Soziale Medien helfen bei Angststörungen – wenn echter Austausch entsteht
Soziale Medien gelten oft als Auslöser für Stress und Vergleichsdruck. Doch neue Daten zeigen: Bei Angststörungen können sie entlasten – wenn echte emotionale Unterstützung entsteht.
Digitale Nähe kann bei Angst entlasten – wenn Austausch als unterstützend erlebt wird. © Unsplash
Angststörungen gehören weltweit zu den häufigsten gesundheitlichen Belastungen. Sie beginnen oft früh im Leben und erhöhen das Risiko für weitere Probleme wie Depressionen oder Suizidgedanken. Viele Betroffene erleben erste Symptome bereits im Jugendalter, lange bevor sie medizinische Hilfe suchen. Die Folgen reichen von Schlafproblemen bis zu Einschränkungen in Ausbildung und Beruf. Im Zusammenhang mit Angststörungen gelten soziale Medien meist als zusätzlicher Risikofaktor.
Doch digitale Netzwerke können auch entlasten. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass junge Erwachsene seltener unter starken Angstsymptomen leiden, wenn sie auf Social-Media-Plattformen emotionale Unterstützung erfahren. Besonders deutlich fällt dieser Effekt bei bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen aus.
Soziale Medien zeigen bei Angststörungen Wirkung durch Austausch
Die Analyse stammt von Forschenden der University of Arkansas. Ausgewertet wurden Daten von 2.403 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren aus den USA. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie stark wahrgenommene emotionale Unterstützung auf Social-Media-Plattformen mit Angstsymptomen zusammenhängt.
Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Junge Erwachsene, die sich online emotional unterstützt fühlen, berichten seltener von Angst. Dabei zeigte sich ein klarer Unterschied zwischen bloßer Nutzung und echtem Austausch. Mehr Zeit auf Plattformen ging zwar mit etwas mehr wahrgenommener Unterstützung einher. Ausschlaggebend blieb jedoch, ob positive Interaktionen stattfanden. Reines Scrollen zeigte keinen vergleichbaren Effekt.
Die Forschenden ordnen den Befund vorsichtig ein. In der Fachzeitschrift Psychiatry International schreiben sie: „Langzeituntersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und Angst. Der Mechanismus über emotionale Unterstützung war jedoch bislang nicht vollständig verstanden.“
Welche Persönlichkeitsprofile besonders profitieren
Nicht alle Menschen nehmen digitale Unterstützung gleich wahr. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale erhöhen die Wahrscheinlichkeit, Zuspruch zu erleben und als hilfreich einzuordnen. Besonders deutlich zeigte sich das bei:
- hoher Offenheit: neugierige Menschen reagieren empfänglicher auf neue Kontakte,
- hoher Extraversion: kontaktfreudige Nutzer suchen aktiver Austausch,
- hoher Verträglichkeit: umgängliche Personen erleben Interaktionen häufiger als positiv,
- niedriger Gewissenhaftigkeit: weniger stark strukturierte Menschen empfinden den spontanen Austausch oft als entlastend.
Keinen messbaren Zusammenhang fanden die Forschenden dagegen beim Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus. Personen mit stark ausgeprägter emotionaler Sensibilität nehmen Inhalte häufiger negativ wahr. Positive Signale verlieren bei ihnen schneller an Wirkung oder kommen gar nicht erst an.
Die Erklärung dafür liegt weniger in der Plattform selbst als in der Wahrnehmung. Positive Rückmeldungen entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie auch als solche erlebt werden.
Deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern
Besonders auffällig sind die geschlechtsspezifischen Effekte. Steigt das Angstniveau, sinkt bei beiden Geschlechtern das Gefühl von Unterstützung. Bei Frauen fällt dieser Rückgang deutlich stärker aus. Schon ein kleiner Anstieg der Angstsymptome geht mit spürbar weniger wahrgenommener Unterstützung einher.
Bei Männern verläuft dieser Zusammenhang flacher. Sie berichten insgesamt von weniger digitalem Zuspruch, gleichzeitig aber von höheren Angstwerten. Die Forschenden führen das unter anderem auf Unterschiede in Sozialisation und emotionaler Kommunikation zurück.
Qualität ist wichtiger als Reichweite
Lange dominierte die Annahme, dass längere Nutzungszeiten per se schaden. Die neuen Daten verschieben diesen Blick. Entscheidend ist die Qualität der Kontakte. Wer Rückmeldungen als ehrlich, zugewandt und hilfreich erlebt, fühlt sich weniger belastet.
Auch das Alter spielte eine Rolle. Jüngere Erwachsene berichteten häufiger von Unterstützung. Mit jedem Lebensjahr nahm dieses Gefühl leicht ab. Das passt zu Lebensphasen, in denen digitale Netzwerke besonders wichtig werden, etwa beim Übergang von Schule zu Studium oder Beruf.
Für den Alltag lassen sich daraus konkrete Hinweise ableiten:
- Aktiver Austausch wirkt entlastender als passiver Konsum.
- Positive Rückmeldungen entfalten mehr Wirkung als hohe Reichweite.
- Ein empathischer Ton entscheidet über den Nutzen digitaler Nähe.
Emotionale Unterstützung zählt trotzdem
Die Untersuchung erlaubt keine Aussagen zur Ursache. Es bleibt offen, ob Unterstützung Angst senkt oder ob geringere Angst die Wahrnehmung von Unterstützung verbessert. Beide Richtungen sind möglich. Zudem basiert die Erhebung auf Selbstauskünften. Aussagen über Kinder, Jugendliche oder ältere Erwachsene lassen sich daraus nicht ableiten.
Trotzdem unterstreichen die Ergebnisse die gesellschaftliche Bedeutung des Themas. Die Forschenden weisen darauf hin, dass Angst mit weiteren Belastungen verbunden ist, darunter Schlafstörungen, Migräne, erhöhte Stressreaktionen, geringeres Selbstwertgefühl und Probleme im Studium oder Beruf. Studienautorin Renae Merrill, Dozentin an der University of Arkansas, erklärt:
Menschen entwickeln sich besonders gut, wenn sie sich wertgeschätzt, unterstützt und als Teil einer zusammengehörigen Gemeinschaft fühlen.
Digitale Kontakte ersetzen kein persönliches Gespräch, sie können aber Halt geben – besonders dann, wenn sie auf echter Zuwendung beruhen und zu den eigenen Persönlichkeitsmerkmalen passen.
Kurz zusammengefasst:
- Angststörungen betreffen viele junge Erwachsene früh im Leben und hängen weniger von der Bildschirmzeit ab als von der Qualität sozialer Kontakte.
- Soziale Medien können entlasten, wenn dort echte emotionale Unterstützung entsteht – vor allem durch verständnisvolle Rückmeldungen und Zugehörigkeit statt passivem Konsum.
- Der Zusammenhang zwischen Sozialen Medien und Angststörungen fällt besonders bei bestimmten Persönlichkeitsprofilen und bei Frauen stärker aus, bleibt aber nicht für alle gleich wirksam.
Übrigens: Angst entsteht offenbar nicht nur in Nervenzellen, sondern wird auch von Immunzellen im Gehirn gesteuert, die wie Gas und Bremse wirken und Angstreaktionen verstärken oder dämpfen können. Eine neue Studie zeigt, wie dieses Zell-Gleichgewicht Angststörungen beeinflusst. Mehr dazu in unserem Artikel.
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