Dieses Meerestier wird in Asien gegessen – sein Inhaltsstoff kehrt Alterszeichen bei Mäusen um
Ein Inhaltsstoff essbarer Seescheiden verbesserte bei alten Mäusen Gedächtnis und Hirnverbindungen – und ließ dunkles Fell nachwachsen.
In Korea gelten Seescheiden als Delikatesse und werden dort unter dem Namen „Meongge“ sogar roh gegessen. © Wikimedia
Graue Haare, nachlassendes Gedächtnis, weniger belastbare Nervenzellen: Altern hinterlässt im Körper viele Spuren. Bei alten Mäusen gelang es Forschern, einige davon zumindest teilweise zurückzudrehen. Nach wenigen Wochen wuchs wieder dunkleres Fell, die Tiere lernten besser und im Gehirn entstanden mehr synaptische Verbindungen. Verantwortlich dafür könnten Plasmalogene sein – spezielle Fettmoleküle, die unter anderem in essbaren Seescheiden vorkommen. Für die Anti-Aging-Forschung sind sie interessant, weil ihre Menge im Körper mit dem Alter abnimmt.
Die Spur führt zu einer bereits 2022 veröffentlichten Untersuchung eines internationalen Forscherteams mit Beteiligung der Stanford University. Für den Versuch bekamen 16 Monate alte weibliche Mäuse zwei Monate lang den Wirkstoff aus Halocynthia roretzi. An fünf Tagen pro Woche lag die Dosis bei 300 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht – lange genug, um Veränderungen im alternden Organismus sichtbar zu machen.
Anti-Aging-Effekt bei Mäusen: Was der Stoff aus Seescheiden im Gehirn verändert
Plasmalogene sind besondere Fettmoleküle, die einen Teil der Hülle unserer Zellen bilden. Besonders viel davon steckt im Gehirn, im Herzen und in bestimmten Immunzellen. Mit zunehmendem Alter nimmt ihre Menge im Körper ab. Niedrige Werte wurden außerdem bei Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson beobachtet.
Nach zwei Monaten schnitten die behandelten alten Mäuse im Gedächtnistest deutlich besser ab. In einem Wasserbecken mussten sie lernen, wo sich eine versteckte Plattform befand. Am vierten und fünften Trainingstag fanden die behandelten Tiere den Weg schneller und schwammen kürzere Strecken. Auch nachdem die Plattform entfernt worden war, suchten sie häufiger an der richtigen Stelle. Das spricht für eine bessere räumliche Lern- und Gedächtnisleistung.
Schwarzes Fell wächst schon nach drei Wochen nach
Noch auffälliger war eine äußerlich sichtbare Veränderung. Unbehandelte alte Mäuse hatten graues Fell und zeigten deutlichen Haarverlust. Bei den mit Plasmalogenen behandelten Tieren wurde das Fell dagegen dichter und glänzender. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit berichten die Forscher, dass ab der dritten Woche sogar neues schwarzes Haar mit bloßem Auge erkennbar gewesen sei. Mit fortgesetzter Behandlung wurde es dichter und glänzender.
„Unsere Forschung deutet darauf hin, dass Plasmalogene den kognitiven Abbau möglicherweise nicht nur stoppen, sondern kognitive Beeinträchtigungen im alternden Gehirn umkehren können“, erklärte Studienautor Lei Fu bereits zur Veröffentlichung der Ergebnisse. Auch das schwarze Fell hob er hervor. Allerdings handelt es sich dabei ausschließlich um einen Befund bei Mäusen. Einen Nachweis dafür, dass Plasmalogene graue Haare beim Menschen zurückfärben oder das Altern insgesamt rückgängig machen, gibt es bislang nicht.
Im Gehirn entstehen wieder mehr Verbindungen
Die Veränderungen beschränkten sich nicht auf Verhalten und Fell. Unter dem Elektronenmikroskop fanden die Forscher im Hippocampus der behandelten Tiere mehr Synapsen und synaptische Vesikel. Bei unbehandelten alten Mäusen waren diese Verbindungen deutlich reduziert und teilweise geschädigt. Die Strukturen der behandelten Tiere ähnelten stärker denen junger Mäuse.
