Geschwollene Augenlider: Wann Gerstenkorn und Hagelkorn gefährlich werden können
Gerstenkorn oder Hagelkorn? Hartnäckige Schwellungen am Augenlid können selten auch auf Hautkrebs hinweisen.
Gersten- und Hagelkörner verursachen häufig geschwollene Augenlider. Manche Veränderungen sollten jedoch augenärztlich untersucht werden. © Wikimedia
Ein kleines Knötchen am Augenlid ist zwar unschön und lästig, oft aber harmlos. In den meisten Fällen handelt es sich bei der Schwellung um ein Gerstenkorn, das nach wenigen Tagen wieder verschwindet. Manche Veränderungen bleiben jedoch hartnäckig, wachsen langsam weiter oder treten immer wieder auf. Dann steckt manchmal mehr dahinter als eine gewöhnliche Entzündung.
Besonders heikel ist der Ort. Die Haut am Augenlid ist dünn und empfindlich. Laut Fachliteratur entstehen dort trotzdem fünf bis zehn Prozent aller Hautkrebserkrankungen. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) warnt deshalb davor, dauerhafte Schwellungen, Wimpernverlust oder nicht heilende Stellen am Lid zu unterschätzen.
Gerstenkorn oder Hagelkorn? Der Unterschied ist wichtig
Die kleinen Schwellungen entstehen meist in Drüsen am Lidrand. Ärzte unterscheiden dabei vor allem zwischen Gerstenkorn und Hagelkorn. Beide sehen ähnlich aus, haben aber unterschiedliche Ursachen. „Es handelt sich in beiden Fällen um Entzündungen“, erklärt die Augenärztin Dr. med. Philomena Alice Wawer Matos Reimer vom Zentrum für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Köln.
„Das Gerstenkorn entsteht aufgrund einer bakteriellen Infektion, eitert oft ähnlich wie ein Pickel und schmerzt“, sagt Wawer Matos Reimer. Hinter dem Hagelkorn steckt meist ein Sekretstau in einer sogenannten Meibomdrüse. Diese Drüsen produzieren Fettbestandteile für den Tränenfilm. Das Hagelkorn „eitert nicht, ist abgekapselt, entwickelt sich eher langsam und ist in der Regel deutlich weniger schmerzhaft“.
Auch die Heilung verläuft unterschiedlich. Ein Gerstenkorn verschwindet oft nach einigen Tagen. Ein Hagelkorn kann dagegen mehrere Wochen oder sogar Monate bestehen bleiben. Bei stärkeren bakteriellen Entzündungen verschreiben Augenärzte manchmal antibiotische Salben. Beim Hagelkorn helfen Antibiotika laut DOG meist nur während akuter Entzündungsphasen.
Diese Beschwerden sollten misstrauisch machen
Viele Menschen warten bei Lidproblemen zunächst ab. Das ist oft sinnvoll. Manche Veränderungen brauchen allerdings eine schnelle Untersuchung beim Augenarzt. Besonders kritisch gelten laut DOG diese Warnzeichen:
- Die Schwellung wächst sichtbar weiter
- Wimpern fallen an der betroffenen Stelle aus
- Die Stelle blutet oder heilt nicht ab
- Die Lidkante verändert ihre Form
- Das Knötchen bleibt über Wochen bestehen
- Salben oder Wärme bringen keine Besserung
„In solchen Situationen nicht lange warten und umgehend einen Termin vereinbaren“, warnt Wawer Matos Reimer.
Hintergrund dieser Warnung ist auch eine größere Beobachtungsstudie zu Lidveränderungen. Forscher untersuchten dabei 544 operativ entfernte Veränderungen an den Augenlidern. Rund 79 Prozent erwiesen sich als gutartig. Etwa jede fünfte untersuchte Veränderung war allerdings bösartig.
Studie zeigt auffällige Häufung am Augenlid
Besonders häufig fanden Ärzte in der Studie ein Hagelkorn. Es machte fast die Hälfte aller gutartigen Befunde aus. Unter den bösartigen Veränderungen dominierte das Basalzellkarzinom deutlich. Fast 96 Prozent aller malignen Befunde entfielen auf diese Tumorart.
