Handyverbot verbessert Noten – Experiment mit 16.683 Studenten zeigt, wer besonders profitiert
Ein Experiment mit 16.683 Studenten zeigt: Ohne Handy im Unterricht verbessern sich die Noten. Besonders Schwächere profitieren.
Smartphones gehören für viele junge Menschen zum Alltag. Während des Unterrichts können Nachrichten und andere digitale Inhalte jedoch vom Lernen ablenken. © Unsplash
In Deutschland werden Handys zunehmend aus den Klassenzimmern verbannt. Doch verbessern solche Verbote tatsächlich die schulischen Leistungen? Ein großes Experiment mit 16.683 Studenten liefert nun überzeugende Belege: Ohne Smartphone im Unterricht erzielten die Teilnehmer bessere Noten. Besonders stark profitierten ausgerechnet diejenigen, die zuvor die schwächsten Leistungen erbracht hatten. Bei Studenten mit guten Noten ließ sich dagegen kein statistisch gesicherter Vorteil feststellen.
Für das Experiment mussten Studenten an zehn Hochschulen im indischen Bundesstaat Odisha ihre Smartphones vor jeder Unterrichtsstunde abgeben. Andere durften ihre Geräte weiterhin benutzen. Ein internationales Forschungsteam um Andreas Bjerre-Nielsen von der Universität Kopenhagen verglich die Leistungen über ein ganzes Semester. Die Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachjournal Science.
Schwächere Studenten profitieren besonders stark vom Handyverbot
Für das Experiment ließen die Wissenschaftler rund 1.000 Holzkästen aus Recyclingmaterial herstellen. Zu Beginn jeder Unterrichtsstunde mussten die Studenten der ausgewählten Gruppen ihre Smartphones darin ablegen. Die übrigen Teilnehmer durften ihre Geräte wie gewohnt behalten. Welche Gruppe ein Handyverbot erhielt, entschied das Los.
Von Februar bis Mai 2024 begleiteten die Wissenschaftler 742 Lehrkräfte und 2.305 Lehrveranstaltungen im indischen Bundesstaat Odisha. Die Studenten waren zwischen 16 und 22 Jahre alt. Ihre Leistungen verglichen die Forscher mit den Noten aus dem vorherigen Semester. Dabei berücksichtigten sie auch die Ergebnisse der regulären Abschlussprüfungen.
Ohne Smartphone steigen die Noten
Nach einem Semester schnitten die Studenten ohne Smartphone durchschnittlich besser ab. Der Unterschied betrug 0,073 Standardabweichungen. Das entspricht weder 7,3 Prozent besseren Noten noch einer festen Verbesserung auf der deutschen Notenskala.
Zum Vergleich: Große Untersuchungen anderer Bildungsmaßnahmen erreichen laut den Autoren häufig Verbesserungen um etwa 0,05 Standardabweichungen. Der Effekt des Handyverbots lag damit in einer ähnlichen Größenordnung. Besonders deutlich fiel der Vorteil bei Studenten mit zuvor unterdurchschnittlichen Noten und bei Studienanfängern aus.
Bei leistungsstärkeren Studenten ließ sich dagegen keine statistisch gesicherte Verbesserung feststellen. Gleichzeitig entwickelten sich die Noten in den handyfreien Gruppen etwas gleichmäßiger. Die Unterschiede zwischen den Studienleistungen nahmen im Vergleich zur Kontrollgruppe ab.
Bessere Noten entstehen nicht durch häufigere Anwesenheit
Eine mögliche Erklärung konnten die Wissenschaftler ausschließen: Die Studenten erschienen wegen des Handyverbots nicht nachweisbar häufiger zum Unterricht. Die besseren Noten hingen also offenbar nicht damit zusammen, dass sie mehr Unterrichtsstunden besuchten.
Stattdessen vermuten die Autoren Veränderungen während der Lehrveranstaltungen. Ohne Smartphone konkurrieren weniger digitale Reize um die Aufmerksamkeit. Das könnte geistige Kapazitäten für Lerninhalte freimachen. Ein direkter Nachweis verbesserter Konzentration gelang allerdings nicht.
Weniger Gespräche stören den Unterricht
Bei unangekündigten Beobachtungen registrierten die Wissenschaftler in den handyfreien Klassen weniger störendes Verhalten. Auch Gespräche ohne Bezug zum Unterricht kamen seltener vor. Überraschenderweise wirkten die Studenten auf die Beobachter trotzdem teilweise stärker abgelenkt als ihre Kommilitonen in den Kontrollgruppen.
Die Autoren halten es für möglich, dass ohne Smartphone andere Störquellen stärker auffallen, beispielsweise Geräusche im Raum. Ob dies tatsächlich die Ursache war, blieb offen. Die besseren Prüfungsleistungen belegen deshalb keine durchgehend höhere Aufmerksamkeit während jeder Unterrichtsstunde.
