Menschen helfen ungewollt einem Raubtier bei der Eroberung Europas
Menschliche Siedlungen bieten Goldschakalen Schutz vor Wölfen. Dadurch könnte sich das Raubtier in Europa schneller ausbreiten.
Der Goldschakal breitet sich seit Jahrzehnten in Europa aus. Neue Erkenntnisse zeigen, welche Rolle Wölfe und die Nähe des Menschen dabei spielen. © Wikimedia
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt der Goldschakal in weiten Teilen Europas als seltene Erscheinung. Heute taucht das mittelgroße Raubtier immer häufiger auf. Sein Verbreitungsgebiet reicht inzwischen von Südosteuropa bis nach Spanien und sogar in Regionen nahe des Polarkreises. Für den Vormarsch des Tieres gibt es einen unerwarteten Grund: Menschen helfen ihm dabei, ohne es zu beabsichtigen.
Ein internationales Forscherteam aus 13 Ländern hat untersucht, warum sich der Goldschakal so erfolgreich ausbreitet. Dabei stießen die Wissenschaftler auf ein komplexes Zusammenspiel aus Wölfen, Landschaft und menschlicher Präsenz. Die Universität Ljubljana koordinierte die Arbeiten. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Nature Ecology & Evolution.
Für die Studie wurde ein außergewöhnlich großes Datenset ausgewertet. Die Wissenschaftler spielten an fast 9000 Orten Aufnahmen von Schakalrufen ab und zeichneten die Antworten der Tiere auf. Auf diese Weise konnten sie deren Verbreitung über weite Teile Europas erfassen.
Wie sich der Goldschakal Europa Stück für Stück erschließt
Über Jahrtausende lebte der Goldschakal vor allem an den Rändern Südosteuropas. In den vergangenen Jahrzehnten änderte sich das Bild jedoch deutlich. Heute besiedelt die Art große Teile des Kontinents und erreicht Gebiete, in denen sie früher nicht vorkam.
Die Forscher identifizierten mehrere Umweltfaktoren, die den Tieren entgegenkommen. Kurze Schneeperioden erhöhen die Wahrscheinlichkeit ihres Vorkommens. Auch Landschaften mit mittlerem Waldanteil und die Nähe zu Gewässern bieten günstige Bedingungen. Den stärksten Einfluss übt jedoch ein anderer Bewohner Europas aus: der Wolf.
Wölfe halten Schakale besonders wirksam auf Abstand
Dort, wo stabile Wolfsrudel leben, finden sich deutlich weniger Goldschakale. Die Tiere meiden solche Gebiete oder kommen dort seltener vor. Besonders gering ist ihre Präsenz in den Kerngebieten etablierter Wolfsrudel.
Dieser Zusammenhang passt zu einer bekannten ökologischen Erklärung. Nachdem Menschen Wölfe in vielen Regionen Europas über Jahrhunderte stark dezimiert hatten, verloren die Schakale ihren wichtigsten natürlichen Gegenspieler. Dadurch entstanden neue Freiräume, die sie nach und nach besiedeln konnten.
Menschen werden für Schakale überraschend zum Schutzschild
Noch interessanter wurde es bei der Auswertung des Verhaltens der Tiere. In Regionen ohne Wölfe meiden Goldschakale menschliche Siedlungen meist. Ihre Vorliebe für die Nähe von Menschen ist dort gering.
Ganz anders sieht es aus, wenn Wölfe in der Umgebung leben. Dann verändert sich das Verhalten der Schakale deutlich. Sie suchen häufiger Gebiete in der Nähe von Dörfern, Häusern und anderen menschlichen Strukturen auf. Die Forscher sprechen von einem „menschlichen Schutzschild“. Wölfe meiden die unmittelbare Nähe des Menschen oft stärker als Schakale. Dadurch entstehen Rückzugsräume, in denen die kleineren Raubtiere vergleichsweise sicher leben können.
Das mögliche Verbreitungsgebiet ist riesig
Auf Basis der gesammelten Daten berechnete das Team, wie weit sich die Art künftig noch ausbreiten könnte. Das Ergebnis fällt bemerkenswert aus: Rund 75 Prozent des europäischen Festlands bieten geeignete Bedingungen für Goldschakale.
Das potenzielle Verbreitungsgebiet wäre damit fast sechsmal größer als das Areal, das die Tiere derzeit besiedeln. Nach Einschätzung der Wissenschaftler ist die Expansion deshalb noch längst nicht abgeschlossen. Viele Regionen Europas könnten künftig weitere Schakalvorkommen erleben.

Rückkehr der Wölfe könnte den Vormarsch bremsen
Die Forscher gehen davon aus, dass die Erholung der Wolfsbestände die weitere Expansion teilweise begrenzen kann. „Unsere Studie liefert Hinweise darauf, dass die Rückkehr von Spitzenprädatoren eine natürliche Lösung sein kann, um wachsende Bestände mittelgroßer Raubtiere zu regulieren“, sagt Miha Krofel von der Universität Ljubljana.
Allerdings reicht die bloße Anwesenheit von Wölfen nicht aus. Entscheidend sind ausreichend große und stabile Populationen.
Kurz zusammengefasst:
- Der Goldschakal breitet sich in Europa stark aus, weil milde Winter, passende Landschaften und die historische Verdrängung der Wölfe ihnen neue Lebensräume eröffnet haben.
- Wölfe sind der wichtigste natürliche Gegenspieler der Goldschakale; in stabilen Wolfsgebieten kommen die kleineren Raubtiere deutlich seltener vor.
- In der Nähe menschlicher Siedlungen finden Goldschakale Schutz vor Wölfen, weshalb sie laut Studie künftig bis zu 75 Prozent des europäischen Festlands besiedeln könnten.
Übrigens: Wölfe können Ökosysteme weit stärker verändern, als es auf den ersten Blick wirkt – in Schottland könnten sie Rotwild bremsen, Wälder wachsen lassen und so zusätzlich CO₂ binden. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Ivanbuki via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
