Menschen mit ADHS haben häufiger Darmprobleme – Forscher finden auffälligen Zusammenhang

Menschen mit ADHS leiden häufiger unter Verstopfung, Reizdarm und anderen Darmproblemen. Eine große Analyse liefert neue Zahlen.

Bauchschmerzen und Reizdarm treten bei Menschen mit ADHS auffällig häufig auf.

Bauchschmerzen und Reizdarm treten bei Menschen mit ADHS auffällig häufig auf. © Pexels

ADHS spielt sich nicht nur im Kopf ab. Betroffene berichten auffällig häufig auch von Problemen, die man zunächst kaum damit verbinden würde: Verstopfung, Bauchschmerzen, Durchfall oder Reizdarm. Dahinter könnte eine Verbindung stecken, die unser Körper ständig nutzt – die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn.

Wie diese Verbindung funktioniert, ist allerdings noch längst nicht geklärt. Forscher diskutieren unter anderem den Vagusnerv, das Immunsystem und Veränderungen im Darmmikrobiom als mögliche Faktoren. Bei Menschen mit ADHS wurden bereits Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmbakterien gefunden.

Wie stark ADHS und Magen-Darm-Beschwerden tatsächlich zusammenhängen, haben Forscher der University of Warwick nun systematisch untersucht. Sie werteten 23 Studien mit insgesamt mehr als 1,9 Millionen Teilnehmern aus.

ADHS und Darmprobleme treten auffällig häufig gemeinsam auf

Die Forscher durchsuchten Medline, Embase und APA PsycInfo nach Untersuchungen, in denen ADHS nach anerkannten medizinischen Kriterien diagnostiziert worden war. Von zunächst 9.613 Treffern erfüllten 23 Studien die Anforderungen.

Zusammen umfassten die Arbeiten mehr als 1,9 Millionen Menschen. Im Vergleich zu Menschen ohne ADHS lagen die Chancen auf Magen-Darm-Beschwerden insgesamt um 48 Prozent höher.

Bei einzelnen Beschwerden fiel der Zusammenhang noch deutlicher aus. Bei Verstopfung waren die Chancen nahezu doppelt so hoch, bei Durchfall mehr als doppelt so hoch. Für das Reizdarmsyndrom errechneten die Forscher 58 Prozent höhere Chancen. Am stärksten war der Zusammenhang bei Enkopresis, also wiederholtem unwillkürlichem Stuhlabgang: Hier lagen die Chancen mehr als viermal so hoch.

Forscher sehen Zusammenhang bei fast allen untersuchten Darmbeschwerden

Auch Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen und unspezifische Magen-Darm-Probleme traten häufiger auf. „Fast jedes Darmsymptom, das wir untersuchten – Verstopfung, Reizdarm, sogar Verdauungsstörungen – schien mit ADHS zusammenzuhängen“, sagt Studienautorin Sarah Blake von der Warwick Medical School.

Die Studie erschien im Journal of Attention Disorders. Nach Angaben der Autoren ist es die erste systematische Übersichtsarbeit, die gezielt untersucht, wie häufig funktionelle Magen-Darm-Beschwerden bei Menschen mit ADHS vorkommen.

Mehrere Erklärungen sind denkbar

Warum ADHS und Darmprobleme so häufig gemeinsam auftreten, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht ableiten. Die Forscher diskutieren mehrere mögliche Einflüsse:

  • Darm und Nervensystem: Der Vagusnerv und andere Signalwege könnten an der Verbindung zwischen Gehirn und Verdauung beteiligt sein.
  • Darmmikrobiom und Immunsystem: Veränderungen der Darmbakterien könnten Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse beeinflussen.
  • Verhalten und Ernährung: Lebensgewohnheiten könnten zusätzlich eine Rolle spielen.
  • ADHS-Medikamente: Stimulanzien wie Methylphenidat können selbst Bauchschmerzen, Übelkeit und andere Magen-Darm-Beschwerden auslösen.

Der letzte Punkt ist für die Einordnung besonders wichtig. Die meisten der ausgewerteten Studien unterschieden nicht danach, ob die Teilnehmer ADHS-Medikamente einnahmen. Deshalb lässt sich nicht ausschließen, dass die Behandlung einen Teil des beobachteten Zusammenhangs erklärt.

Ganz erklären dürfte sie die Befunde möglicherweise nicht. Besonders ausgeprägt waren die Zusammenhänge auch bei Verstopfung und Enkopresis – Beschwerden, die weniger typisch als Nebenwirkung von Stimulanzien gelten. Die Autoren halten deshalb auch biologische und verhaltensbedingte Faktoren für möglich.

Die großen Zahlen haben einen Haken

Mehr als 1,9 Millionen Teilnehmer klingen zunächst nach einer sehr belastbaren Datenbasis. Entscheidend ist jedoch, welche Art von Studien dahintersteht. Alle 23 Arbeiten waren Beobachtungsstudien. Sie können feststellen, dass zwei Dinge gemeinsam auftreten, aber nicht klären, ob das eine das andere verursacht.

Hinzu kommt, dass sich die Ergebnisse der einzelnen Studien bei mehreren Beschwerden deutlich unterschieden. Besonders groß waren diese Unterschiede etwa bei Verstopfung und Durchfall. Einen möglichen Publikationsbias konnten die Forscher wegen der geringen Zahl an Studien pro Einzelauswertung ebenfalls nicht zuverlässig untersuchen. „Unsere Übersichtsarbeit kann trotz des robusten Zusammenhangs keine Kausalität bestätigen“, schreiben die Autoren.

Damit bleibt eine zentrale Frage offen: Sind Darmbeschwerden Teil biologischer Prozesse, die auch mit ADHS zusammenhängen? Entstehen sie eher durch Medikamente oder bestimmte Verhaltensweisen? Oder kommen mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen?

Um das zu beantworten, braucht es vor allem Langzeitstudien. Sie könnten klären, ob Verdauungsprobleme bereits vor einer ADHS-Diagnose auftreten oder sich erst im weiteren Verlauf entwickeln.

Für den medizinischen Alltag liefern die bisherigen Daten dennoch einen konkreten Hinweis. Die Autoren empfehlen Ärzten, bei Menschen mit ADHS auch nach Magen-Darm-Beschwerden zu fragen. Gerade länger anhaltende Probleme könnten sonst übersehen werden, wenn sich die Behandlung vor allem auf Konzentration, Impulsivität und Unruhe konzentriert.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen mit ADHS haben häufiger Verstopfung, Reizdarm, Durchfall und andere Magen-Darm-Beschwerden.
  • Die Analyse umfasst 23 Studien mit mehr als 1,9 Millionen Menschen und findet teils deutliche Zusammenhänge.
  • Warum ADHS und Darmprobleme gemeinsam auftreten, ist offen; Medikamente, Verhalten und biologische Mechanismen kommen infrage.

Übrigens: Darmbakterien können offenbar innerhalb von Sekunden Signale ans Gehirn senden – über spezielle Nervenzellen und den Vagusnerv. Wie dieser „sechste Sinn“ im Darm funktioniert, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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