150 Millionen Tonnen fehlen: Klimabilanz-Lücke bei Kläranlagen entspricht Emissionen des internationalen Luftverkehrs

Kläranlagen stoßen mehr Emissionen aus als gemeldet: Bis zu 150 Millionen Tonnen CO₂ fehlen jährlich in Klimabilanzen.

Kläranlage aus der Vogelperspektive

Viele Staaten erfassen die Emissionen aus Kläranlagen und Abwassersystemen unvollständig. Veraltete Berechnungsmethoden sowie nicht berücksichtigte Quellen wie Latrinen oder unbehandeltes Abwasser führen zu einer deutlichen Lücke in den offiziellen Klimabilanzen. © Unsplash

Kläranlagen gehören zur unsichtbaren Infrastruktur unseres Alltags. Sie reinigen Abwasser zuverlässig und sorgen dafür, dass Flüsse und Grundwasser sauber bleiben. Damit sind sie ein wichtiger Bestandteil unseres Gesundheits- und Umweltschutzes. Gleichzeitig sind ihre Emissionen deutlich höher, als bislang angegeben wird. Für das Klima spielt die Abwasserreinigung deshalb eine größere Rolle, als bisher in den offiziellen Zahlen sichtbar wird.

Eine neue Untersuchung der Princeton University, Engineering School zeigt: Viele Länder unterschätzen die Treibhausgase aus ihrem Abwassersektor um 19 bis 27 Prozent. Weltweit fehlen dadurch jedes Jahr zwischen 94 und 150 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente in den offiziellen Klimabilanzen. Das entspricht ungefähr den Emissionen des internationalen Luftverkehrs.

Kläranlagen fallen bei Emissionen stärker ins Gewicht als gedacht

Abwasserbehandlung braucht viel Energie. Weltweit verbrauchen Kläranlagen zwischen 0,8 und 4 Prozent des gesamten Stroms. Gleichzeitig entstehen dort Methan und Lachgas. Beide Gase wirken stärker auf das Klima als Kohlendioxid. Zusammengenommen verursacht der Sektor deshalb rund 5 bis 6,5 Prozent der weltweiten Nicht-CO₂-Treibhausgase.

Für ihre Analyse werteten die Forschenden die Klimaberichte von 38 Staaten auf fünf Kontinenten aus. Darunter befanden sich 26 Industrieländer und 12 Schwellenländer. Allein in diesen Ländern fehlen nach neuen Berechnungen rund 73 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr. Das sind 26,5 Prozent mehr als bislang gemeldet. Besonders deutlich fällt die Lücke beim Lachgas aus, während auch beim Methan erhebliche Abweichungen bestehen.

In einzelnen Ländern zeigen sich extreme Unterschiede. In Spanien könnten die Methanwerte um bis zu 450 Prozent höher liegen als offiziell angegeben. In Finnland würde sich der Lachgaswert sogar um bis zu 550 Prozent erhöhen. Solche Abweichungen verändern die nationale Klimabilanz erheblich.

Veraltete IPCC-Regeln verzerren die Zahlen deutlich

Ein zentraler Grund liegt in den Berechnungsmethoden. Viele Staaten orientieren sich weiterhin an Leitlinien des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2006. Damals nahm man an, dass gut belüftete Anlagen kein Methan freisetzen. Außerdem setzte man für Lachgas einen sehr niedrigen Standardwert an. Inzwischen hat sich das Wissen jedoch deutlich weiterentwickelt.

Die überarbeitete IPCC-Fassung von 2019 enthält höhere und differenziertere Emissionsfaktoren. Dennoch rechnen zahlreiche Länder weiterhin mit den alten Werten. Dadurch bleiben Teile der tatsächlichen Emissionen unsichtbar. Zusätzlich berücksichtigen manche Inventare bestimmte Abwasserpfade gar nicht. Dazu gehören etwa:

  • Latrinen und einfache Sanitärsysteme
  • Unbehandeltes Abwasser
  • Undichte Kanäle oder Überläufe

Gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern spielen diese Quellen eine größere Rolle. Deshalb entfallen rund 76 Prozent der ermittelten Emissionslücke auf zwölf aufstrebende Volkswirtschaften.

Präzise Daten entscheiden über wirksame Klimapolitik

Studienleiter Z. Jason Ren erklärt die Bedeutung korrekter Zahlen. „Wenn man nicht genau weiß, wie hoch die Emissionen sind, ist es sehr schwierig, wirksame Strategien oder Technologien zur Reduzierung zu entwickeln“, sagt der Professor für Bau- und Umweltingenieurwesen. Exakte Inventare seien daher die Grundlage für sinnvolle politische Entscheidungen.

Hinzu kommt ein langfristiger Effekt. Kläranlagen sind langlebige Bauwerke und bleiben oft mehrere Jahrzehnte in Betrieb. Entscheidungen über Technik und Ausstattung wirken deshalb bis weit in die Zukunft. „Wenn die Bilanz nicht stimmt, trifft man Entscheidungen mit langfristigen Folgen auf unsicherer Basis“, so Ren weiter. Deshalb fordern die Studienautoren eine Überarbeitung der nationalen Emissionsberichte.

Große Chance für mehr Klimaschutz im Abwassersektor

Bisher standen Verkehr und Energieerzeugung im Mittelpunkt der Klimadebatte. Der Abwassersektor erhielt dagegen weniger Aufmerksamkeit. Dabei bietet er erhebliches Potenzial zur Minderung von Methan und Lachgas. Ingenieure haben zwar seit Jahren CO₂ im Blick, doch andere Treibhausgase rücken erst allmählich stärker in den Blick.

Wer Emissionen wirksam senken will, braucht vollständige und aktuelle Daten. Nur so lassen sich Investitionen gezielt planen, technische Verbesserungen priorisieren und Klimaziele realistisch bewerten.

Kurz zusammengefasst:

  • Kläranlagen sichern Hygiene, verursachen aber mehr Treibhausgase als gemeldet: Laut Analyse der Princeton University werden die Emissionen aus dem Abwassersektor um 19 bis 27 Prozent unterschätzt – weltweit fehlen bis zu 150 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr.
  • Ursache sind veraltete Berechnungsmethoden und unvollständige Erfassung: Viele Länder nutzen noch Richtlinien von 2006 und berücksichtigen Quellen wie Latrinen, Leckagen oder unbehandeltes Abwasser nicht ausreichend.
  • Die Folgen betreffen die Klimapolitik direkt: Unterschätzte Emissionen verzerren nationale Klimaziele, erschweren Investitionsentscheidungen und machen internationale Vergleiche ungenau.

Übrigens: In Kläranlagen arbeiten bislang kaum beachtete Bakterien im Inneren winziger Einzeller und setzen dabei Lachgas frei, das rund 300-mal stärker wirkt als CO₂. Da diese Mikroben in bis zu jeder zweiten untersuchten Anlage vorkommen, beeinflussen sie die Klimabilanz der Abwasserreinigung stärker als gedacht. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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