Nach dem Auslegen eines Ameisenköders krabbeln plötzlich noch mehr Tiere durch die Wohnung
Ameisenköder können das Verhalten von Ameisen verändern. Ein bestimmter Wirkstoff sorgt sogar dafür, dass plötzlich deutlich mehr Tiere sichtbar werden.
Unzählige Ameisen strömen zu einer Futterquelle – nach dem Einsatz von Ameisenköder kann die Aktivität der Tiere je nach Wirkstoff zunächst sogar deutlich zunehmen. © Pexels
Eigentlich soll ein Ameisenköder dafür sorgen, dass die Tiere verschwinden. Doch manchmal passiert zunächst das Gegenteil: Plötzlich krabbeln deutlich mehr Ameisen über Fensterbänke, durch Garagen oder Küchen. Ein Fehlschlag muss das nicht sein. Die Wirkung von Ameisenködern kann das Verhalten einer ganzen Kolonie vorübergehend stark verändern.
Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Riverside (UC Riverside) haben diesen überraschenden Effekt bei Argentinischen Ameisen untersucht. Im Fachjournal Insects beschreiben sie, wie unterschiedlich zwei gängige Wirkstoffe wirken: Thiamethoxam treibt viele Tiere aus dem Nest und lässt sie verstärkt umherwandern. Borsäure bewirkt nahezu das Gegenteil – die Ameisen ziehen sich zurück und sammeln sich dichter im Nest. Dabei kann ausgerechnet eine stärkere Aktivität der Ameisen darauf hindeuten, dass der Köder bereits auf ihr Nervensystem wirkt.
Warum ein Ameisenköder plötzlich mehr Tiere sichtbar machen kann
In den transparenten Versuchsnestern lebten im Schnitt rund 294 Arbeiterinnen, meist zusammen mit ein bis drei Königinnen. Insgesamt beobachtete das Team 30 Kolonien. Zehn erhielten Zuckerwasser mit 0,2 Prozent Borsäure, zehn bekamen 0,00005 Prozent Thiamethoxam. Weitere zehn Kolonien dienten als Vergleichsgruppe. Die Konzentrationen waren so niedrig gewählt, dass in den ersten Tagen nur wenige Tiere starben.
Das passt zu einer Besonderheit im Ameisenstaat: Arbeiterinnen teilen flüssige Nahrung untereinander. Dabei gelangt auch der Wirkstoff von Tier zu Tier und wird innerhalb der Kolonie verdünnt. Viele Ameisen können deshalb bereits Gift aufgenommen haben, obwohl sie noch leben und weiter umherlaufen. Drei Tage lang dokumentierte das Team täglich, wie sich die Tiere zwischen Nest und Außenbereich verteilten.
Thiamethoxam treibt Ameisen auffällig aus dem Nest
Besonders stark veränderte Thiamethoxam das Verhalten. Vor der Behandlung hielten sich im Mittel 19,9 Arbeiterinnen außerhalb des Nests auf. Am dritten Tag waren es 191,5. Die Aktivität außerhalb des Nests nahm damit um 862,3 Prozent zu. Gleichzeitig sank die Ameisendichte im Nest um 36,5 Prozent. Die Zahl der Tiere in der Nestansammlung ging sogar um 66,5 Prozent zurück.
Thiamethoxam gehört zu den Neonicotinoiden. Der Wirkstoff greift in das Nervensystem von Insekten ein und kann Nervenzellen überreizen. Entomologe Dong-Hwan Choe von der UC Riverside beschreibt die Reaktion anschaulich: „Es ist, als wären sie alle auf Nikotin.“ Für Menschen mit einem Ameisenproblem kann das irritierend wirken: Kaum liegt der Ameisenköder aus, tauchen plötzlich wesentlich mehr Tiere an sichtbaren Stellen auf.
