Menschen laufen gegen den Uhrzeigersinn – Forscher rätseln über den Linksdrall

Eine Studie aus Spanien und Japan zeigt: Menschen laufen in Gruppen auffällig oft gegen den Uhrzeigersinn. Die Ursache ist noch offen.

Von oben wird der Linksdrall sichtbar: Jugendliche liefen auf einem Schulhof in Spanien auffällig oft gegen den Uhrzeigersinn. © Echeverría-Huarte et al. / CC-BY-ND

Von oben wird der Linksdrall sichtbar: Jugendliche liefen auf einem Schulhof in Spanien auffällig oft gegen den Uhrzeigersinn. © Echeverría-Huarte et al. / CC-BY-ND

Wenn sich Menschen in Gruppen bewegen, dann machen sie das meistens gegen den Uhrzeigersinn. Zuerst fiel das nur nebenbei in Videoaufnahmen aus Spanien auf. Später prüften Forscher der Universität Navarra und der University of Tokyo den Effekt mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Sie ließen die Teilnehmer in ihrer Studie frei laufen: in Arenen, auf einem Schulhof und einzeln in einem abgegrenzten Raum. Das Muster blieb auffällig stabil. Die Bewegung zog immer wieder nach links herum.

Menschen laufen besonders oft gegen den Uhrzeigersinn

Ausgangspunkt war eine Beobachtung während der Corona-Pandemie. Damals ging es in Spanien eigentlich um Abstand und Bewegungen von Fußgängern. In den Videoaufnahmen fiel den Forschern jedoch etwas anderes auf. In fast allen Versuchsdurchläufen drehten sich die Gruppen auffällig oft gegen den Uhrzeigersinn.

„Als meine Kollegen die Experimente analysierten, merkten sie zufällig, dass die Menschen in 32 von 33 Versuchsdurchläufen beim Gehen und Wenden deutlich bevorzugt gegen den Uhrzeigersinn liefen“, sagt Claudio Feliciani. Er arbeitete damals am Department of Aeronautics and Astronautics der University of Tokyo. Für das Team war das überraschend. Freies Gehen wirkt im Alltag schließlich selten geordnet.

Die Forscher prüften deshalb mehrere naheliegende Erklärungen. Vielleicht lag es an der Kultur. Vielleicht an der bevorzugten Hand oder an der Art, wie Menschen anderen ausweichen. Oder sind Wände, Begrenzungen oder Gruppendruck dafür verantwortlich? Doch keine dieser Erklärungen reichte aus.

Kultur erklärt den Linksdrall nicht

Die Experimente liefen in zwei Ländern mit unterschiedlichen Gewohnheiten. Trotzdem entstand immer wieder dieselbe Richtung. Die Forscher schließen daraus: Der Effekt hängt wohl nicht einfach an einer sozialen Regel.

In Spanien laufen Menschen in Gegenverkehr-Situationen meist eher rechts aneinander vorbei. In Japan bilden sich solche Fußgängerströme dagegen eher links. Wenn Ausweichregeln den Effekt bestimmen würden, müssten sich Unterschiede zeigen. Das trat aber nicht ein.

Auch Wände erklärten das Muster nicht. In einem spanischen Schulhof liefen 107 Jugendliche auf einer offenen Fläche von etwa 50 mal 60 Metern. Dort gab es keine kreisförmige Arena, die die Richtung vorgab. Trotzdem bewegte sich die Gruppe im Schnitt gegen den Uhrzeigersinn. Grenzen können den Effekt also ordnen oder verstärken, sie scheinen ihn aber nicht auszulösen.

Auch einzelne Personen laufen eher linksherum

Besonders aufschlussreich waren die Einzeltests. Mehr als 200 Personen gingen nacheinander allein in einem abgegrenzten Raum. Ohne Gruppe, ohne Gedränge, ohne andere Menschen im Weg. Auch dort blieb die Vorliebe erhalten. Die statistische Auswertung fiel deutlich aus: Der Effekt war signifikant, mit einem P-Wert unter 0,001.

Die Bewegung gegen den Uhrzeigersinn entsteht offenbar nicht erst im Schwarm, sie steckt eher in einer individuellen Bewegungstendenz. Die Forscher sprechen von einer inneren Tendenz beim Gehen. Eine gesicherte biologische Erklärung liefern sie aber noch nicht.

