Viele Migräne-Patienten setzen auf Akupunktur – doch der Nutzen ist kaum belegt
Akupunktur kann Migräne lindern, doch für viele typische Behandlungsfälle fehlt laut Studie der klare Wirksamkeitsnachweis.
Bei Migräne entscheiden sich viele Betroffene für Akupunktur, weil Medikamente oft Nebenwirkungen verursachen oder nicht gut vertragen werden. © Pexels
Migräne ist für viele mehr als nur Kopfschmerz. Wer regelmäßig Attacken mit Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und stundenlangen Ausfällen erlebt, kann seinen Alltag kaum noch bewältigen. Viele Betroffene suchen deshalb nach einer Behandlung, die langfristig hilft, aber nicht sofort neue Nebenwirkungen mitbringt. Gerade Akupunktur gilt da oft als schonende Alternative zu Tabletten.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat die Datenlage zur Akupunktur bei Migräne jetzt neu geprüft. Das Ergebnis fällt nüchtern aus: Für viele typische Behandlungsfälle fehlt bis heute der klare wissenschaftliche Nachweis. Besonders dort, wo moderne Medikamente eingesetzt werden oder klassische Mittel nicht helfen, gibt es kaum belastbare Studien.
Akupunktur gegen Migräne bleibt für viele ein Hoffnungsthema
Migräne ist keine seltene Erkrankung. Laut IQWiG sind in Deutschland 14,8 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer betroffen. Bei 1,2 Prozent liegt eine chronische Form vor. Dann treten an mindestens 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen auf, davon an mindestens acht Tagen mit typischen Migräne-Beschwerden.
Das bedeutet für viele deutlich mehr als Schmerz. Arbeitstage fallen aus, Termine werden abgesagt, der Schlaf leidet. Viele kämpfen zusätzlich mit Erschöpfung, Angst oder depressiven Phasen. Wer häufig Schmerzmittel braucht, riskiert außerdem einen Medikamentenübergebrauch, der die Beschwerden weiter verstärken kann.
Zur Vorbeugung kommen deshalb verschiedene Wege infrage. Dazu zählen Medikamente wie Betablocker, Topiramat oder Amitriptylin, neuere CGRP-Antikörper als Zweitlinientherapie, Ausdauersport, Entspannungsverfahren, Verhaltenstherapie – und eben Akupunktur als ergänzende Methode. Gerade weil Medikamente oft Nebenwirkungen verursachen, entscheiden sich viele bewusst für Nadeln statt Tabletten.
Für die wichtigsten Behandlungsfälle fehlen belastbare Studien
Das IQWiG prüfte zwei zentrale Fragen: Ist klassische manuelle Akupunktur mit Nadeln besser als eine medikamentöse Migräneprophylaxe? Und hilft sie Menschen, die Medikamente nicht vertragen oder gar nicht einnehmen können?
Die wichtigste Antwort fällt ernüchternd aus. Für einen großen Teil dieser Fälle gibt es keine passenden Studien. Das betrifft besonders Patienten, bei denen klassische Medikamente nicht ausreichen und moderne CGRP-Antikörper infrage kommen. Auch für Menschen mit Unverträglichkeiten oder Kontraindikationen fehlen belastbare Vergleiche.
Im Bericht heißt es klar: „Für einen Großteil der Anwendungsbereiche der manuellen Akupunktur zur Migräneprophylaxe liegen keine relevanten Studien vor.“ Noch deutlicher wird es an dieser Stelle „Für diese Anwendungsbereiche gibt es daher keinen Nachweis eines Nutzens der manuellen Akupunktur mit Nadeln.“ Das bedeutet nicht, dass Akupunktur grundsätzlich nicht helfen kann. Es bedeutet vor allem: Für viele Fälle ist die wissenschaftliche Grundlage zu dünn.
Nur drei Studien mit rund 300 Patienten blieben übrig
Am Ende stützte sich die Bewertung nur auf drei randomisierte kontrollierte Studien mit zusammen rund 300 Patientinnen und Patienten. Zwei weitere Untersuchungen mussten wegen methodischer Probleme ausgeschlossen werden. Die drei verwertbaren Studien stammen aus Italien, China und Taiwan und wurden zwischen 2002 und 2019 veröffentlicht. Verglichen wurde Akupunktur nur mit zwei älteren Medikamenten: Flunarizin und Topiramat.
Nicht untersucht wurden dagegen häufig genutzte Betablocker wie Propranolol oder Metoprolol. Auch Amitriptylin, Botulinumtoxin oder moderne CGRP-Antikörper fehlen komplett. Das kritisiert das IQWiG deutlich. Stefan Sauerland, Leiter des IQWiG-Ressorts Nichtmedikamentöse Verfahren, erklärt:
Die Akupunktur-Forschung wurde ein Stück weit abgehängt. Man hat es versäumt, in Studien zu untersuchen, ob die Akupunktur auch mit anderen und moderneren Varianten der medikamentösen Migräneprophylaxe Schritt halten kann.
Wo Akupunktur bei Migräne Vorteile zeigte
Ganz ohne positive Ergebnisse bleibt der Bericht nicht. Vor allem bei chronischer Migräne schnitt Akupunktur in einzelnen Bereichen besser ab als die Vergleichsmedikamente.
