Echte „Third Places“ werden zur Rarität – dabei sollte jeder einen haben

Kleine Cafés werden von großen Ketten verdrängt, doch der Verlust dieser „Third Places“ ist nicht nur ein wirtschaftlicher.

„Third Places“ werden zur Rarität – dabei sollte jeder einen haben

Third Places wie kleine Cafés geben Menschen Halt und Gemeinschaft. In großen Ketten geht dieses Gefühl jeden Tag mehr und mehr verloren. © Unsplash

Wenn Menschen von „Third Places“ sprechen, dann meinen sie Treffpunkte, die weder das Zuhause noch der Arbeitsplatz sind. Orte, an denen man sich ungezwungen begegnet, miteinander spricht und sich als Teil einer Gemeinschaft fühlt. In Großstädten werden solche Orte allerdings immer seltener, wodurch auch ihr positiver Effekt auf die mentale Gesundheit vieler Menschen verloren geht.

Der Soziologe Ray Oldenburg prägte den Begriff „Third Place“, also „Dritter Ort“, bereits in den 1980er-Jahren. Von da an gewann dieser schnell an Bedeutung: Wie Oldenburg und Karen Christensen für einen Beitrag im The UNESCO Courier schreiben, bieten Dritte Orte eine wichtige Ergänzung zum privaten Raum und zur Arbeitswelt. 

Was macht einen Ort zu einem „Dritten Ort“? 

Er muss offen sein – ohne Einladung, ohne Vorbedingungen. Er muss bezahlbar, flexibel und nah am Wohnort liegen. Wichtig ist auch eine bestimmte Unstruktur: Menschen kommen und gehen, wie sie möchten. Gespräche stehen im Vordergrund – aber auch gemeinsames Spielen, Lesen oder einfaches Beisammensitzen zählen dazu. Es gibt Stammgäste, aber auch Fremde fühlen sich willkommen. Ein echtes Kennzeichen: Das laute Lachen, neckende Bemerkungen, spontane Diskussionen – kurz: ein menschliches Miteinander, das man nicht planen kann.

Der positive Effekt Dritter Orte auf Menschen wurde sogar wissenschaftlich untersucht: Narae Lee, damals noch an der Pennsylvania State University, erforschte das Phänomen anhand von Studenten in Kalifornien. Ihre Studie ergab, dass Dritte Orte einen ähnlichen psychologischen Effekt wie Parks haben und von allen Orten am häufigsten zur Entspannung aufgesucht wurden. Der Besuch Dritter Orte kann die psychische Gesundheit verbessern. Wie groß die Vorzüge sind, hängt aber vom Individuum ab.

Cafés schaffen Gemeinschaft ganz nebenbei

Ein typisches Beispiel für einen Dritten Ort ist das Café: Dort treffen sich Menschen, um zu plaudern, zu lesen oder einfach dabei zu sein. Die Geräusche von klirrenden Tassen, das Aroma frischer Brötchen, Stimmengewirr – all das schafft eine Atmosphäre, in der Kontakte entstehen. Aber auch Bibliotheken, Friseursalons und Tavernen können dazugehören. Entscheidend ist die offene, ungezwungene Stimmung, in der niemand ausgeschlossen wird.

Oldenburg beschrieb diese Orte in seinem Buch „The Great Good Place“ als wichtige soziale Zentren. Leser berichteten ihm im Nachhinein, dass sie dank des Buches endlich Worte für ein vertrautes Gefühl gefunden hätten: das Bedürfnis nach Gemeinschaft jenseits von Familie und Arbeit.

In vielen Großstädten fehlt es heute an solchen Orten. Zwar gibt es zahlreiche öffentliche Räume wie Fußgängerzonen oder Wochenmärkte – doch diese erfüllen nicht die Bedingungen eines echten Dritten Ortes. Denn der Mittelpunkt muss immer der persönliche Austausch sein, nicht der Konsum.

Dritte Orte sind oft Orte, an denen Getränke eine zentrale Rolle spielen. Ob englische Ale-Häuser, französische Cafés oder deutsche Biergärten – meist bildet ein Getränk das soziale Zentrum. Dabei geht es Oldenburg und Christensen zufolge jedoch weniger ums Trinken als vielmehr ums Zusammensitzen, Reden und Zuhören.

Kaffee oder Bier? Andere Getränke, unterschiedliche Begegnungen

Die Wahl des Getränks prägt auch die Atmosphäre. Während Bier gesellige Runden und gemeinsames Singen fördere, sei Kaffee das Getränk der leisen Gespräche, der Leseratten und Schachspieler. Wer sich also in einem Café trifft, will oft einfach zuhören, denken oder mit Fremden ins Gespräch kommen.

Ein Beispiel dafür ist die historische Kaffeekultur in England. Schon im 17. Jahrhundert entstanden dort Treffpunkte, an denen politische Debatten geführt wurden. Das erste Kaffeehaus wurde 1650 in Oxford eröffnet. Schon bald folgten weitere in Cambridge und London. Damals galten sie als Orte der Aufklärung – mit demokratischer Atmosphäre und bezahlbaren Preisen.

Viele englische Kaffeehäuser wurden mit der Zeit zu geschäftlichen Zentren. Börsenhändler, Reedereien und Versicherer nutzten sie, um Informationen auszutauschen. Die bekannte Institution „Lloyd’s of London“ entstand aus einem solchen Kaffeehaus. Dort trafen sich Seeleute und Versicherungsmakler, um sich über Schifffahrt, Risiken und Politik auszutauschen.

Wien zeigt, wie ein Dritter Ort bestehen kann

Auch das Wiener Kaffeehaus gilt als klassischer Dritter Ort und hat sich über Jahrhunderte behauptet – selbst in Zeiten politischer Unterdrückung. Während der NS-Zeit wurden Cafés zwar gemieden, doch ihre Bedeutung für die Öffentlichkeit kehrte schnell zurück. Der Wiener Schriftsteller T.W. MacCallum beschrieb 1931 ein typisches Kaffeehaus so: 

Ein Ort für sie alle – ein Treffpunkt für Liebende, ein Club für Menschen mit gemeinsamen Vorlieben oder Interessen, ein Büro für den gelegentlichen Geschäftsmann, eine Ruhestätte für den Träumer und ein Zuhause für so manche einsame Seele.

Der Unterschied zu modernen Ketten liegt im Detail: Atmosphäre, Vertrautheit und menschlicher Kontakt. Zwar versuchen auch große Marken wie Starbucks, das Gefühl eines dritten Ortes zu imitieren – doch der Trend gehe den Autoren zufolge in eine andere Richtung, wie beispielsweise die unpersönliche Bestellung per App zeigt.

Das schafft neue Chancen für lokale Anbieter. Kleine Cafés mit persönlicher Note könnten die Lücke füllen, die digitale Plattformen hinterlassen. Was zählt, ist eine einladende Umgebung, eine offene Haltung und die Bereitschaft, Menschen nicht nur als Kundschaft zu sehen, sondern als Teil eines sozialen Raums.

Kurz zusammengefasst:

  • Dritte Orte („Third Places“) sind öffentliche Treffpunkte wie Cafés oder Bibliotheken, die weder Zuhause noch Arbeitsplatz sind.
  • Sie fördern soziale Kontakte, stärken das Gemeinschaftsgefühl und können die mentale Gesundheit verbessern.
  • Entscheidend ist, dass sie offen, nah, ungezwungen und für alle zugänglich sind.

Bild: © Unsplash

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