Einsam, müde – Serie an: Wann Binge-Watching zur emotionalen Falle wird

Binge-Watching und Einsamkeit hängen zusammen, wenn Serien Gefühle ersetzen und soziale Leere überdecken.

Frau vor dem Fernseher

Der Fernseher läuft weiter, obwohl die Müdigkeit längst da ist – für manche wird Binge-Watching zum Problem, weil es Einsamkeit überdeckt statt nur zu unterhalten. © Freepik

Der Bildschirm leuchtet bis tief in die Nacht. Eine Folge endet, die nächste startet automatisch. Doch bei manchen verändert sich etwas. Serien werden nicht mehr aus Neugier geschaut, sondern aus Bedarf. Binge-Watching und Einsamkeit greifen dann ineinander. Entscheidend ist dabei nicht die Dauer, sondern der innere Grund für das Weiterschauen.

Einsamkeit allein macht noch nicht süchtig. Gefährlich wird es, wenn Serien zum Fluchtweg werden oder Gefühle ersetzen sollen. Wer schaut, um Leere zu überdecken oder sich besser zu fühlen, rutscht leichter ins Binge-Watching. Entscheidend ist nicht das Alleinsein – sondern wofür der Fernseher gebraucht wird. Eine neue Studie der Huangshan University in China beschreibt diesen Übergang zwischen harmloser Gewohnheit und suchtähnlichem Verhalten.

Einsamkeit verstärkt riskantes Binge-Watching

Für die Auswertung befragten die Forscher insgesamt 551 Erwachsene. Alle Teilnehmenden sahen regelmäßig mehrere Folgen am Stück. Mindestens an einem Tag pro Woche schauten sie länger als 3,5 Stunden und mehr als vier Episoden. Trotz ähnlich hoher Nutzung zeigten sich deutliche Unterschiede.

Ein Teil der Befragten blieb unauffällig. Serien gehörten dort zum Alltag, ohne negative Folgen. Ein anderer Teil erfüllte Kriterien einer suchtähnlichen Nutzung – mit Kontrollverlust, gedanklicher Fixierung und Konflikten im Alltag. In dieser Gruppe traten deutlich höhere Einsamkeitswerte auf. Entscheidend: Einsamkeit hing nicht mit hohem Konsum zusammen, sondern mit der Suchtform. Bei Personen ohne suchtähnliches Verhalten zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Serienkonsum.

Zwei emotionale Muster verstärken sich

Die Analyse zeigt zwei emotionale Wege, über die Einsamkeit problematisches Seriensehen begünstigt. Beide wirken oft gemeinsam und verstärken sich.

  • Eskapismus: Serien dienen als Rückzugsort. Belastende Gedanken treten in den Hintergrund, der Alltag verliert an Gewicht. Probleme werden nicht gelöst, sondern vorübergehend ausgeblendet.
  • Emotionale Aufwertung: Serien sollen gezielt positive Gefühle erzeugen. Spannung, Geborgenheit oder emotionale Nähe füllen die innere Leere und stabilisieren kurzfristig die Stimmung.

Problematisch wird Seriensehen aus Bedürftigkeit

Rund 61 Prozent der Befragten erfüllten die Kriterien einer Binge-Watching-Sucht. In dieser Gruppe lagen die Einsamkeitswerte deutlich höher. In der Vergleichsgruppe ohne Suchtform fehlte dieser Zusammenhang vollständig. Statistisch erklärt Einsamkeit einen relevanten Teil der Suchtmerkmale vor allem über Eskapismus, stärker noch als über das bewusste Erzeugen positiver Gefühle.

Intensives Schauen gilt dabei nicht als Makel. Problematisch wird es dort, wo Serien regelmäßig emotionale Lücken schließen sollen. Dann kann Binge-Watching die Einsamkeit langfristig verstärken, statt sie zu lindern. Wer den eigenen Antrieb erkennt, kann besser einschätzen, ob Serien Genuss bleiben – oder sich schleichend zu einer Gewohnheit mit Nebenwirkungen entwickeln.

Kurz zusammengefasst:

  • Nicht die Dauer entscheidet, sondern das Motiv: Intensives Serien­schauen bleibt meist harmlos, solange es aus Interesse oder Unterhaltung erfolgt – problematisch wird es, wenn Serien gezielt Gefühle regulieren oder innere Leere überdecken sollen.
  • Binge-Watching-Sucht hängt eng mit Einsamkeit zusammen: Einsamkeit tritt vor allem bei suchtähnlichem Serien­konsum auf, nicht bei hohem Konsum an sich; entscheidend sind Flucht vor negativen Gefühlen und der Wunsch nach künstlicher Stimmungsaufhellung.
  • Der Alltag liefert den Prüfstein: Serien werden riskant, wenn sie soziale Nähe ersetzen; wer das eigene Warum kennt, kann besser einschätzen, ob Streaming Genuss bleibt oder zur Gewohnheit mit Folgen wird.

Übrigens: In einer Zeit wachsender Einsamkeit werden KI-Chatbots für viele zu digitalen Zuhörern – freundlich, geduldig und immer verfügbar. Warum Experten genau darin ein neues Risiko für echte Nähe sehen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Freepik

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