Forscher lassen Zeitkristall entstehen – er widerspricht dem Gesetz von Aktion und Reaktion

Zeitkristall erstmals mit bloßem Auge sichtbar – der schwebende Effekt könnte neue Quantencomputer möglich machen.

Ein neuer Zeitkristall schwebt auf einem Polster aus Schall: Das Bild zeigt ein Teilchen, das in einem 15 Zentimeter hohen, 3D-gedruckten Aufbau von Lautsprechern in der Luft gehalten wird.

Ein neuer Zeitkristall schwebt auf einem Polster aus Schall: Das Bild zeigt ein Teilchen, das in einem 15 Zentimeter hohen, 3D-gedruckten Aufbau von Lautsprechern in der Luft gehalten wird. © NYU's Center for Soft Matter Research

Aktion und Reaktion gehören zu den einfachsten Regeln der Physik. Wer gegen eine Wand drückt, spürt sofort die Gegenkraft. Beim Gehen drückt der Fuß den Boden nach hinten, der Körper bewegt sich nach vorn. Auch eine Rakete folgt diesem Prinzip: Sie stößt Gase nach hinten aus und wird dadurch nach vorn beschleunigt. Dieses Grundmuster beschreibt Newtons drittes Gesetz: Kräfte treten immer paarweise auf, gleich stark und entgegengesetzt.

Nun gibt es ein Experiment, das nicht mehr so sauber in dieses Schema passt. Darin entsteht ein Zeitkristall: kleine Teilchen schweben in der Luft und bewegen sich in einem festen Rhythmus, obwohl sie sich nicht mit gleich starken Gegenkräften beeinflussen. Der Name kommt von normalen Kristallen wie Salz oder Diamant. Dort sind die Bausteine in einem festen Muster angeordnet. Ein Zeitkristall funktioniert ähnlich – nur nicht über seine Form im Raum, sondern über seine Bewegung: Sie wiederholt sich immer wieder im gleichen Takt.

In Physical Review Letters beschreibt ein Team der New York University (NYU) damit ein System, das einem der bekanntesten Gesetze der Physik widerspricht.

Schall hält den Zeitkristall sichtbar in der Luft

Im Versuch schweben kleine Styropor-Kügelchen frei. Ein stehendes Schallfeld hält sie gegen die Schwerkraft in der Luft. Dabei treffen Schallwellen so aufeinander, dass feste Stellen entstehen, an denen die Teilchen wie von unsichtbaren Kräften festgehalten werden.

Der Versuchsaufbau ist klein und schlicht. Das Gerät misst nur rund 30 Zentimeter und passt auf einen Tisch. So lässt sich der Effekt direkt beobachten. Es braucht keine große Labormaschine, sondern nur ein kompaktes System, in dem ein Zeitkristall sichtbar wird. „Schallwellen üben Kräfte auf Teilchen aus – ähnlich wie Wellen auf einem Teich ein Blatt bewegen“, erklärt die Physikerin Mia Morrell. „Wir können Objekte gegen die Schwerkraft schweben lassen, wenn wir sie in ein stehendes Schallfeld bringen.“

Ungleiche Kräfte treiben die Teilchen plötzlich an

Zunächst passiert wenig. Die Kügelchen schweben ruhig im Schallfeld. Erst ihre Wechselwirkung bringt Bewegung ins System. Entscheidend ist dabei, dass die Teilchen nicht alle gleich groß sind.

Größere Kügelchen streuen mehr Schall als kleinere. Dadurch wirken sie stärker auf ihre Nachbarn ein, als sie selbst von ihnen beeinflusst werden. Darin liegt die Besonderheit dieses Experiments: Die Kräfte sind nicht sauber spiegelbildlich verteilt. Ein großes Teilchen kann ein kleines stärker verschieben, ohne selbst denselben Gegeneffekt zu spüren.

Der Zeitkristall schwingt ohne äußeren Takt

Aus dieser Unwucht entsteht eine stabile Schwingung. Die Teilchen beginnen, sich in einem festen Rhythmus zu bewegen. Sie tun das dauerhaft, obwohl kein äußerer Taktgeber sie antreibt.