Auch Lehrkräfte greifen deutlich seltener zum Handy
Das Smartphone-Verbot veränderte offenbar auch das Verhalten der Lehrkräfte. Obwohl sie ihre eigenen Geräte weiterhin benutzen durften, griffen sie in den betroffenen Klassen seltener zum Handy. Zugleich beschäftigten sie sich stärker mit Unterrichtsmaterialien und der Organisation des Unterrichts.
Für die Leistungsbewertung galten an den beteiligten Hochschulen weitgehend einheitliche Bedingungen. Zwischen 60 und 80 Prozent der Kursnoten stammten aus Abschlussprüfungen, deren Aufgaben externe Fachleute erstellten. Die Bewertung erfolgte überwiegend außerhalb der Hochschule, ohne Kenntnis der Gruppenzugehörigkeit. Ein Einfluss der Lehrkräfte auf einzelne interne Bewertungen ließ sich dennoch nicht vollständig ausschließen.
Studenten unterstützen Handyverbote anschließend häufiger
Neben den Prüfungsergebnissen werteten die Wissenschaftler Fragebögen von 2.557 Studenten aus. Wer Unterricht ohne Smartphone erlebt hatte, befürwortete entsprechende Beschränkungen anschließend häufiger. Auch die Bereitschaft, auf jegliche Handyregeln zu verzichten, nahm ab.
Andere erhoffte Vorteile blieben dagegen aus. Weder beim subjektiv empfundenen Lernerfolg noch beim Wohlbefinden oder bei der Lernmotivation fanden die Wissenschaftler statistisch gesicherte Verbesserungen. Auch die gesamte Bildschirmzeit verringerte sich nicht nachweisbar. Die Beschränkung wirkte sich somit auf die Studienleistungen aus, ohne die allgemeine Smartphone-Nutzung wesentlich zu verändern.
Handyverbote an deutschen Schulen werden zunehmend strenger
In Deutschland gelten je nach Bundesland unterschiedliche Regeln für Smartphones an Schulen:
- Hessen: Seit dem Schuljahr 2025/26 ist die private Handynutzung auf dem gesamten Schulgelände grundsätzlich verboten. Ausnahmen gelten etwa für Unterrichtszwecke und aus medizinischen Gründen.
- Bayern: Während des Unterrichts dürfen Schüler ihre Smartphones nur mit Erlaubnis der Lehrkraft nutzen. Für die Klassen eins bis sieben gelten zusätzliche Einschränkungen.
- Baden-Württemberg: Seit dem Schuljahr 2026/27 müssen Schulen verbindliche Regeln für die private Handynutzung haben. Ein landesweites Verbot gibt es nicht. Die Schulen können jedoch umfassende Nutzungsverbote festlegen.
- Niedersachsen: Schulen regeln die Handynutzung eigenständig auf Grundlage landesweiter Empfehlungen. Besonders in Grundschulen und unteren Klassen weiterführender Schulen gelten weitreichende Einschränkungen.
- Nordrhein-Westfalen: Die einzelnen Schulen legen weitgehend selbst fest, wann und wie Smartphones genutzt werden dürfen.
An deutschen Hochschulen bestehen dagegen keine vergleichbaren flächendeckenden Handyverbote.
Warum schwächere Studenten besonders profitieren könnten
Verbindliche Handyregeln könnten vor allem Menschen helfen, denen es schwerfällt, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Schon die bloße Verfügbarkeit eines Smartphones kann geistige Kapazitäten beanspruchen. Fehlt diese Ablenkung, stehen möglicherweise mehr Ressourcen des Arbeitsgedächtnisses für die Verarbeitung von Lerninhalten zur Verfügung.
Ob dieser Mechanismus die besseren Noten tatsächlich erklärt, ist bislang offen. Auch die Übertragbarkeit auf deutsche Schulen bleibt unbeantwortet. Das Experiment fand ausschließlich an indischen Hochschulen statt. Zudem mussten die Studenten ihre Geräte nur während der Lehrveranstaltungen abgeben. Die Auswirkungen eines ganztägigen Handyverbots wurden nicht untersucht.
Kurz zusammengefasst:
- Bessere Noten: Ein Experiment mit 16.683 Studenten an zehn Hochschulen in Indien ergab, dass ein Handyverbot im Unterricht die Studienleistungen durchschnittlich verbesserte.
- Schwächere profitieren besonders: Die größten Verbesserungen erzielten Studenten mit zuvor schlechten Noten, während bei leistungsstärkeren Teilnehmern kein statistisch gesicherter Vorteil auftrat.
- Bedeutung für Deutschland: Die Bundesländer regeln die Handynutzung an Schulen unterschiedlich; ob deutsche Schüler ähnlich stark von Verboten profitieren, ist bislang nicht geklärt.
Übrigens: Handyregeln können auch außerhalb des Unterrichts mit besseren Schulnoten zusammenhängen. Eine Untersuchung der Universität Genf ergab, dass Jugendliche mit einem konsequenten Handyverbot am Abend länger schlafen und bessere schulische Leistungen erzielen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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