Klimawandel drängt Schmetterlinge aus ihren Lebensräumen – globale Studie zeigt, wohin sie jetzt ausweichen

Der Klimawandel treibt viele Schmetterlinge in neue Gebiete. Eine globale Studie mit 1.758 Arten zeigt das weltweite Ausmaß.

Bei manchen Arten führt der Klimawandel nicht einfach nur nach Norden: Distelfalter und Zitronenfalter wurden sowohl in höheren als auch in tieferen Lagen nachgewiesen. © Böhringer Friedrich via Wikimedia Commons unter CC BY-SA 2.5

Bei manchen Arten führt der Klimawandel nicht einfach nur nach Norden: Distelfalter und Zitronenfalter wurden sowohl in höheren als auch in tieferen Lagen nachgewiesen. © Böhringer Friedrich via Wikimedia Commons unter CC BY-SA 2.5

Schmetterlinge reagieren auf steigende Temperaturen oft schneller als viele andere Tiergruppen. Wo Sommer heißer werden und Extremwetter zunimmt, verändern manche Arten ihre Verbreitungsgebiete, andere verschwinden aus bisher vertrauten Regionen. Wie stark Schmetterlinge und Klimawandel inzwischen zusammenhängen, hat ein internationales Forschungsteam um die Universität Hamburg anhand von 1.758 Arten untersucht. Die Auswertung umfasst 105 Länder und Territorien und gehört damit zu den größten dieser Art.

Die Studie erschien am 5. August im Fachjournal Nature Ecology & Evolution. Grundlage waren 6.182 Berichte aus 567 wissenschaftlichen Arbeiten sowie 68 Einschätzungen von Fachleuten. Etwa zehn Prozent der weltweit bekannten 19.327 Schmetterlingsarten flossen in die Analyse ein. Bei rund 80 Prozent fanden die Forscher Hinweise darauf, dass sich das Verbreitungsgebiet zumindest in eine Richtung erweitert hat. Bei 27 Prozent schrumpfte es dagegen in Teilen, weitere 22 Prozent verlagerten ihr Vorkommen entlang von Höhenstufen.

Wie Schmetterlinge dem Klimawandel ausweichen

Eine Ausbreitung bedeutet dabei keineswegs, dass es einer Art besser geht oder dass ihre Bestände wachsen. Die Forscher erfassten nicht die Zahl der Tiere, sondern Veränderungen ihrer geografischen Verbreitung. Eine Art kann deshalb neue Gebiete besiedeln und an anderer Stelle verschwinden. Bei 409 Arten, also knapp einem Viertel der untersuchten Schmetterlinge, fanden sich sogar mehrere Formen solcher Verschiebungen.

Das klassische Bild vom Schmetterling, der wegen höherer Temperaturen einfach nach Norden oder bergauf wandert, greift deshalb zu kurz. „Die Verlagerung von Arten kann in mehrere Richtungen verlaufen und hängt von den jeweiligen Bedingungen ab, statt einheitlich polwärts und bergauf zu erfolgen“, schreiben die Forscher. Beim Distelfalter und beim Zitronenfalter fanden sich beispielsweise Nachweise für Bewegungen in höhere wie auch in niedrigere Lagen.

Warum Wärme allein keinen neuen Lebensraum schafft

Ob ein Schmetterling ein neues Gebiet dauerhaft besiedeln kann, hängt von weit mehr als der Temperatur ab. Raupen benötigen passende Wirtspflanzen, erwachsene Tiere brauchen Nektarquellen und geeignete Rückzugsorte. Zerschnittene Landschaften, Straßen, intensive Landwirtschaft oder fehlende Pflanzen können eine Ausbreitung verhindern, obwohl das Klima an einem anderen Ort bereits passen würde.

„Selbst dort, wo das Klima geeignet wird, kann eine Besiedlung scheitern“, so die Autoren. In Deutschland liefert der Hochmoor-Perlmuttfalter ein Beispiel für den Einfluss der Landschaft: Durch die Entwässerung von Mooren verlor die Art große Teile ihres ursprünglichen Lebensraums. Beim Regensburger Gelbling in Rumänien brachten Fachleute starke Rückgänge mit intensiver Landwirtschaft und zunehmend einheitlichen Lebensräumen in Zusammenhang.

