Langes Sitzen erhöht das Krebsrisiko: Kleine Pausen machen den Unterschied

Wer hätte gedacht, dass Spülmaschine ausräumen gegen Krebs hilft? Eine Studie verbindet lange Sitzphasen mit einem höherem Krebsrisiko. Leichte Bewegung kann helfen.

Zwei Menschen gehen spazieren

Schon ein Kaffee im Stehen oder ein kleiner Gang können das Krebsrisiko durch zu langes Sitzen deutlich senken. © Pexels

Ein ganzer Vormittag kann schnell vergehen, ohne dass der Körper etwas davon merkt. Erst Mails, danach eine Videokonferenz und dann noch ein Formular am Bildschirm. Der Kopf arbeitet, die Beine bleiben still. Warum zu langes Sitzen ungesund sein kann, hängt nach neuen Daten offenbar stark davon ab, wie lange am Stück diese unbewegten Phasen andauern.

Für die im Fachjournal PLOS Medicine veröffentlichte Analyse wertete ein Team um Ziyi Zhou und Frederick K. Ho von der University of Glasgow Gesundheits- und Bewegungsdaten von 91.292 Teilnehmern der UK Biobank aus. Die Personen trugen dafür eine Woche lang Bewegungssensoren am Handgelenk. Zudem wurden ihre Gesundheitsdaten über die Verknüpfung mit den elektronischen Gesundheitsregistern der UK Biobank im Schnitt gut zwölf Jahre lang nachverfolgt. Besonders auffällig war dieses Ergebnis: Längere Sitzphasen standen mit einem höheren Risiko in Verbindung, an Krebs zu sterben

Jede Stunde Sitzzeit erhöht das Risiko

Als langes Sitzen galt in der Analyse eine Phase von mindestens 30 Minuten, in der die Person fast die ganze Zeit saß oder lag. Gemeint war wache Inaktivität, also etwa Sitzen am Schreibtisch, Fernsehen oder Liegen ohne Schlaf. Die Messgeräte unterschieden zudem leichte, moderate und kräftige Bewegung. Zu leichter Aktivität zählten langsames Gehen und Alltagsbewegungen wie Abwaschen oder Bügeln.

Die Daten ergaben einen deutlichen Zusammenhang: Jede zusätzliche Stunde langer, ununterbrochener Sitzzeit pro Tag ging mit einem etwa zehn Prozent höheren Risiko einher, an Krebs zu sterben. Bei unterbrochener Sitzzeit zeigte sich ein anderes Muster. Wer häufiger aufstand oder sich zwischendurch bewegte, hatte in der Analyse ein niedrigeres Risiko für Krebsdiagnosen und Todesfälle durch Krebs.

In dieser Studie waren das vor allem:

  • adipositasbezogene Krebsarten
  • mit Typ-2-Diabetes verbundene Krebsarten
  • Brust-, Darm-, Lungen- oder Leberkrebs

Kleine Unterbrechungen senken das Risiko

„Was unsere Daten zeigen, ist, dass Sitzen von mehr als 30 Minuten am Stück besonders mit einem höheren Krebsrisiko verbunden ist“, erklärt Ho. Der Forscher verweist zugleich auf eine einfache Möglichkeit: „Die gute Nachricht ist, dass es schützend sein könnte, die Sitzzeit mit etwas so Einfachem wie einem kurzen Spaziergang zu unterbrechen.“

Die Studie passt zu einer wachsenden Diskussion über Sitzpausen. Bisher drehen sich Gesundheitsempfehlungen oft um Sport bei mittlerer oder hoher Intensität. Die neue Auswertung lenkt den Blick stärker auf die vielen kleinen Bewegungen des Tages. „Aktuelle Gesundheitsleitlinien konzentrieren sich stark auf moderate oder intensive Bewegung, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass leichte Bewegung nicht ignoriert werden sollte“, so Ho.

Fokus auf alltägliche Bewegung

Besonders alltagsnah ist der Befund zum Austausch von Sitz- in Bewegungszeit. Wurde eine Stunde Inaktivität pro Tag durch leichte Bewegung ersetzt, lag das Krebssterberisiko um zwölf Prozent niedriger. Dafür braucht es keinen Sportplan. Schon langsames Gehen, Hausarbeit oder ähnliche Tätigkeiten zählten in dieser Kategorie. Eine halbe Stunde moderate Bewegung, etwa Gehen in normalem Tempo, war mit einem acht Prozent niedrigeren Risiko verbunden.

