Unterwasser-Drohne liefert Bilder aus dem totgeglaubten Korallenriff – in 54 Metern Tiefe vor Benin wimmelt es vor Leben
Unterwasserkameras zeigen vor Benin einen lebenden Korallengarten mit Weichkorallen und acht Fischarten in 54 Metern Tiefe.
Erstmals haben Unterwasserkameras lebende mesophotische Korallen auf dem Kontinentalschelf vor Benin dokumentiert – in rund 54 Metern Tiefe. © Gérard Zinzindohoué
Zwischen gelben Fächerkorallen schwimmen Doktorfische, Schnapper und Falterfische. Mehr als 50 Meter über ihnen ziehen Boote über den Golf von Guinea. Jahrzehntelang galt das Korallenriff vor Benin als vermutlich tot. Nun lieferten Unterwasserkameras erstmals Bilder einer lebendigen Korallenwelt.
Ganz so einfach ist die Geschichte allerdings nicht. Die Wissenschaftler fanden kein geschlossenes Riff, das nachweislich wieder zum Leben erwacht wäre. Sie entdeckten einzelne felsige Flächen, auf denen vor allem Weichkorallen wachsen. Im Fachjournal Frontiers in Marine Science bezeichnen sie den Fund deshalb als mesophotischen Korallengarten.
Korallenriff vor Benin lebt auf einzelnen Felsinseln
Hinweise auf Korallen vor Benin gab es bereits seit den 1960er-Jahren. Damals suchten französische Wissenschaftler nach geeigneten Fanggebieten für die Fischerei. In 52 bis 56 Metern Tiefe stießen sie auf Strukturen, die wie eine Riffbarriere wirkten. Ohne Kamerabilder hielten sie die Korallenreste jedoch für abgestorben.
Mehr als 60 Jahre später kehrte ein Team um Gérard Zinzindohoué vom Meeresforschungsinstitut Benins in das Gebiet zurück. Von April bis Dezember 2025 untersuchten die Wissenschaftler den Meeresboden mit Sonar, einer Unterwasserdrohne und stationären Kameras. „Es waren lange Tage auf See, technische Probleme und sehr viel Ungewissheit“, sagt Zinzindohoué. Hoffnung hätten erst auffällige Strukturen auf den Sonarbildern gemacht.
Unterwasserdrohne filmt plötzlich lebende Korallen
Das Team kartierte insgesamt 11,5 Kilometer Meeresboden. Die Sonarmessungen erfassten einen rund sieben Kilometer langen Abschnitt vor der Küste. Dabei erschienen zwei voneinander getrennte Zonen mit besonders starken Echos. Solche Signale entstehen häufig über Felsen oder anderem hartem Untergrund.
Eine der Strukturen war 208 Meter lang und bis zu 7,4 Meter hoch. Eine zweite erreichte 275 Meter Länge und ragte stellenweise 10,3 Meter über den Boden. Zwischen beiden Bereichen lagen rund 5,4 Kilometer. Von einer durchgehenden Riffbarriere kann daher bislang keine Rede sein. Große Teile des Meeresbodens bestehen dort aus Sand.
Die Wissenschaftler steuerten eine Unterwasserdrohne zu einem der auffälligen Bereiche. Ihre Kamera lieferte Bilder aus etwa 54 Metern Tiefe. „Plötzlich konnten wir den Meeresboden tatsächlich sehen“, erinnert sich Zinzindohoué. Die ersten Aufnahmen hätten bei ihm zugleich Begeisterung und Unglauben ausgelöst.

Sechs Korallenformen wachsen dicht nebeneinander
Auf den felsigen Flächen wachsen mindestens sechs verschiedene Formen von Oktokorallen. Zu dieser Gruppe gehören Gorgonien und andere Weichkorallen. Manche Kolonien bilden breite Fächer. Andere wachsen verzweigt oder flach über dem Untergrund. Hinzu kommen mindestens zwei Formen von Schwarzen Korallen.