Warum vergiftete Ameisen plötzlich ins Helle laufen
Dabei waren die behandelten Ameisen nicht einfach insgesamt beweglicher. Im Einzeltest legten die verschiedenen Gruppen innerhalb von zehn Minuten im Mittel zwischen 819 und 848 Zentimeter zurück. Thiamethoxam veränderte jedoch ihre Reaktion auf Licht. Die Tiere verbrachten 18,5 Prozent mehr Zeit im hellen Bereich als unbehandelte Ameisen und 13 Prozent weniger Zeit im Dunkeln.
Argentinische Ameisen meiden normalerweise helle Bereiche. Thiamethoxam könnte diese Orientierung stören oder die Tiere stärker ins Licht ziehen. Dadurch können vergiftete Arbeiterinnen ausgerechnet dort auftauchen, wo sie besonders auffallen – etwa an Fenstern oder anderen offenen Stellen. Der Eindruck, der Befall werde plötzlich schlimmer, kann deshalb täuschen.
Bei Borsäure verschwinden die Ameisen eher im Nest
Borsäure löste nahezu das Gegenteil aus. Nach der Behandlung drängten sich mehr Tiere im Nest zusammen und verließen es seltener. Die Dichte innerhalb des Nests stieg über drei Tage um 25,6 Prozent. Gleichzeitig sank die Aktivität außerhalb um 56,3 Prozent. Besonders häufig sammelten sich die Ameisen nahe der Wasserquelle.
Borsäure greift vor allem Gewebe im Verdauungs- und Ausscheidungssystem von Insekten an. Frühere Untersuchungen deuten darauf hin, dass dadurch auch der Wasserhaushalt gestört werden kann. Das könnte erklären, warum sich vergiftete Tiere näher am Wasser aufhalten und enger zusammenrücken. Für Argentinische Ameisen ist dieser Zusammenhang bislang allerdings noch nicht nachgewiesen.
Wenn ein Ameisenköder wirkt, kann der Befall zunächst schlimmer aussehen
Für die Schädlingsbekämpfung entsteht daraus ein leicht missverständliches Bild. Nach Borsäure kann eine Kolonie schnell verschwunden wirken, weil die Arbeiterinnen kaum noch auf Futtersuche gehen. Überlebende Tiere können später dennoch wieder auftauchen. Bei Thiamethoxam passiert scheinbar das Gegenteil: Viele vergiftete Arbeiterinnen laufen weiterhin offen umher. Dabei können sie noch Zuckerwasser aufnehmen und den Wirkstoff innerhalb der Kolonie weitergeben.
Die Ergebnisse gelten bislang nur für Argentinische Ameisen unter kontrollierten Laborbedingungen. Die Beobachtung dauerte drei Tage, außerdem kamen niedrige Wirkstoffkonzentrationen zum Einsatz. Andere Ameisenarten oder andere Produkte können anders reagieren. „Auch wenn diese Behandlungen nicht sofort wirken, lässt sich am Verhalten der Ameisen erkennen, dass sie beeinflusst sind“, erklärt Choe. Die Zahl der sichtbaren Tiere allein verrät deshalb nicht zuverlässig, ob ein Ameisenköder funktioniert.
Kurz zusammengefasst:
- Thiamethoxam kann Ameisen nach der Köderaufnahme auffällig aktiver machen: Im Labor stieg die Aktivität außerhalb des Nests innerhalb von drei Tagen um mehr als 800 Prozent.
- Borsäure wirkt anders auf das Verhalten: Die Ameisen blieben häufiger im Nest, drängten sich dort enger zusammen und suchten deutlich seltener nach Nahrung.
- Mehr sichtbare Ameisen bedeuten daher nicht automatisch, dass ein Ameisenköder versagt: Je nach Wirkstoff kann die Behandlung zunächst sogar wie eine Verschlimmerung des Befalls aussehen.
Übrigens: Nicht nur Ameisenköder können das Verhalten der Tiere verändern – bestimmte Ozonwerte in der Luft können Ameisen verwirren und lassen diese sogar mit Angriffen auf Nestgenossinnen reagieren. Mehr dazu in unserem Artikel.
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