Die Energie dafür kommt aus dem Schallfeld selbst. Das System hält seine Bewegung also aus eigener Dynamik aufrecht. Das ist der Punkt, an dem der Zeitkristall ins Spiel kommt: Er „tickt“ in gleichmäßigen Abständen, ohne dass jemand den Takt vorgibt. „Zeitkristalle sind faszinierend, nicht nur wegen der möglichen Anwendungen, sondern auch, weil sie so ungewöhnlich wirken“, sagt Physikprofessor David Grier. „Unser System ist bemerkenswert, weil es unglaublich einfach ist.“

Schon zwei Teilchen reichen für den Effekt aus

Besonders spannend ist, wie wenig nötig ist, damit der Effekt auftritt. Schon zwei schwebende Teilchen reichen aus. Das System kann dabei vier verschiedene dynamische Zustände annehmen. Zwei davon sind stabile aktive Zustände, die sich selbst erhalten.

Wichtig ist noch ein Punkt: Nicht jede regelmäßige Schwingung ist gleich ein Zeitkristall. In ihrer Studie beschreiben die Forscher dafür klare Bedingungen. Erst wenn die Bewegung eine sogenannte raumzeitliche Symmetrie bricht, sprechen sie von einem klassischen Zeitkristall.

Die wichtigsten Erkenntnisse zum Zeitkristall

  • Zeitkristalle wurden erst vor rund zehn Jahren vorhergesagt und entdeckt
  • Der neue Zustand ist mit bloßem Auge sichtbar
  • Der Aufbau ist nur etwa 30 Zentimeter hoch
  • Schon zwei Teilchen genügen für den Effekt
  • Die Partikel bestehen aus einfachem Styropor
  • Die Bewegung läuft ohne periodischen äußeren Antrieb
  • Das System kann vier dynamische Zustände annehmen

Zeitkristalle könnten Quantencomputer stabiler machen

Zeitkristalle könnten künftig in Quantencomputern eine Rolle spielen. Denn sie halten einen stabilen Takt, ohne ständig von außen gesteuert zu werden – das ist wichtig, wenn Informationen präzise verarbeitet oder gespeichert werden sollen.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den die Forscher selbst hervorheben. Auch in biologischen Systemen laufen Prozesse nicht immer nach dem einfachen Muster gleich starker Gegenwirkungen ab. Das gilt etwa für biochemische Netzwerke, innere Rhythmen oder den Stoffwechsel. Der neue Zeitkristall liefert dafür ein anschauliches Modell: Er zeigt, wie aus ungleich verteilten Wechselwirkungen ein stabiler Takt entstehen kann.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein Zeitkristall ist kein normaler Kristall aus fest angeordneten Bausteinen, sondern ein System, das sich von selbst in einem festen Takt bewegt. Im Experiment schweben dafür schon zwei kleine Styropor-Teilchen in einem Schallfeld und bleiben rhythmisch in Bewegung.
  • Das Überraschende: Die Teilchen wirken nicht mit gleich starken Gegenkräften aufeinander, wie es Newtons Gesetz von Aktion und Reaktion erwarten lässt. Größere Teilchen beeinflussen kleinere stärker, und genau diese Unwucht hält die Schwingung am Laufen.
  • Der Befund ist mehr als ein physikalisches Kuriosum, weil solche stabilen Taktzustände für Quantencomputer und Datenspeicherung interessant sein könnten. Zugleich hilft das System zu verstehen, wie auch in biologischen Netzwerken aus ungleichen Wechselwirkungen ein verlässlicher Rhythmus entsteht.

Übrigens: Während der neue Zeitkristall auf Schallwellen in der Luft schwebt, haben Forscher schon 2025 im Inneren eines Diamanten einen Zeit-Quasikristall erzeugt – also eine noch komplexere Ordnung, die nicht streng regelmäßig, sondern nach einem eigenen Muster „tickt“. Warum das für Quantencomputer und hochpräzise Sensoren spannend ist, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © NYU’s Center for Soft Matter Research

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