Warum es Betroffenen hilft, Depression nicht als Schwäche darzustellen

Depression gilt oft als Schwäche. Eine neue Studie zeigt das Gegenteil – und misst deutliche Effekte auf Selbstvertrauen und Zielverfolgung.

Nachdenklicher Mann am Fenster

Worte und Zuschreibungen prägen das Selbstvertrauen von Menschen mit Depression und beeinflussen ihre Handlungsfähigkeit im Alltag. © Unsplash

Depression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Viele Betroffene funktionieren im Alltag weiter, obwohl Antrieb, Konzentration und Zuversicht fehlen. Sie gehen zur Arbeit, kümmern sich um Familie, halten Termine ein. Nach außen wirkt das oft normal. Innen kostet es viel Kraft. Entscheidend ist dabei nicht nur die Erkrankung selbst, sondern auch, wie darüber gesprochen wird. Statt Anerkennung stoßen sie in der Gesellschaft häufig auf ein anderes Bild: Depression gilt noch immer als Zeichen von Schwäche.

Solche Zuschreibungen bleiben nicht ohne Folgen. Sie beeinflussen, wie Betroffene sich selbst sehen und was sie sich zutrauen. Eine neue Untersuchung unter Leitung der Psychologin Christina Bauer von der Universität Wien macht diesen Zusammenhang messbar. Wird die vorhandene Stärke bewusst betont, wächst das Selbstvertrauen – und persönliche Ziele lassen sich besser erreichen.

Stärke trotz Depression bewusst wahrnehmen

Die Studie beruht auf drei Untersuchungen mit insgesamt 748 Erwachsenen, die Erfahrungen mit Depression hatten. Die Teilnehmenden wurden zufällig in Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe absolvierte eine kurze Schreib- und Reflexionsübung von etwa 15 bis 20 Minuten. Dabei ging es darum, eigene Fähigkeiten zu benennen, die im Umgang mit der Erkrankung entstanden oder gestärkt wurden.

Die Vergleichsgruppe erhielt sachliche Informationen zu Depression, ohne Bezug auf persönliche Ressourcen. Beide Gruppen investierten gleich viel Zeit. Der Unterschied lag allein im Blickwinkel.

Schon kurz nach der Übung zeigte sich ein klarer Effekt. Menschen, die ihre eigenen Stärken reflektierten, schätzten ihre Selbstwirksamkeit höher ein. Sie glaubten stärker daran, persönliche Ziele erreichen zu können. Dieser Effekt trat unabhängig davon auf, wie stark ihre aktuellen Symptome waren.

Mehr Selbstvertrauen führt zu mehr Fortschritt

In einem Teil der Studie begleiteten die Forschenden die Teilnehmenden über zwei Wochen. In dieser Zeit verfolgten sie ein selbst gewähltes persönliches Ziel. Die Aufgaben waren bewusst lebensnah. Häufige Zielbereiche waren:

  • körperliche Selbstfürsorge wie Bewegung oder regelmäßige Mahlzeiten
  • Arbeit und Studium, etwa das Einhalten von Arbeitszeiten
  • Alltagsorganisation wie Ordnung schaffen oder Termine wahrnehmen

Nach zwei Wochen zeigte sich ein klarer Abstand. In der Vergleichsgruppe lag der durchschnittliche Zielerreichungsgrad bei 43 Prozent. In der Gruppe mit dem stärkenorientierten Ansatz bei 64 Prozent. Das entspricht einem Fortschritt von rund 49 Prozent. In der Studie heißt es dazu: „Wenn Menschen sich als stark statt als schwach sehen, verfolgen sie ihre Ziele konsequenter.“

Warum alte Selbstbilder bremsen

Viele Teilnehmende berichteten, lange geglaubt zu haben, Eigenschaften wie Motivation oder Disziplin passten nicht zu Menschen mit Depression. In der Vergleichsgruppe teilten rund 71 Prozent diese Einschätzung. Nach der kurzen Übung sank dieser Anteil auf 52 Prozent.

Dieser Perspektivwechsel erwies sich als entscheidend. Wer Depression nicht mehr als Widerspruch zu Leistungsfähigkeit verstand, entwickelte mehr Zutrauen in das eigene Handeln. Aufgaben wirkten erreichbarer. Rückschläge verloren an lähmender Wirkung.

Die Ergebnisse machen einen klaren Mechanismus sichtbar. Gesellschaftliche Narrative beeinflussen das Selbstbild. Dieses Selbstbild steuert Motivation und Verhalten. Sprache wirkt damit als stiller, aber wirksamer Faktor im Krankheitsverlauf.

Ein anderer Umgang mit schwierigen Phasen

Neben Zielerreichung untersuchte das Forschungsteam weitere Effekte. Die Teilnehmenden sollten sich vorstellen, erneut in eine depressive Phase zu geraten. Die Reaktionen unterschieden sich deutlich.

Menschen aus der Stärken-Gruppe beschrieben mehr Selbstmitgefühl. Aussagen wie „Ich würde respektvoll mit mir umgehen“ erhielten höhere Zustimmungswerte. Auch die Bereitschaft, Unterstützung im persönlichen Umfeld zu suchen, nahm leicht zu. Rückfälle erschienen weniger von Schuld und Selbstabwertung geprägt.

Die allgemeine Lebenszufriedenheit veränderte sich in dem kurzen Zeitraum nicht. Die Effekte betrafen vor allem innere Haltung und Handlungsfähigkeit.

Wenn Sprache Handlungsspielräume öffnet

Die Untersuchung ersetzt keine Therapie und verändert Symptome nicht direkt. Ihr Beitrag liegt an einer anderen Stelle. Sie zeigt, wie stark Bedeutung und Selbstbild den Alltag beeinflussen. Ein kurzer Impuls kann ausreichen, um Denk- und Handlungsmuster zu verschieben. Für den Alltag lässt sich festhalten:

  • Sprache prägt, wie Betroffene sich selbst sehen
  • ein ressourcenorientierter Blick stärkt Handlungsspielräume
  • kleine Veränderungen im Selbstbild können große Effekte haben

Studienleiterin Bauer erklärt:

Wir müssen verstehen, dass Menschen, die mit Depression kämpfen, nicht schwach sind. Solche Narrative können wie selbsterfüllende Prophezeiungen wirken und Menschen daran hindern, ihr volles Potenzial zu entfalten.

Kurz zusammengefasst:

  • Depression erfordert täglich innere Leistung: Viele Betroffene halten trotz fehlendem Antrieb und Konzentration ihren Alltag aufrecht und zeigen dabei Ausdauer und Selbstkontrolle.
  • Depression und Stärke schließen sich nicht aus: Eine Langzeitstudie mit 748 Teilnehmenden belegt, dass das bewusste Betonen von Stärke das Selbstvertrauen erhöht – unabhängig von der Schwere der Symptome.
  • Ein gestärktes Selbstbild wirkt im Alltag: Teilnehmende erreichten innerhalb von zwei Wochen rund 50 Prozent mehr ihrer persönlichen Ziele und gingen mit Rückschlägen selbstmitfühlender um.

Übrigens: Depression betrifft nicht nur die Psyche, sondern oft auch den Körper – besonders den Darm, wie neue Forschung zeigt. Warum Stress die Darmbarriere schwächt und Entzündungen depressive Symptome verstärken können, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert