Fingerlänge und Gehirngröße: Neuer Zusammenhang bei Neugeborenen entdeckt
Eine Studie mit 225 Babys zeigt, dass bei Jungen die Fingerlänge mit der Kopfgröße in Zusammenhang steht – der Kopfumfang gilt dabei als Näherungswert für die Gehirngröße.
Das Verhältnis von Zeige- zu Ringfinger wurde bei Neugeborenen vermessen und mit dem Kopfumfang verglichen. © Pexels
Das menschliche Gehirn ist im Lauf der Evolution stark gewachsen. Ein größeres Gehirn gilt als Grundlage für unsere kognitiven Fähigkeiten. Dieses Wachstum könnte jedoch auch mit gesundheitlichen Risiken verbunden sein. Eine neue Studie zeigt nun: Ein Detail an der Hand steht bei neugeborenen Jungen in Zusammenhang mit der Kopfgröße – einem Näherungswert für die Größe des Gehirns.
Untersucht wurde das sogenannte 2D:4D-Verhältnis, also das Längenverhältnis von Zeige- zu Ringfinger. Forschende gehen seit Jahren davon aus, dass dieses Maß Hinweise auf hormonelle Einflüsse im Mutterleib liefert. Ein Team um Professor John T. Manning analysierte dazu über zweihundert Neugeborene – und fand einen statistischen Zusammenhang, der weit über die Hand hinausweist.
Wie die Fingerlänge mit der Gehirnentwicklung zusammenhängt
Das Team von der Swansea University untersuchte 225 reif geborene Babys. 100 waren Jungen, 125 Mädchen. Die Forscher maßen Gewicht, Körperlänge, Kopfumfang sowie die Länge von Zeige- und Ringfinger. Besonderes Augenmerk lag auf dem 2D:4D-Verhältnis. Ein höherer Wert bedeutet, dass der Zeigefinger im Vergleich zum Ringfinger länger ist.
Bei Jungen galt, je höher dieses Verhältnis, desto größer war der Kopfumfang bei der Geburt. Manning erklärt: „Wir haben festgestellt, dass das rechte 2D:4D-Verhältnis von Neugeborenen positiv mit dem Kopfumfang zusammenhängt.“ Und weiter: „Die stärksten Effekte fanden wir beim rechten 2D:4D-Wert und ausschließlich bei Jungen.“ Bei Mädchen zeigte sich kein solcher Effekt.
Warum der Kopfumfang entscheidend ist
Der Kopfumfang dient in der Forschung als Näherungswert für die Gehirngröße. Die Studie erfasste keine Intelligenzwerte, wohl aber klare Unterschiede: Jungen hatten im Schnitt einen Kopfumfang von 35,33 Zentimetern, Mädchen von 35,01 Zentimetern. Jungen wogen durchschnittlich 3376 Gramm, Mädchen 3218 Gramm.
In den statistischen Modellen erklärten die untersuchten Faktoren bei Jungen rund 56 Prozent der Unterschiede im Kopfumfang. Das Fingerverhältnis spielte dabei eine messbare Rolle. Bei Mädchen nicht. Wichtig bleibt: Die Studie zeigt eine Korrelation, keine Ursache. Hormone wurden nicht direkt gemessen.
Ein möglicher Hinweis auf unsere Evolution
Manning ordnet die Ergebnisse in die „Hypothese vom östrogenisierten Menschenaffen“ ein. Diese besagt, dass stärkere Östrogeneinflüsse im Mutterleib – möglicherweise bei gleichzeitig geringerer Testosteronwirkung – zur Vergrößerung des menschlichen Gehirns beigetragen haben könnten. Er formuliert vorsichtig: „Wir spekulieren, dass unsere Ergebnisse weitere Belege für den positiven Einfluss von pränatalem Östrogen auf die Evolution des menschlichen Gehirns liefern.“ Gemeint ist: Hormonelle Einflüsse in der frühen Schwangerschaft könnten im Laufe der Menschheitsgeschichte eine Rolle beim Wachstum des Gehirns gespielt haben. Damit bekommt das Fingerverhältnis eine neue Bedeutung. Es könnte eine Art biologisches Echo sehr früher Entwicklungsprozesse sein.
Ältere Studien brachten hohe 2D:4D-Werte bei Männern mit Herzproblemen, verminderter Fruchtbarkeit und einem erhöhten Schizophrenie-Risiko in Verbindung. Die aktuelle Untersuchung selbst prüfte diese Aspekte nicht, verweist im Diskussionsteil jedoch auf diese früheren Beobachtungen.
Sorgfältige Messungen, klare Grenzen
Die Fingerlängen wurden mit einer Genauigkeit von 0,01 Millimetern gemessen, jede Messung zweimal. Die Wiederholbarkeit lag bei 0,92 für die rechte Hand. Die Art der Geburt beeinflusste den Kopfumfang nicht. Auch der Bildungsgrad der Mutter spielte keine entscheidende Rolle. Allerdings fehlten Daten zur Plazentagröße, die für die Östrogenproduktion wichtig ist.
Am Ende bleibt eine gut belegte Beobachtung: Ein kleines Detail an der Hand steht bei Jungen in einem messbaren Zusammenhang mit der Kopfgröße bei der Geburt. Und damit möglicherweise mit sehr frühen biologischen Prozessen, die das menschliche Gehirn geprägt haben.
Kurz zusammengefasst:
- Das Verhältnis von Zeige- zu Ringfinger (2D:4D) gilt als Hinweis auf Hormone im Mutterleib und hängt bei Jungen mit dem Kopfumfang bei der Geburt zusammen.
- Der Kopfumfang dient als Näherungswert für die Gehirngröße, doch die Studie zeigt nur einen statistischen Zusammenhang, keine Ursache.
- Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass pränatales Östrogen die Evolution des Gehirns beeinflusst haben könnte, möglicherweise verbunden mit gesundheitlichen Risiken.
Übrigens: Unser evolutionär gewachsenes Gehirn macht uns klug – aber im Alter auch verletzlicher als unsere nächsten Verwandten. Warum Menschen deutlich mehr graue Substanz verlieren als Schimpansen, mehr dazu in unserem Artikel.
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