Die Studie macht noch etwas deutlich: Manche Tumoren sehen anfangs erstaunlich harmlos aus. Besonders tückisch gilt das sogenannte Merkelzellkarzinom. Dieser seltene Hauttumor macht nur etwa 0,5 Prozent aller Lidtumoren aus. Fachärzte beschreiben ihn jedoch als aggressiv und leicht verwechselbar mit einem Gerstenkorn oder Hagelkorn.
Auch sogenannte Talgdrüsenkarzinome können Entzündungen täuschend ähnlich sehen. Fachartikel warnen deshalb davor, hartnäckige oder wiederkehrende Schwellungen monatelang nur als Lidrandentzündung zu behandeln.
Warum manche Menschen häufiger betroffen sind
Bestimmte Erkrankungen erhöhen das Risiko für wiederkehrende Lidentzündungen deutlich. Dazu gehören Rosazea, Neurodermitis, seborrhoisches Ekzem oder Diabetes. Auch Menschen mit allergischer Neigung oder geschwächtem Immunsystem entwickeln häufiger Probleme an den Lidrändern.
Frauen in hormonellen Umstellungsphasen gelten ebenfalls als anfälliger. Während Schwangerschaft oder Wechseljahren verändert sich die Funktion der Meibomdrüsen oft spürbar. Dadurch können sich die Drüsen leichter verschließen.
Dazu kommen Faktoren aus dem Alltag, die viele unterschätzen:
- chronischer Stress
- Schlafmangel
- aktives und passives Rauchen
- schlecht gereinigte Kontaktlinsen
- häufiges Augenreiben
- unzureichendes Abschminken
Wärme und Lidpflege helfen oft erstaunlich gut
Besonders wirksam gelten warme Kompressen kombiniert mit Lidpflege. Viele Augenärzte empfehlen Wärmemasken oder ein warmes Kirschkernkissen. Danach folgt eine sanfte Massage des Lidrands mit einem Wattepad oder Wattestäbchen.
Auch ein altes Hausmittel taucht in den Empfehlungen der DOG auf. „Womit wir sehr gute Erfahrungen machen, ist ein altes Hausmittel: Kompressen mit schwarzem Tee“, sagt Wawer Matos Reimer. Dafür wird schwarzer Tee aufgebrüht, etwas abgekühlt und anschließend mit einem sauberen Tuch auf das geschlossene Auge gelegt.
Zusätzlich helfen eine gründliche Hygiene und eine regelmäßige Reinigung der Lidkanten. Besonders praktisch funktioniert das laut DOG unter der warmen Dusche. „Unser Tipp ist, die Lidkantenpflege konsequent durchzuführen und in die tägliche Routine einzubauen, beispielsweise unter der warmen Dusche“, erklärt die Augenärztin.
Bleibt ein Hagelkorn dauerhaft bestehen, entfernen Augenärzte die Veränderung manchmal mit einem kleinen Eingriff unter örtlicher Betäubung. „Wir machen unter lokaler Betäubung je nach Lokalisation der Läsion von der Innen- beziehungsweise Außenseite des Lides aus einen winzigen Schnitt und entfernen das entzündliche Gewebe samt Kapsel“, erklärt Wawer Matos Reimer.
Fachärzte warnen außerdem davor, scheinbar harmlose Entzündungen monatelang selbst zu behandeln. Bleibt die Schwellung bestehen oder verändert sich sichtbar, sollte die Ursache erneut geprüft werden. Manche Tumoren am Lid ähneln einem gewöhnlichen Gerstenkorn erstaunlich stark.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Gerstenkorn entsteht meist durch Bakterien und schmerzt häufig, während ein Hagelkorn oft durch verstopfte Drüsen entsteht und länger bestehen bleibt.
- Warnzeichen wie Wimpernverlust, Blutungen, Wachstum der Schwellung oder eine nicht heilende Wunde sollten augenärztlich untersucht werden.
- Wärme, Lidpflege und gute Hygiene helfen oft gut gegen Entzündungen am Augenlid, doch hartnäckige Veränderungen können selten auch auf Hauttumoren hinweisen.
Übrigens: Diabetes kann nicht nur die Blutgefäße im Körper schädigen, sondern auch unbemerkt die Netzhaut angreifen und das Sehvermögen gefährden. Forscher aus Mannheim entdeckten nun einen Mechanismus, der erklären könnte, warum manche Patienten schwere Netzhautschäden entwickeln – und weshalb ein bekanntes MS-Medikament künftig helfen könnte. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Andre Riemann via Wikimedia unter Public Domain
