Frauen gelten im Schnitt als attraktiver – doch bei Männern entdecken Forscher eine überraschende Besonderheit
Attraktive Männer fallen in Daten besonders auf: Rund zehn Prozent erreichen ungewöhnlich hohe Bewertungen.
Unter rund 8.000 Männergesichtern häufen sich am oberen Ende der Bewertungsskala auffällig viele besonders attraktive Gesichter. © MPI für empirische Ästhetik / Eugen Wassiliwizky
Schönheit scheint auf den ersten Blick reine Geschmackssache zu sein. Doch sobald Tausende Menschen Gesichter bewerten, entsteht ein erstaunlich stabiles Muster: Frauen schneiden im Durchschnitt besser ab als Männer. Bei attraktiven Männern passiert allerdings etwas Unerwartetes. Ganz oben auf der Skala häufen sich auffällig viele Gesichter, die außergewöhnlich hohe Bewertungen bekommen. Dr. Eugen Wassiliwizky vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik hat diesen Befund gemeinsam mit Kollegen in einer großen kulturübergreifenden Meta-Analyse untersucht und ordnet die Daten nun in einem neuen Fachbeitrag im Fachjournal Current Opinion in Psychology ein.
Der Abstand lässt sich sogar beziffern. Weibliche Gesichter werden im Mittel um rund 0,4 Standardabweichungen attraktiver eingeschätzt als männliche. Ein durchschnittliches Frauengesicht erhält damit eine höhere Bewertung als ungefähr zwei Drittel der Männergesichter. Das Muster taucht über verschiedene Kulturen, Altersgruppen und sexuelle Orientierungen hinweg auf. Auch Männer und Frauen als Bewertende kommen grundsätzlich zu demselben Ergebnis. Bei Frauen fällt der Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Gesichtern allerdings noch stärker aus.
Warum attraktive Männer statistisch ungewöhnlich häufig herausragen
Der Durchschnitt erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Bei Frauen verteilen sich die Bewertungen annähernd so, wie Statistiker es bei einer klassischen Glockenkurve erwarten: Viele Gesichter landen im mittleren Bereich, besonders niedrige oder hohe Werte kommen seltener vor. Bei Männern sieht die Verteilung anders aus. Ihre Bewertungen liegen insgesamt niedriger, doch auf der besonders attraktiven Seite der Skala häufen sich auffällig viele Gesichter.
Diese Gruppe ist keineswegs winzig. Im zusammengeführten Datensatz gehören ungefähr zehn Prozent von rund 8.000 Männergesichtern zu diesem auffälligen oberen Bereich – rechnerisch also etwa 800. Der Befund beruht auch nicht auf einigen wenigen Ausreißern. Er umfasst Hunderte verschiedene Gesichter und lässt sich in 33 von 59 unabhängigen Datensätzen erkennen. Die Bilder stammen aus verschiedenen Quellen, darunter Gesichtsdatenbanken, Internetprofile und eigens zusammengestellte Sammlungen.
Attraktive Männer werfen eine größere Frage über Schönheit auf
Die Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass Frauen objektiv schöner sind. Wassiliwizky beschäftigt vielmehr die Frage, warum Menschen weibliche Gesichter so beständig höher bewerten. „Der GAP ist bemerkenswert, nicht weil er beweist, dass Frauen attraktiver sind als Männer“, schreibt der Forscher sinngemäß, sondern weil dahinter offenbar ein bisher wenig beachtetes Muster menschlicher Schönheitsurteile steckt. Warum dieses entsteht, bleibt offen. Denkbar sind erlernte Schönheitsvorstellungen, Unterschiede in der Aufmerksamkeit oder Einflüsse der sexuellen Selektion.
Auch für die ungewöhnlich vielen sehr attraktiv bewerteten Männer gibt es bislang keine gesicherte Erklärung. Wassiliwizky diskutiert eine evolutionäre Möglichkeit: Herausragendes Aussehen könnte für Männer eine von mehreren Eigenschaften gewesen sein, die bei der Partnerwahl Vorteile verschafften. Daneben könnten Status, Ressourcen oder Dominanz eine Rolle gespielt haben. Der Autor kennzeichnet diese Überlegung ausdrücklich als spekulativ. Sie lässt sich mit den vorliegenden Daten also nicht belegen.
„Attraktiv“ bedeutet offenbar nicht automatisch sexuelles Interesse
Damit berührt die Untersuchung ein Problem vieler früherer Attraktivitätsstudien. Häufig mussten Versuchspersonen Gesichter lediglich danach bewerten, wie attraktiv sie diese fanden. Solche Angaben wurden anschließend oft als Hinweis auf sexuelle Anziehung oder den Wert einer Person als möglicher Partner interpretiert. Doch das Muster passt dazu nur teilweise. Weibliche Gesichter erhalten auch von heterosexuellen Frauen, homosexuellen Männern, lesbischen Frauen und bisexuellen Personen höhere Bewertungen.
Wassiliwizky vermutet deshalb, dass Menschen mit einem Attraktivitätsurteil mehr ausdrücken als sexuelles Interesse. Schönheit könnte auch eine allgemeinere ästhetische Bewertung umfassen. „Attraktivitätsbewertungen können nicht ohne Weiteres als Indikatoren für Partnerwert oder sexuelles Verlangen behandelt werden“, hält der Forscher fest. Künftige Untersuchungen könnten daher deutlicher unterscheiden, ob jemand ein Gesicht schön findet oder sich tatsächlich körperlich zu der Person hingezogen fühlt.
Auch ein alter kultureller Widerspruch erscheint dadurch weniger rätselhaft. Männer schneiden im Durchschnitt schlechter ab – trotzdem prägen männliche Schönheitsideale seit Jahrhunderten Skulpturen, Gemälde, Literatur und heute die Popkultur. Wassiliwizky hält es für möglich, dass Kunst und Medien besonders häufig Männer auswählen, die am äußersten oberen Rand dieser Attraktivitätsverteilung liegen. Die starke Präsenz männlicher Schönheit wäre dann kein Gegensatz zum niedrigeren Durchschnitt, sondern könnte gerade mit dieser ungewöhnlichen Verteilung zusammenhängen.
Kurz zusammengefasst:
- Frauen werden im Durchschnitt attraktiver bewertet als Männer – ein durchschnittliches Frauengesicht liegt dabei vor ungefähr zwei Dritteln der Männergesichter.
- Unter rund 8.000 Männergesichtern gehören etwa zehn Prozent zu einem auffällig stark besetzten Bereich mit besonders hohen Attraktivitätswerten.
- Attraktivität scheint mehr zu erfassen als sexuelle Anziehung, weshalb Schönheitsurteile und tatsächliches Begehren wissenschaftlich stärker getrennt werden sollten.
Übrigens: Schönheit beeinflusst offenbar nicht nur, wie Menschen andere wahrnehmen – wer sich selbst attraktiver fühlt, kann sich auch großzügiger verhalten. In Experimenten stieg etwa die Spendenbereitschaft deutlich. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © MPI für empirische Ästhetik / Eugen Wassiliwizky