Noch stärker fiel der Zusammenhang bei kurzer, intensiver Bewegung aus. Fünf Minuten kräftige Aktivität am Tag, etwa Laufen, standen mit einem 22 Prozent niedrigeren Krebssterberisiko in Verbindung. Für viele Menschen dürfte dies aber schwerer umsetzbar sein. Ältere Menschen oder Personen mit mehreren Erkrankungen verbringen oft besonders viel Zeit sitzend. Gerade für sie ist eine Aufforderung zur leichten Bewegung besser machbar.

Sitzen ist schlecht für den Stoffwechsel

Biologisch erscheint der Zusammenhang zwischen langem Sitzen und einem höherem Krankheitsrisiko plausibel. Denn Sitzen kann Stoffwechselprozesse ungünstig beeinflussen. In der Facharbeit nennen die Autoren etwa Blutzucker, Insulinregulation, Entzündungsprozesse und Fettablagerungen außerhalb des Fettgewebes als mögliche Folgen langer Sitzperioden. Bewegungspausen könnten diese Prozesse abmildern. Die Analyse selbst konnte solche Mechanismen aber nicht direkt im Körper nachweisen.

Wichtig bleibt die Einordnung: Die Arbeit ist eine Beobachtungsstudie. Sie beweist also nicht, dass langes Sitzen direkt Krebserkrankungen verursacht oder im Umkehrschluss Bewegungspausen eine Krebsdiagnose verhindern. Die Forscher berücksichtigten viele Einflussfaktoren, darunter Alter, Rauchen, Alkohol, Ernährung, Bildung, soziale Lage und Vorerkrankungen. Trotzdem bleiben Restfaktoren denkbar, die das Ergebnis beeinflussen können. Zudem stammen die Daten aus der UK Biobank, deren Teilnehmer nicht exakt die Gesamtbevölkerung abbilden.

Nicht den Lebensstil, nur die Routinen ändern

Auch die Messung hat Grenzen. Die Sensoren erfassten das Verhalten nur über sieben Tage. Sie konnten nicht sehen, ob jemand im Büro saß, im Auto fuhr oder vor dem Fernseher lag. Solche Unterschiede könnten aber eine Rolle spielen. Dennoch liefert die Auswertung einen konkreten Hinweis für den Alltag: Lange Sitzphasen lassen sich leichter verändern als ein kompletter Lebensstil.

Schon kurze Unterbrechungen können Bewegung in starre Stunden bringen. Ein Gang zur Küche, ein Telefonat im Stehen, ein paar Minuten Aufräumen oder der Weg zur Kollegin für ein persönliches Gespräch statt einer Nachricht verändern das Muster.

Kurz zusammengefasst:

  • Langes Sitzen ist vor allem dann problematisch, wenn es 30 Minuten oder länger dauert: In der Analyse von über 91.000 UK-Biobank-Teilnehmern war jede zusätzliche Stunde langer, ununterbrochener Sitzzeit mit einem höheren Risiko verbunden, an Krebs zu sterben.
  • Nicht nur Sport zählt, sondern kleine Unterbrechungen im Alltag: Wer eine Stunde langes Sitzen durch leichte Bewegung wie langsames Gehen, Hausarbeit oder Abwaschen ersetzte, hatte in der Studie ein niedrigeres Krebssterberisiko.
  • Die Studie beweist keine direkte Ursache, liefert aber einen nützlichen Gesundheitsimpuls. Sitzzeiten regelmäßig zu unterbrechen, ist eine einfache Maßnahme, die auch für Menschen realistisch ist, die keinen intensiven Sport machen können oder wollen.

Übrigens: Nicht nur langes Sitzen kann den Körper belasten. Auch Übergewicht, Bluthochdruck, hohe Blutzuckerwerte und schwache Nieren können sich gegenseitig verstärken und das Krebsrisiko erhöhen. Wie dieser Teufelskreis entsteht und welche Werte früh warnen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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