Männer verlieren im Alter ihr Y-Chromosom – Forscher entdecken riskante Folgen

Im Alter verlieren viele Männer in Blutzellen ihr Y-Chromosom. Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheit, Krebs und Demenz.

Mann blickt in die Kamera

Mit zunehmendem Alter verlieren viele Männer in einem Teil ihrer Blutzellen das Y-Chromosom – ein Befund, der mit Herzkrankheiten, Krebs und Demenz in Verbindung steht. © Unsplash

Männer werden im Durchschnitt nicht so alt wie Frauen. Sie erleiden häufiger Herzinfarkte, entwickeln öfter eine Herzschwäche und sind stärker von bestimmten Krebsarten betroffen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen bei ihnen zu den häufigsten Todesursachen. Seit Jahren suchen Mediziner nach biologischen Faktoren, die diese Unterschiede erklären könnten – neben Lebensstil und Umwelt spielt offenbar auch die Genetik eine Rolle.

Eine Spur führt ins Blut. Mit zunehmendem Alter kommt es bei vielen Männern in einem Teil ihrer Körperzellen zum Verlust des Y-Chromosoms. Das geschieht nicht im ganzen Körper, sondern vor allem in bestimmten Blutzellen. Zurück bleibt ein Mosaik: Manche Zellen tragen weiterhin ein Y, andere nicht mehr – laut The Conversation. Dort wird auch beschrieben, welche gesundheitlichen Folgen das haben kann, von Herzschwäche bis Krebs.

Verlust des Y-Chromosoms nimmt mit dem Alter deutlich zu

Dieses Mosaik im Blut ist keine Ausnahme. Untersuchungen zeigen: Rund 40 Prozent der 60-jährigen Männer haben messbare Anteile von Blutzellen ohne Y. Bei 90-Jährigen sind es 57 Prozent. Fachleute sprechen von der häufigsten erworbenen Chromosomenveränderung beim Menschen.

Mit jeder Zellteilung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das kleine Chromosom verloren geht. Alter ist der wichtigste Treiber. Rauchen erhöht das Risiko zusätzlich. Auch genetische Faktoren wirken mit: Rund 150 bekannte Genvarianten beeinflussen Zellzyklus und Krebsanfälligkeit. Etwa ein Drittel der Häufigkeit lässt sich darauf zurückführen.

Deutsche Herzstudie beziffert das Sterberisiko

Wie stark sich das im Alltag auswirken kann, zeigte bereits eine im Februar 2025 veröffentlichte Untersuchung aus Deutschland. Ein Team um Andreas Zeiher von der Goethe-Universität Frankfurt analysierte Blutproben von fast 1.700 Männern aus der LURIC-Studie. Die Teilnehmer hatten sich zwischen 1997 und 2000 einer Herzkatheteruntersuchung unterzogen. Danach wurden sie über Jahre weiterbeobachtet.

Männer mit einem hohen Anteil Y-loser Blutzellen hatten eine um 50 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, an den Folgen eines Herzinfarkts zu sterben. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt traten häufiger auf.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Chromosomen-Veränderungen, die mit dem Alter auftreten, möglicherweise eine größere Rolle für die Herzgesundheit spielen, als wir bisher dachten“, sagte Zeiher laut dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK).

Im Labor fiel noch etwas auf: Blutzellen ohne Y setzen vermehrt entzündliche Botenstoffe frei. Das begünstigt Narben im Herzmuskel. Vernarbtes Gewebe verliert Elastizität. Die Pumpleistung sinkt. So entsteht Herzinsuffizienz.

Tiermodell stützt Zusammenhang mit Herzschwäche

Ob dahinter mehr steckt als eine statistische Begleiterscheinung, prüfte 2022 ein Team um Soichi Sano. Die in Science veröffentlichte Studie ersetzte bei Mäusen das Knochenmark durch Zellen ohne Y-Chromosom. Damit simulierten die Forscher gezielt den Verlust im blutbildenden System.

Die Tiere entwickelten häufiger Herzfibrose und eine eingeschränkte Herzleistung. Auch ihre Sterblichkeit stieg. Bestimmte Immunzellen förderten verstärkt Bindegewebe. Blockierte das Team den Entzündungsfaktor TGF-β1 mit einem Antikörper, besserte sich die Herzfunktion im Mausmodell.

Auch in begleitenden Analysen beim Menschen zeigte sich: Je höher der Anteil an Zellen ohne Y im Blut, desto größer das Risiko für Herzkrankheiten.

Hinweise auf Zusammenhang mit Krebs und Demenz

Das Herz ist nicht das einzige Organ im Blick. In Blutproben von Alzheimer-Patienten fanden Forscher eine bis zu zehnfach höhere Häufigkeit des Y-Chromosom-Verlusts. Mehrere Studien berichten über Zusammenhänge mit verschiedenen Krebsarten und einer verkürzten Lebenszeit.

Das Y-Chromosom enthält 51 protein-kodierende Gene. Lange hielt man es außerhalb der Geschlechtsentwicklung für wenig relevant. Einige dieser Gene wirken jedoch als Tumorunterdrücker oder steuern Immunreaktionen. Fehlt das Chromosom in einer Zelle, verändern sich Regulationsprozesse. Im Labor vermehren sich solche Zellen teils schneller. Das kann ihnen im Tumorgewebe Vorteile verschaffen.

Bluttest könnte Risikogruppen sichtbar machen

Heute lässt sich der Verlust mit molekularen Methoden im Blut bestimmen. In der Kardiologie wird deshalb diskutiert, ob er sich als zusätzlicher Risikomarker eignet.

„Langfristig könnte die Messung des Y-Chromosom-Verlusts dabei helfen, Männer mit einem besonders hohen Risiko frühzeitig zu identifizieren und gezielt zu behandeln“, so Zeiher.

Ob das fehlende Chromosom selbst Krankheiten antreibt oder eher ein Zeichen für eine generelle Instabilität des Erbguts ist, bleibt offen. Klar ist: Das kleine Y beeinflusst im alternden Körper mehr Prozesse, als lange angenommen, vor allem im Immunsystem und im Herzgewebe.

Kurz zusammengefasst:

  • Viele Männer verlieren mit dem Alter in einem Teil ihrer Blutzellen das Y-Chromosom – bereits 40 Prozent der 60-Jährigen und mehr als die Hälfte der 90-Jährigen sind betroffen.
  • Je größer dieser Anteil, desto höher das Risiko: Eine deutsche Langzeitstudie fand ein um 50 Prozent erhöhtes Sterberisiko nach Herzinfarkt; weitere Untersuchungen zeigen Verbindungen zu Krebs und Alzheimer.
  • Forscher vermuten, dass Y-lose Immunzellen Entzündungen und Vernarbung fördern – deshalb gilt der im Blut messbare Verlust heute als möglicher Marker für altersbedingte Risiken bei Männern.

Übrigens: Während Männer im Alter womöglich ein schützendes Y verlieren, wird bei Frauen offenbar ein „schlafendes“ X wieder aktiv – und stärkt laut Forschern das Gedächtnis bis ins hohe Alter. Welche Rolle ein bestimmtes Gen dabei spielt und was das für neue Therapien gegen Demenz bedeuten könnte, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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