Klassische Steinkorallen, die große Kalkriffe aufbauen, tauchten auf den Videos nur selten auf. Auch ein massives Korallengerüst war nicht zu erkennen. Die Gemeinschaft ähnelt daher eher einem Garten aus Weichkorallen als einem tropischen Riff aus Kalkstein. Einzelne abgestorbene Korallen standen zwischen den lebenden Kolonien. Auf ihnen hatten sich bereits Röhrenwürmer und andere Tiere angesiedelt.
Die Korallen wachsen in einer Zone mit wenig Licht. Solche Lebensräume heißen mesophotische Korallenökosysteme. Sie liegen tiefer als gewöhnliche Flachwasserriffe, bekommen aber noch genug Licht für bestimmte Korallenarten. In klaren tropischen Gewässern können solche Gemeinschaften bis etwa 150 Meter Tiefe vorkommen.
Acht Fischarten nutzen den Korallengarten
Die Aufnahmen dokumentierten außerdem acht Fischarten. Darunter befanden sich Goldene Afrikanische Schnapper, Westafrikanische Meerbarben und Guineische Kaiserfische. Auch Monrovia-Doktorfische, Dreigürtel-Falterfische und zwei Arten von Riffbarschen schwammen zwischen den Korallen.
Einige Tiere suchten in den verzweigten Kolonien Schutz. Andere fraßen am felsigen Untergrund oder hielten sich an dessen Rand auf. Wie viele Fische dort leben, lässt sich aus den Videos nicht ableiten. Ein Teil der Aufnahmen entstand mit Ködern. Dadurch könnten vor allem räuberische und aasfressende Arten angelockt worden sein.
Das Wasser am Meeresboden war zwischen 18,9 und 25,9 Grad Celsius warm. Der Sauerstoffgehalt schwankte ebenfalls stark. Die Korallen wachsen innerhalb einer ausgeprägten Temperaturschicht. Dort treffen wärmeres Oberflächenwasser und kühleres Tiefenwasser aufeinander.
Proben müssen die Arten noch bestätigen
Die Namen der Korallenarten stehen noch nicht endgültig fest. Das Team durfte keine Proben entnehmen und bestimmte die Arten ausschließlich anhand der Videos. Körperbau, Verzweigungen und Wuchsform lieferten erste Hinweise. Für sichere Zuordnungen wären jedoch Untersuchungen des Skeletts oder des Erbguts nötig.
Offen bleibt auch, wie lange die Korallengemeinschaft dort schon lebt. Die Forscher können nicht belegen, dass das Gebiet in den 1960er-Jahren tatsächlich abgestorben war. Damals fehlten direkte Aufnahmen. Möglich ist deshalb auch, dass lebende Korallen übersehen wurden.
Bisher untersuchte das Team nur einen kleinen Teil des historisch beschriebenen Gebiets. Weitere Felsflächen könnten außerhalb der Sonarstrecken liegen. „Wenn wir dieses Riff nach 60 Jahren wiederfinden konnten, wie viele andere sind dann noch nicht dokumentiert oder einfach vergessen?“, fragt Zinzindohoué. Neue Expeditionen sollen den Meeresboden breiter kartieren und erstmals Korallenproben an die Oberfläche bringen.
Kurz zusammengefasst:
- Vor Benin entdeckten Wissenschaftler in 54 Metern Tiefe einen lebenden Korallengarten, der jahrzehntelang als abgestorben galt.
- Die Unterwasseraufnahmen zeigten mindestens sechs Formen von Weichkorallen, zwei Gruppen Schwarzer Korallen und acht Fischarten.
- Ob das Gebiet in den 1960er-Jahren tatsächlich tot war, bleibt offen, denn die Arten wurden bisher nur per Video bestimmt und noch nicht durch Proben bestätigt.
Übrigens: Vor Galápagos verschwanden Tiefsee-Korallen einst für rund 1.500 Jahre – vermutlich, weil eine lange La-Niña-Phase dem Wasser in der Tiefe den Sauerstoff entzog. Warum selbst robuste Korallenriffe plötzlich kollabieren können, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Gérard Zinzindohoué