Auch auf molekularer Ebene veränderte sich das Gehirn. Insgesamt fanden die Forscher 802 Gene, deren Aktivität sich zwischen behandelten und unbehandelten alten Mäusen unterschied. Darunter waren Gene, die mit Synapsen, Neurogenese, neuronalen Stammzellen und Neurotrophinen zusammenhängen. Gleichzeitig nahm die Aktivierung von Mikroglia ab. Diese Immunzellen können bei chronischer Aktivierung Entzündungen im Gehirn fördern.
Eine neue Humanstudie liefert erste Hinweise
Vier Jahre später gibt es erstmals aktuelle Hinweise aus einer kontrollierten Untersuchung an gesunden Menschen. Eine 2026 veröffentlichte randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie untersuchte 68 Japaner ab 40 Jahren. 66 Teilnehmer gingen schließlich in die Auswertung ein. Alle waren kognitiv gesund, hatten beim verbalen Gedächtnis jedoch unterdurchschnittliche Werte für ihr Alter.
Die Teilnehmer nahmen zwölf Wochen lang entweder ein Placebo oder täglich ein Milligramm gereinigte Plasmalogene ein. Anders als 2022 stammten diese Plasmalogene nicht aus Seescheiden, sondern aus der Jakobsmuschel Mizuhopecten yessoensis. Teilnehmer und Untersucher wussten während der Studie nicht, wer welches Präparat erhielt.

Plasmalogene verbessern das verbale Gedächtnis moderat
Nach zwölf Wochen schnitt die Gruppe mit Plasmalogenen beim verbalen Gedächtnis besser ab als die Placebogruppe. Gemeint ist die Fähigkeit, sich Wörter und sprachliche Informationen zu merken. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen lag nach der statistischen Auswertung bei rund zehn Punkten.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
- 33 Teilnehmer erhielten Plasmalogene, 33 ein Placebo.
- Der Wert für das verbale Gedächtnis stieg in der Plasmalogen-Gruppe von 79,9 auf 99,7 Punkte.
- In der Placebogruppe stieg er von 78,6 auf 89,2 Punkte.
- Der Unterschied zwischen beiden Gruppen war statistisch signifikant und entsprach einem moderaten Effekt.
Die Ergebnisse sind trotzdem mit Vorsicht zu bewerten. Die Untersuchung war mit 66 Teilnehmern klein und dauerte nur zwölf Wochen. Auch die Placebogruppe wurde bei mehreren Tests besser. Ein möglicher Grund sind Übungseffekte, weil die Teilnehmer dieselben Aufgaben mehrfach absolvierten. Bei anderen Fähigkeiten wie visuellem Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis oder Verarbeitungsgeschwindigkeit gab es keinen klaren Vorteil.
Auch warum Plasmalogene das verbale Gedächtnis beeinflussen könnten, bleibt offen. Die Forscher untersuchten unter anderem BDNF, einen Stoff, der für Nervenzellen und Lernprozesse wichtig ist. Seine Werte stiegen jedoch in beiden Gruppen ähnlich an. Denkbar sind deshalb andere Erklärungen, etwa Veränderungen an den Hüllen von Nervenzellen, an ihren Verbindungen oder bei Entzündungsprozessen im Gehirn.
Kurz zusammengefasst:
- Plasmalogene aus Seescheiden verbesserten bei alten Mäusen Gedächtnis und synaptische Verbindungen; zugleich wuchs nach wenigen Wochen wieder dunkles, dichteres Fell.
- Eine kontrollierte Humanstudie von 2026 fand bei 66 gesunden Erwachsenen nach zwölf Wochen einen moderaten Vorteil beim verbalen Gedächtnis durch Plasmalogene aus Jakobsmuscheln.
- Ein Anti-Aging-Effekt beim Menschen ist damit nicht bewiesen: Die Humanstudie war klein, lief nur zwölf Wochen und zeigte bei vielen anderen Denk- und Gedächtnisleistungen keinen klaren Vorteil.
Übrigens: Auch Darmbakterien könnten beeinflussen, wie wir altern – ein neuer Ansatz ließ Versuchstiere länger leben und verbesserte ihren Stoffwechsel. Mehr dazu in unserem Artikel.
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