Gut vernetzt und doch einsam: Was passiert, wenn echte Begegnungen aus unserem Alltag verschwinden

Über soziale Medien sind wir gut vernetzt – doch viele Menschen klagen über Einsamkeit. Ein Soziologe erklärt, wie wichtig direkte Begegnungen für uns sind.

Bildschirme verbinden Menschen digital – können direkte Begegnungen aber nicht ersetzen. Der Soziologe Vidar Halldorsson warnt, dass dabei wichtige soziale Signale verloren gehen. © Pexels

Bildschirme verbinden Menschen digital – können direkte Begegnungen aber nicht ersetzen. Der Soziologe Vidar Halldorsson warnt, dass dabei wichtige soziale Signale verloren gehen. © Pexels

Ein kleiner Plausch mit Nachbarn im Treppenhaus, ein gemeinsamer Kaffee mit Kollegen oder selbst das kurze Grüßen auf der Straße – solche Alltagsbegegnungen dauern manchmal nur Sekunden. Trotzdem können diese kleinen Interaktionen mehr für unser soziales Leben leisten, als es auf den ersten Blick scheint. Denn obwohl wir digital ausreichend Kontakte haben, fühlen viele Menschen sich einsam. Es scheint widersprüchlich, doch gerade immer mehr junge, gut vernetzte Menschen haben immer weniger Freunde. In der Debatte über soziale Medien und Einsamkeit geht es deshalb um mehr als nur um Bildschirmzeit.

Der Soziologe Vidar Halldorsson, Professor an der Universität Island, warnt in seinem neuen Buch „How Digital Screen Use Alienates Human Societies“ davor, dass digitale Kontakte reale Begegnungen zunehmend verdrängen – und damit jene Situationen, in denen Vertrauen, Empathie und Zugehörigkeit zwischen Menschen entstehen.

In der sozialwissenschaftlichen Abhandlung, erschienen beim Wissenschaftsverlag Routledge, beschreibt er dieses Paradox: Digitale Netze versprechen mehr Verbindung, können nach Halldorssons Analyse aber dazu beitragen, dass direkte menschliche Nähe seltener wird. Der Autor spricht von „social magic“, also jener schwer messbaren sozialen Wirkung, die beim unmittelbaren Miteinander entsteht. Alltägliche Begegnungen seien keine Nebensache, sondern Bausteine für Gemeinschaft.

Bildschirme filtern wichtige Signale heraus

Halldorsson verweist im Buch unter anderem auf neurowissenschaftliche Arbeiten zu Gesprächen von Angesicht zu Angesicht. Bei direkter Interaktion können sich bestimmte Aktivitätsmuster im Gehirn zwischen zwei Menschen angleichen. Über Bildschirme tritt diese Form der zwischenmenschlichen Synchronisierung nach den von ihm herangezogenen Arbeiten nicht in gleicher Weise auf.

Hinzu kommt ein simpler Unterschied: Digitale Kommunikation überträgt nur einen Teil dessen, was Menschen wahrnehmen, die sich im selben Raum befinden. Feinste Gesichtsregungen, Körperhaltung, Abstand, Berührung oder Geruch fehlen ganz oder teilweise. Soziologen sprechen deshalb von einer Kommunikation mit verminderten sozialen Hinweisen.

Doch diese unscheinbaren Signale helfen dabei, Stimmungen einzuschätzen und Reaktionen vorauszuahnen. Halldorsson beschreibt daraus eine Art erlernten „sechsten Sinn“ für soziale Situationen. Er entsteht nicht durch einen einzelnen intensiven Kontakt, sondern durch viele wiederkehrende Begegnungen. „Soziale Interaktion ist das Scharnier zwischen Individuum und Gesellschaft“, sagt der Soziologe.

Werden solche Situationen seltener, könnte das nach seiner Argumentation langfristig das Gefühl für andere Menschen schwächen. In der Buchvorschau beschreibt er alltägliche Interaktionen deshalb als Grundlage von Zugehörigkeit und Gemeinschaft.

Kleine Rituale verschwinden aus dem Alltag

Für Halldorsson zählen sogenannte Interaktionsrituale besonders. Gemeint sind damit keine feierlichen Zeremonien, sondern ganz gewöhnliche Situationen: ein Gruß unter Nachbarn, ein Gespräch in der Warteschlange an der Kasse oder ein Treffen nach der Arbeit. Solche Situationen und deren Wiederholungen schaffen Vertrautheit.

