden am Meeresboden sichtbar, die sich mit Schiffspositionsdaten allein nicht zuverlässig erfassen lassen.
- Schleppnetzspuren können innerhalb eines Jahres verschwinden, doch das bedeutet nicht, dass sich die Tierwelt am Meeresboden bereits erholt hat.
Übrigens: Auch Offshore-Windparks hinterlassen Spuren am Meeresboden. Ihre Schutzbeschichtungen können sich ablösen und als winzige Farbpartikel im Meer verteilen. Laut einer Studie könnten bis 2035 weltweit bis zu 3.052 Tonnen solcher Partikel freigesetzt werden.
Bild: © Peter Feldens/IOW