In einer Studie sank die Zahl moderater bis starker Kopfschmerztage um durchschnittlich 2,7 Tage pro Monat. Auch der Anteil der Patienten, die ihre Kopfschmerztage um mindestens die Hälfte reduzieren konnten, war deutlich höher. Verbesserungen zeigten sich außerdem bei:
- Einschränkungen im Alltag und Beruf
- sozialer Belastung
- Vitalität und psychischem Wohlbefinden
- allgemeiner Lebensqualität
Besonders der Alltag spielt für Betroffene eine große Rolle. Wer wegen Migräne regelmäßig fehlt, erlebt oft Druck im Job, Konflikte im Umfeld und soziale Isolation. Deshalb können schon wenige bessere Tage im Monat viel verändern.
Warum die alternative Behandlung nicht jedem gleich gut hilft
Zusätzlich gibt es Hinweise darauf, warum Akupunktur manchen Betroffenen deutlich hilft – und anderen kaum. Eine neue randomisierte klinische Untersuchung aus China mit 120 Erwachsenen mit Migräne ohne Aura zeigte, dass Akupunktur die Zahl der monatlichen Migränetage stärker senken konnte als eine Scheinbehandlung. Auch Kopfschmerztage, Schmerzintensität und der Bedarf an Akutmedikamenten gingen zurück. Viele berichteten zudem über weniger Einschränkungen im Alltag, etwa im Beruf, im sozialen Leben und beim psychischen Wohlbefinden.
Auffällig war vor allem der Blick ins Gehirn. Vor Beginn wurden die Teilnehmenden per funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht. Dabei zeigte sich: Entscheidend war nicht nur die Nadel selbst, sondern auch, wie bestimmte Hirnareale miteinander vernetzt waren. Menschen mit einer schwächeren Verbindung in bestimmten Schmerz- und Ruhezustandsnetzwerken profitierten stärker von der Behandlung. Die Forschenden schreiben, dass diese Analyse der Hirnvernetzung sogar „klinische Behandlungsergebnisse vorhersagen“ könne. Akupunktur wirkt also offenbar nicht zufällig, sondern passt besser zu bestimmten neurologischen Voraussetzungen.
Nebenwirkungen fallen meist deutlich milder aus
Ein weiterer Vorteil betrifft die Verträglichkeit. In den ausgewerteten Studien traten unter Akupunktur keine schweren unerwünschten Ereignisse auf.
Typisch waren nur:
- kleine Blutungen
- Hämatome
- kurze Schmerzen an den Einstichstellen
Bei Medikamenten sieht das oft anders aus. Je nach Wirkstoff berichten Patienten über Müdigkeit, Gewichtszunahme, Übelkeit, Konzentrationsprobleme oder depressive Verstimmungen. Topiramat kann zusätzlich Nierensteine, Sehstörungen und schwere psychische Nebenwirkungen begünstigen. Flunarizin steht unter anderem mit Müdigkeit und Parkinson-ähnlichen Beschwerden in Verbindung.
Das IQWiG spricht deshalb von einem „Anhaltspunkt für einen geringeren Schaden“ durch Akupunktur im Vergleich zur medikamentösen Vorbeugung.
Schnelle Wunder sollte niemand erwarten
Auch die Dauer der Behandlung ist wichtig. In den Studien kamen zwischen 12 und 24 Sitzungen zum Einsatz. Belastbare Vorteile zeigten sich meist erst nach drei bis vier Monaten. Wer nach wenigen Terminen auf einen schnellen Effekt hofft, wird oft enttäuscht. Akupunktur ist eher eine länger angelegte Maßnahme als eine Sofortlösung.
Für Zeiträume über sechs Monate hinaus fehlen wiederum belastbare Daten. Auch hier bleibt offen, wie nachhaltig der Nutzen wirklich ist.
Kurz zusammengefasst:
- Akupunktur kann bei Migräne helfen, vor allem bei chronischer Migräne, doch für viele häufige Behandlungsfälle fehlt bis heute ein klarer wissenschaftlicher Nachweis. Besonders Vergleiche mit modernen Medikamenten wie CGRP-Antikörpern oder häufig genutzten Betablockern fehlen.
- Das IQWiG stützte seine Bewertung nur auf drei verwertbare Studien mit rund 300 Patienten, in denen Akupunktur nur mit Flunarizin oder Topiramat verglichen wurde. Deshalb lässt sich der Nutzen nur für einen kleinen Teil der tatsächlichen Versorgung sicher beurteilen.
- Vorteile zeigten sich vor allem bei weniger Kopfschmerztagen, besserer Lebensqualität und geringeren Nebenwirkungen. Akupunktur ist jedoch keine schnelle Lösung, denn belastbare Effekte traten meist erst nach drei bis vier Monaten und mehreren Sitzungen auf.
Übrigens: Während viele bei Migräne auf Akupunktur statt Tabletten hoffen, greifen Menschen mit chronischen Schmerzen oft zur Zigarette – obwohl sie ihre Beschwerden damit langfristig verschlimmern können. Eine große Studie zeigt, warum Rauchen bei Schmerzen zum Teufelskreis wird und weshalb der Ausstieg so schwerer fällt. Mehr dazu in unserem Artikel.
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