Frauen haben bei Autounfällen schlechtere Karten als Männer – der Grund steckt im Auto
Frauen haben bei Autounfällen ein 60 Prozent höheres Verletzungsrisiko, weil viele Sicherheitssysteme immer noch auf Männer ausgelegt sind.
Ein Crashtest zeigt, wie stark Sitzposition, Airbag und Gurt den Schutz im Auto beeinflussen. © VSI - TU Graz
Zwei Menschen sitzen im selben Auto. Der Aufprall ist derselbe, die Airbags lösen aus, die Gurte spannen sich. Und trotzdem endet der Unfall für die Frau oft schwerer.
Der Grund liegt nicht nur im Crash selbst. Viele Gurte, Airbags und Crashtests wurden lange am männlichen Durchschnittskörper ausgerichtet. Sitzt eine Frau anders, etwas kleiner, weiter hinten oder nicht im optimalen Winkel, können manche Systeme schlechter schützen. Eine Untersuchung der TU Graz zeigt nun, wie groß diese Sicherheitslücke ist.
Frauen verletzen sich bei Autounfällen schon bei geringerer Aufprallkraft schwerer
Für die Untersuchung wertete das Team österreichische Unfalldaten aus den Jahren 2012 bis 2024 aus. Die Forscher rekonstruierten reale Frontalunfälle und simulierten sie mit digitalen Menschmodellen in verschiedenen Sitzpositionen. Bei vergleichbaren Unfällen wurden Frauen viel häufiger verletzt. Von 100 Frauen traf es rechnerisch fast 90, bei Männern waren es knapp 57. Damit lag das Verletzungsrisiko von Frauen rund 60 Prozent höher.
Bei schweren Unfallfolgen wird der Unterschied noch deutlicher. Frauen erlitten schon bei niedrigeren Aufprallgeschwindigkeiten häufiger schwere oder tödliche Verletzungen als Männer. Ihr Risiko war mehr als doppelt so hoch.
„Unsere Analysen zeigen, dass Frauen vor allem im Bereich des Brustkorbs, der Wirbelsäule sowie an Armen und Beinen überproportional häufig verletzt werden“, sagt Studienleiterin Corina Klug vom Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz.
Sitzposition und Airbag-Abstand sind für Frauen besonders riskant
Für Frauen kann besonders der Beifahrersitz gefährlich werden. In fast der Hälfte der Fälle, in denen Frauen schwerer verletzt wurden als Männer, saßen sie rechts vorne. Der genaue Anteil lag bei 48,37 Prozent.
Die Forscher sehen dafür mehrere Ursachen. Die Entwicklung vieler Schutzsysteme folgte über Jahrzehnte vor allem männlichen Maßen. Unterschiede bei Körperbau, Sitzhaltung und Abstand zu Airbag und Gurt können deshalb dazu führen, dass Frauen schlechter geschützt sind.
Zusätzlich spielt die Sitzposition eine Rolle. Wird ein Sitz weit nach hinten geschoben oder sitzt jemand stark zurückgelehnt, verändert sich die Schutzwirkung. Airbag und Gurt sind für bestimmte Sitzpositionen und Abstände konzipiert. Bei einem Aufprall trifft der Airbag den Körper dann später oder in einem ungünstigeren Winkel. Auch der Gurt hält den Körper oft nicht mehr so stabil zurück wie vorgesehen. „Einen weit nach hinten geschobenen oder sogar zurückgelehnten Beifahrersitz haben wir alle schon gesehen. Airbags und Gurte sind für solche Nicht-Standard-Positionen aber nicht ausgelegt“, erklärt Klug.
Auch das Alter spielt eine Rolle. Besonders Frauen über 50 tragen ein höheres Risiko für schwere oder tödliche Verletzungen. Auch die Crashtests ändern sich bereits. Euro NCAP, der europäische Konsumentenschutz für Autos, prüft seit Jahresbeginn auch unterschiedliche Sitzpositionen mit Dummies und digitalen Menschmodellen.
Warum Crashtests Frauen nicht realistisch abbilden
Das Problem beginnt oft lange vor dem eigentlichen Unfall – nämlich beim Crashtest. Über Jahrzehnte galt dort der sogenannte 50-Perzentil-Mann als Standard. Gemeint ist ein statistischer Durchschnittsmann, an dessen Körper viele Sicherheitssysteme bis heute angepasst werden.
