Frauen erkranken häufiger an Alzheimer – der Grund liegt offenbar nicht in den Hormonen
Alzheimer betrifft Frauen deutlich häufiger als Männer. Neue Forschung zeigt: Nicht Hormone, sondern fehlgeleitete Immunzellen im Gehirn könnten entscheidend sein.
Bei Alzheimer reagieren Immunzellen im Gehirn von Frauen offenbar stärker als bei Männern und richten dadurch mehr Schaden an. © Freepik
Alzheimer verläuft nicht bei allen Menschen gleich. Seit Langem fällt auf, dass Frauen häufiger erkranken und oft schneller abbauen als Männer. Der Hormonhaushalt galt als entscheidender Faktor. Doch aktuelle Forschung stellt dieses Bild infrage. Nicht sinkende Östrogenspiegel scheinen den Ausschlag zu geben, sondern Prozesse im Gehirn selbst.
Eine zentrale Rolle spielen dabei Immunzellen, die eigentlich schützen sollen, unter bestimmten Bedingungen jedoch zusätzlichen Schaden anrichten.
Immunzellen verschärfen Alzheimer bei Frauen
Besonders im Fokus der aktuellen Studie stehen sogenannte Mikroglia. Diese Zellen gehören zum Immunsystem des Gehirns. Sie beseitigen Zellreste, reagieren auf Entzündungen und stabilisieren das Nervengewebe. Bei Alzheimer übernehmen sie eine Schlüsselrolle, weil sie auf Amyloid-β reagieren. Dieses Eiweiß lagert sich bei der Erkrankung in Form von Plaques im Gehirn ab.
Die Forscher nutzten ein etabliertes Mausmodell für Alzheimer. Sie verglichen gezielt weibliche und männliche Tiere gleichen Alters. Das Ergebnis fiel klar aus. Bei den weiblichen Tieren unterschieden sich sowohl die Ablagerungen als auch die Reaktion der Mikroglia deutlich von denen der männlichen.
Weibliche Mäuse entwickelten größere Plaques mit einer lockereren Struktur. Gleichzeitig traten mehr Schäden an den Fortsätzen von Nervenzellen auf. Solche Schäden gelten als besonders kritisch, weil sie die Kommunikation im Gehirn beeinträchtigen.
Hormone erklären Alzheimer bei Frauen nicht
Lange wurde der Ursprung dieser Unterschiede im weiblichen Hormonzyklus vermutet. Genau das überprüfte die Studie gezielt. Die Forscher analysierten verschiedene hormonelle Phasen. Relevante Abweichungen fanden sie nicht. Die Plaques blieben größer, die Nervenschäden ausgeprägter, unabhängig vom Zyklus.
Dieser Befund ist entscheidend. Denn auch bei Frauen, die erst nach den Wechseljahren an Alzheimer erkranken, beginnen krankhafte Veränderungen oft Jahrzehnte früher. Ein alleiniger Blick auf Hormone greift deshalb zu kurz.
Stattdessen rücken angeborene Unterschiede im Immunsystem des Gehirns in den Vordergrund. Studienleiter Kerry O’Banion erklärt: „Es ist gut dokumentiert, dass Männer und Frauen unterschiedlich häufig an Alzheimer erkranken. Aber wir verstehen noch nicht ausreichend, warum das so ist.“
Immunreaktionen richten zusätzlichen Schaden an
Besonders auffällig war ein Signalweg, den die Forscher in den Mikroglia weiblicher Tiere identifizierten. Dabei handelt es sich um die sogenannte Interferon-Antwort. Interferone sind Botenstoffe des Immunsystems. Sie helfen normalerweise bei der Abwehr von Viren. Im Gehirn können sie jedoch Entzündungen verstärken.
Ein Teil der Mikroglia reagierte besonders stark auf diese Signale. Diese Zellen nahmen viel Amyloid-β auf, hinterließen zugleich unregelmäßigere Plaques und schädigten mehr Nervenzell-Verbindungen. „Überraschend war die starke Interferon-Antwort der weiblichen Mikroglia“, so Erstautorin Lia Calcines-Rodríguez.
Diese Reaktion ließ sich nicht durch hormonelle Schwankungen erklären. Sie scheint fest im biologischen Programm der Zellen verankert zu sein.
Aggressive Immunreaktionen prägen den Verlauf
Die Ergebnisse helfen, zentrale Fragen besser einzuordnen. Sie liefern einen biologischen Ansatz dafür, warum Alzheimer bei Frauen häufiger vorkommt und oft schneller voranschreitet. Entscheidend ist nicht allein die Menge der Plaques, sondern die Art, wie das Gehirn darauf reagiert:
- Mikroglia sollen schützen, können bei Alzheimer aber zusätzlichen Schaden verursachen.
- Bei Frauen reagieren diese Immunzellen aggressiver auf Eiweißablagerungen (Plaques).
- Entzündliche Prozesse beschleunigen dadurch den Verlust von Nervenzell-Verbindungen.
Personalisierte Ansätze bei Alzheimer
Wenn fehlgeleitete Immunreaktionen eine zentrale Rolle spielen, eröffnet das neue Möglichkeiten. Denkbar sind Therapien, die bestimmte Entzündungssignale bremsen, ohne das Immunsystem im Gehirn komplett auszuschalten.
Die Forscher sehen vor allem in der Interferon-Signalübertragung einen möglichen Ansatzpunkt. Ziel wäre eine Behandlung, die biologische Unterschiede stärker berücksichtigt. Einheitliche Therapien stoßen bei Alzheimer womöglich an ihre Grenzen.
Kurz zusammengefasst:
- Frauen erkranken häufiger und oft schwerer an Alzheimer, weil ihr Gehirn anders auf Eiweißablagerungen reagiert – nicht wegen hormoneller Schwankungen.
- Bestimmte Immunzellen im Gehirn, die Mikroglia, zeigen bei Frauen eine stärkere Entzündungsreaktion und verursachen dadurch mehr Schäden an Nervenzell-Verbindungen.
- Die Studie macht deutlich, dass Alzheimer nicht nur von Plaques abhängt, sondern von der Immunantwort des Gehirns – ein wichtiger Ansatz für künftig gezieltere Therapien.
Übrigens: Nicht nur das Gehirn selbst beschleunigt Alzheimer – auch starkes Übergewicht treibt frühe Krankheitsmarker im Blut auffallend schnell nach oben. Neue Daten zeigen, wie deutlich sich dieser Effekt messen lässt. Mehr dazu in unserem Artikel.
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