Dabei greift der Autor auf Gedanken der klassischen und modernen Soziologie zurück – etwa auf Émile Durkheim, einen der Begründer des Fachs im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, und den US-Soziologen Randall Collins, der vor allem für seine Theorie der „interaction ritual chains“, also Ketten sozialer Interaktionsrituale bekannt ist. Aus vielen kleinen Kontakten entsteht demnach ein Gefühl, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Im Buch nennt Halldorsson selbst Beispiele wie der Kaffee mit Bekannten oder kurze Gespräche mit Nachbarn.

Smartphones, Kopfhörer und digitale Plattformen können solche Momente leichter unterbrechen oder ganz verhindern. Die Corona-Pandemie habe diese Entwicklung beschleunigt, argumentiert Halldorsson. Videokonferenzen, digitale Gottesdienste oder Online-Sport ersetzten damals viele Treffen vor Ort. Technische Lösungen seien bequem und oft nützlich. Der Soziologe hält sie aber nicht für einen vollwertigen Ersatz. „Die neuen digitalen Rituale reichen nicht aus, um die Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen“, sagt er. Sie vermittelten aus seiner Sicht weniger Zugehörigkeit, Verbundenheit und Identität als reale Begegnungen, zur gleichen Zeit an einem gemeinsamen Ort.

KI ersetzt Reibung durch Bequemlichkeit

Noch deutlicher wird diese Verschiebung bei der Künstlichen Intelligenz. Chatbots dienen manchen Menschen inzwischen als Assistenten, Freunde oder sogar als romantische Partner. Halldorsson verweist auf Fälle, in denen Menschen symbolische Beziehungen oder „Ehen“ mit KI-Systemen eingegangen sind.

Solche Angebote lassen sich stark an persönliche Bedürfnisse anpassen und versprechen Beziehungen mit wenig Reibung. Für Halldorsson liegt darin jedoch ein Verlust: Menschliche Beziehungen sind unberechenbarer, verlangen Kompromisse und enthalten Körpersprache, spontane Reaktionen und gemeinsame Erfahrungen.

Wie weit die Folgen reichen, lässt sich allein aus dem Buch nicht ableiten. Halldorsson weist selbst darauf hin, dass soziale Isolation, psychische Belastungen oder gesellschaftliche Polarisierung viele Ursachen haben. Bildschirmkulturen erklären diese Entwicklungen also nicht umfassend.

Seine These lautet vielmehr, dass immer mehr digital vermittelte Kommunikation jene kleinen Situationen ausdünnen kann, in denen Menschen Vertrauen und Nähe einüben. Darin sieht er die Verbindung zwischen Smartphone, sozialen Netzwerken und KI-Partnern: Sie machen Kontakt einfacher, ersetzen aber nicht das soziale Erleben, das analog zwischen Menschen im selben Raum entsteht.

Kurz zusammengefasst:

  • Direkte Begegnungen leisten mehr als bloßen Informationsaustausch: Blickkontakt, Körpersprache, Nähe und spontane Reaktionen helfen dabei, Vertrauen, Empathie und Zugehörigkeit aufzubauen.
  • Soziale Medien und andere Bildschirmkontakte können diese Erfahrungen nicht vollständig ersetzen: Der Soziologe Vidar Halldorsson warnt in seinem neuen Buch, dass mit weniger persönlichen Alltagsbegegnungen auch wichtige soziale Rituale verloren gehen können.
  • Der Zusammenhang ist keine einfache Ursache-Wirkung-Formel: Einsamkeit, psychische Belastungen und gesellschaftliche Entfremdung haben viele Gründe, doch Halldorsson sieht in der zunehmenden Verlagerung von Mensch-zu-Mensch- hin zu Mensch-zu-Bildschirm-Kommunikation einen möglichen Verstärker.

Übrigens: Während digitale Kontakte echte Begegnungen nicht ersetzen können, könnte KI bei Beziehungskonflikten durchaus unterstützen – Chatbot-Paartherapeutin Amanda wurde von vielen Paaren sogar als empathisch erlebt. Wo die virtuelle Paartherapie überraschend gut funktioniert und an welche Grenzen sie stößt – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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