Bei vielen Schmetterlingen hängt die Verschiebung mit dem Klimawandel zusammen

Für 352 Arten lagen zusätzlich Angaben zu möglichen Ursachen der Arealveränderungen vor. Bei 278 von ihnen, also knapp 79 Prozent, brachten die ausgewerteten Arbeiten Klimawandel oder schwere Wetterereignisse mit den Verschiebungen in Zusammenhang. Dieser Anteil bezieht sich ausschließlich auf jene Arten, für die solche Ursachen überhaupt dokumentiert waren.

Unter diesen Daten fanden sich:

  • 163 Arten mit einer Ausbreitung ihres Verbreitungsgebiets,
  • 131 Arten mit Verlusten in Teilen ihres bisherigen Areals,
  • 61 Arten mit Verschiebungen entlang von Höhenstufen.

Auch Landnutzung, Landwirtschaft, menschliche Eingriffe und invasive Arten beeinflussten die Verteilung. In den USA etwa schrumpfte das Verbreitungsgebiet des Senfweißlings stark, nachdem sich der eingeschleppte Kleine Kohlweißling ausgebreitet hatte.

In den Tropen fehlen vielerorts verlässliche Daten

Besonders unsicher ist die Lage in vielen tropischen Regionen. Dort leben zahlreiche Schmetterlingsarten bereits nahe ihrer oberen Temperaturgrenze, während kühlere Rückzugsräume oft weit entfernt liegen. Ausgerechnet Zentralafrika, Südostasien, das Amazonasbecken und große Teile Neuguineas gehören jedoch zu den Regionen mit den größten Beobachtungslücken.

Die Forscher bezogen deshalb Arbeiten in 15 Sprachen und zusätzlich Fachwissen aus zahlreichen Ländern ein. Dadurch fanden sie mehr Hinweise auf Verschiebungen als frühere Übersichten, die stärker von englischsprachiger Literatur geprägt waren. In den Tropen entfielen 80,3 Prozent der dokumentierten Veränderungen auf horizontale Ausbreitungen. In Europa verteilten sich die Beobachtungen breiter: 41,3 Prozent betrafen Ausbreitungen, 37,4 Prozent Rückgänge und 21,3 Prozent Verschiebungen in der Höhe.

Europa dokumentiert Veränderungen häufiger

In Tschechien, Finnland, Luxemburg, Spanien und Schweden lagen für mindestens die Hälfte der dort bekannten Schmetterlingsarten Hinweise auf Arealveränderungen vor. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sich die Lage dort stärker verändert als anderswo. In Europa laufen seit Jahrzehnten vergleichsweise dichte Beobachtungsprogramme, weshalb neue Vorkommen oder regionale Verluste häufiger auffallen.

Wie groß die Wissenslücken noch sind, wird an einer weiteren Zahl deutlich: Für 65 Prozent der untersuchten Arten existierte nur ein einziger Nachweis aus einer Studie und einem Land. Lediglich 94 Arten kamen auf mehr als zehn unabhängige Berichte. „Das derzeitige Wissen über Arealverschiebungen umfasst nur etwa jede zehnte bekannte Schmetterlingsart“, schreiben die Forscher. Vor allem in den Tropen können Veränderungen deshalb lange unentdeckt bleiben.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine globale Studie mit 1.758 Schmetterlingsarten zeigt, dass sich ihre Verbreitungsgebiete weltweit stark verändern: Rund 80 Prozent breiteten sich in neue Regionen aus, 27 Prozent verloren Teile ihres bisherigen Lebensraums.
  • Klimawandel und Extremwetter wurden bei knapp 79 Prozent der Arten mit bekannten Ursachen mit den Verschiebungen in Verbindung gebracht, doch auch Landwirtschaft, Lebensraumverlust und invasive Arten spielen eine wichtige Rolle.
  • Eine Ausbreitung bedeutet nicht automatisch mehr Schmetterlinge, denn viele Arten gewinnen neue Gebiete und verschwinden zugleich andernorts; besonders groß sind die Wissenslücken in den Tropen.

Übrigens: Nicht nur Schmetterlinge verlieren durch den Klimawandel ihre Lebensräume – auch viele Seevögel müssen immer weiter fliegen, weil sich geeignete Meeresgebiete verschieben. Unter starker Erwärmung könnten mehr als 70 Prozent der untersuchten Arten weitere Teile ihres Verbreitungsgebiets verlieren. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Böhringer Friedrich via Wikimedia Commons unter CC BY-SA 2.5

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