Auch der weibliche Crash-Dummy bildet Frauen oft nur unzureichend ab. Häufig handelt es sich lediglich um eine kleinere Version des männlichen Modells. Zudem entspricht dieser Dummy einer sehr kleinen und leichten Frau. Laut TU Graz sind jedoch 95 Prozent der Frauen größer und schwerer als diese Referenzfigur.
Dadurch bleiben wichtige Unterschiede meist außen vor. Dazu gehören etwa:
- die Form des Brustkorbs
- die Beckenbreite
- die Schultergeometrie
- eine andere Sitzhaltung im Auto
Für Frontal- oder Seitenaufpralle existiert bislang kein Crash-Dummy, der den Körper einer durchschnittlichen Frau realistisch nachbildet. Nur für Heckaufpralle gibt es entsprechende Modelle – sie werden bisher aber kaum eingesetzt.
„Frauen sind nun mal keine kleinen Männer. Und mit Modellen von sehr kleinen, zierlichen Frauen kann oft nicht abgebildet werden, was wir in den Unfällen beobachten“, so Klug.

Schon Winterjacken können den Gurt schwächen
Auch alltägliche Dinge können den Schutz im Auto verschlechtern. Dicke Winterjacken oder Decken zwischen Körper und Sicherheitsgurt sorgen zum Beispiel dafür, dass der Gurt nicht mehr eng genug anliegt.
Bei einem starken Aufprall kann der Körper unter dem Sicherheitsgurt nach vorne rutschen. Fachleute nennen das „Submarining“ – weil der Körper dabei ähnlich wie ein U-Boot unter dem Gurt hindurchtaucht. Der Gurt liegt dann nicht mehr stabil auf dem Beckenknochen, sondern drückt auf empfindliche Bereiche im Bauchraum. Das kann schwere innere Verletzungen verursachen. Auch eine ungünstige Sitzhaltung erhöht dieses Risiko zusätzlich.
So schützen Gurt und Sitz besser
Die Forscher empfehlen deshalb nicht nur modernere Sicherheitssysteme, sondern auch kleine Änderungen im Alltag. Schon die richtige Sitzposition kann bei einem Unfall einen großen Unterschied machen.
Wichtig sind vor allem diese Punkte:
- nicht zu weit hinten sitzen
- eher aufrecht sitzen statt stark zurückgelehnt
- den Beckengurt direkt auf dem Beckenknochen platzieren
- den Schultergurt über das Schlüsselbein führen
- dicke Kleidung zwischen Körper und Gurt vermeiden
Autos sollen sich stärker an echte Menschen anpassen
Nach Ansicht der Studienautoren müssen Sicherheitssysteme künftig stärker auf unterschiedliche Körper und Sitzpositionen reagieren. Helfen könnten adaptive Gurtkraftbegrenzer. Sie passen die Rückhaltekraft bei einem Aufprall automatisch an Körperbau, Sitzposition und Unfallschwere an.
Auch digitale Menschmodelle sollen klassische Dummys ergänzen. Mit ihnen lassen sich verschiedene Körperformen und Sitzhaltungen realistischer simulieren. Laut Klug sind „digitale, biomechanisch realistische Menschmodelle ein wesentlicher Baustein.“ Mit differenzierten Computersimulationen ließen sich die historisch männlich geprägten und starren Testverfahren entscheidend erweitern.
Kurz zusammengefasst:
- Frauen sind bei vergleichbaren Autounfällen deutlich schlechter geschützt als Männer: Laut TU Graz liegt ihr Verletzungsrisiko rund 60 Prozent höher.
- Ein wichtiger Grund hängt mit Gurten, Airbags und Crashtests zusammen, die lange am männlichen Durchschnittskörper ausgerichtet wurden.
- Wer sicherer sitzen will, sollte aufrecht sitzen, den Gurt eng am Körper führen und dicke Kleidung zwischen Gurt und Körper vermeiden.
Übrigens: Nicht nur Gurte und Airbags entscheiden über Sicherheit – auch Kameras an Kreuzungen könnten künftig Leben retten. Eine neue KI erkennt gefährliche Verkehrssituationen schon vor dem Unfall und hilft Städten, Risiken früh zu entschärfen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © VSI – TU Graz