Händigkeit spielte dabei keine klare Rolle. Rechtshänder und Linkshänder unterschieden sich statistisch nicht überzeugend. Auch die bevorzugte Fußseite, die Augendominanz und das Geschlecht erklärten den Effekt nicht. Selbst ein abgedecktes rechtes Auge veränderte das Muster nicht deutlich. Die Teilgruppen der Linkshänder und Linksfüßer waren allerdings klein. Schwache Effekte lassen sich deshalb nicht völlig ausschließen.

Kinder drehen besonders einheitlich

In einer japanischen Kita fiel der Effekt noch stärker aus. Kinder im Alter von etwa fünf Jahren liefen bei einer rhythmischen Bewegungsübung besonders stabil gegen den Uhrzeigersinn. Anders als bei Erwachsenen bewegten sie sich häufiger gemeinsam in eine Richtung. Die Forscher vermuten, dass Kinder stärker nachahmen und sich leichter an Gleichaltrigen orientieren.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Effekt erlernt sein muss. Gerade die Experimente mit Kindern sollten prüfen, ob Sportbahnen, Verkehrsregeln oder erwachsene Alltagsroutinen die Richtung erklären. Die Ergebnisse passen eher zu einer frühen Bewegungsvorliebe. Warum sie entsteht, bleibt unklar.

Feliciani formuliert die offene Frage vorsichtig. „Unsere Ergebnisse mögen wie eine kleine, unbedeutende Entdeckung erscheinen, aber in der Natur zeigen die meisten Fortbewegungsphänomene, dass Tiere meist ohne Richtungspräferenz gehen“, sagt er. „Die starke Vorliebe, die wir bei Menschen gefunden haben, deutet auf eine Asymmetrie auf biomechanischer Ebene hin.“

Wie Bahnhöfe und Museen vom Linksdrall profitieren könnten

Solche Experimente wirken zunächst spielerisch, doch sie können für Orte mit vielen Menschen relevant werden. Flughäfen, Bahnhöfe, Museen, Einkaufszentren und Stadien leben von gut planbaren Wegen. Wenn Menschen tatsächlich etwas natürlicher gegen den Uhrzeigersinn laufen, könnten Wegeführungen, Eingänge oder Rundgänge daran angepasst werden.

Für Museen wäre das besonders naheliegend. Viele Ausstellungen führen Besucher ohnehin auf Rundwegen durch Räume. Wenn eine natürliche Bewegungsrichtung den Fluss angenehmer macht, ließen sich Gedränge und unnötige Kreuzungen verringern. Noch ist das keine fertige Planungsregel. Reale Gebäude enthalten Hindernisse, Beschilderung, Türen, Rolltreppen und gegenläufige Ströme.

Die Forscher nennen auch mögliche Parallelen zum Sport. Manche Lauf- und Rennstrecken verlaufen traditionell gegen den Uhrzeigersinn. Warum das so ist, bleibt offen. Feliciani hält große äußere Kräfte für unwahrscheinlich. „Es kommt wahrscheinlich nicht von den Augen, weil wir Menschen das linke oder rechte Auge abgedeckt haben und die Vorliebe trotzdem blieb“, sagt er. Auch die Corioliskraft oder das Magnetfeld der Erde erscheinen nach den bisherigen Ergebnissen wenig plausibel.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen laufen in Gruppen auffällig oft gegen den Uhrzeigersinn; Experimente in Spanien und Japan fanden diese Tendenz bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
  • Kultur, Gruppengröße, rechte oder linke Hand, bevorzugter Fuß, Augendominanz und Geschlecht erklären den Effekt bislang nicht überzeugend.
  • Die Ursache bleibt offen, doch die Bewegungstendenz nach links könnte für Orte mit vielen Menschen wichtig werden, etwa bei Bahnhöfen, Museen, Flughäfen oder Stadien.

Übrigens: Nicht nur Menschen scheinen einen rätselhaften Linksdrall zu haben – auch Galaxien im frühen Universum drehen sich laut James-Webb-Daten auffällig oft in dieselbe Richtung. Einige Physiker sehen darin sogar einen Hinweis auf eine gewaltige Möglichkeit: Unser Universum könnte in einem Schwarzen Loch entstanden sein. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Echeverría-Huarte et al. / CC-BY-ND

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