Studie zeigt, wie das Gehirn unseren Appetit steuert – und wie man Geschmack umprogrammieren kann

Appetit ist kein Zufall: Eine Hirnregion entscheidet, was wir lecker oder eklig finden.

Studie zeigt, wie das Gehirn unseren Appetit steuert

Die Qual der Wahl: Unser Gehirn entscheidet nicht nur nach Hunger – auch Emotionen beeinflussen, ob wir zum Apfel oder zum Donut greifen. © Pexels

Ob Appetit auf Pizza oder plötzliches Verlangen nach einem Glas Wasser: Unser Körper meldet sich, wenn er Nahrung oder Flüssigkeit braucht. Doch was passiert dabei im Gehirn? Eine neue Studie liefert jetzt Antworten. Forscher haben entdeckt, welche Nervenzellen für Hunger und Durst zuständig sind – und wie sie unser Verhalten beeinflussen.

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz haben gemeinsam mit Kollegen aus Regensburg und Stanford untersucht, wie das Gehirn erkennt, was der Körper braucht. Dabei haben sie Nervenzellen gefunden, die Hunger oder Durst auslösen können – ganz unabhängig davon, ob wir satt sind oder nicht.

Amygdala schaltet Hungergefühl gezielt an

Im Fokus steht eine Hirnregion namens Amygdala. Sie wird oft mit Emotionen in Verbindung gebracht, spielt aber auch bei Entscheidungen über Essen und Trinken eine Rolle. Die Forscher haben dort zwei spezielle Gruppen von Nervenzellen entdeckt: Die eine löst gezielt Durst aus, die andere ist sowohl für Hunger als auch für Durst zuständig.

„Eine dieser Nervenzellgruppen reguliert ausschließlich das Bedürfnis zu trinken“, sagt Federica Fermani, Erstautorin der Studie. „Wenn wir sie bei Mäusen aktiviert haben, tranken sie mehr. Wenn wir sie gehemmt haben, tranken sie weniger.“

Nervenzellen reagieren auf den Zustand des Körpers

Interessant ist: Diese Nervenzellen funktionieren wie ein Schalter. Sie reagieren auf Signale aus dem Körper, die zum Beispiel anzeigen, dass Flüssigkeit fehlt. Gleichzeitig senden sie Reize an andere Hirnregionen, um das Verhalten zu steuern – also zum Beispiel zu trinken oder zu essen.

Spezialisierte „Durst“- und „Hunger“-Nervenzellen in der Amygdala beeinflussen über verschiedene Schaltkreise das Verlangen nach Essen oder Trinken. © MPI für biologische Intelligenz / Julia Kuhl

Damit die Forscher diese Prozesse untersuchen konnten, nutzten sie eine Methode namens Optogenetik. Dabei werden bestimmte Nervenzellen durch Licht ein- oder ausgeschaltet. So konnten die Forscher sehr genau beobachten, wie sich das Verhalten der Mäuse verändert, wenn sie bestimmte Hirnregionen gezielt aktivieren oder hemmen.

Optogenetik macht Aktivität im Gehirn sichtbar

Laut dem Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz ermöglicht es diese Technik, einzelne Zellen im Gehirn präzise zu steuern. Gleichzeitig nutzten die Forscher eine zweite Methode, mit der sie genau sehen konnten, woher die Nervenzellen ihre Informationen bekommen und mit welchen anderen Regionen im Gehirn sie kommunizieren.

Dabei zeigte sich: Die Nervenzellen in der Amygdala stehen in Kontakt mit Bereichen, die Geschmack, Geruch und andere Sinneseindrücke verarbeiten. Eine wichtige Rolle spielt dabei der sogenannte parabrachiale Komplex – eine Region, die Informationen über Hunger, Durst, Übelkeit oder Schmerz sammelt und weiterleitet.

Geschmack lässt sich im Gehirn umprogrammieren

In einem weiteren Versuch gaben die Forscher den Mäusen ein Getränk mit bitterem Geschmack, das die Tiere normalerweise meiden. Sobald sie aber gleichzeitig bestimmte Nervenzellen in der Amygdala stimulierten, änderten die Mäuse ihr Verhalten: Sie bevorzugten plötzlich den bitteren Geschmack.

Demnach bewertet unser Gehirn Essen und Trinken nicht nur nach Bedarf, sondern auch emotional. So wird aus einem eigentlich unangenehmen Geschmack ein angenehmes Erlebnis – abhängig davon, welche Nervenzellen aktiv sind.

Nervenzellen könnten bei Krankheiten eine Rolle spielen

Die Erkenntnisse könnten auch bei der Erforschung von Krankheiten wie Übergewicht, Magersucht oder Suchtverhalten helfen. Denn offenbar hängt es von der Aktivität bestimmter Nervenzellen ab, ob wir zu viel, zu wenig oder genau richtig essen und trinken.

Laut Rüdiger Klein, Leiter der Studie, hilft das Verständnis dieser Hirnmechanismen dabei, besser zu erkennen, wie unser Verhalten entsteht:

Unser Gehirn lernt, Nahrung mit Freude oder Abneigung zu verknüpfen – das beeinflusst unser Verhalten stark.

Rüdiger Klein

Essverhalten ist auch eine Frage der Emotionen

Die Studie zeigt, dass Essen und Trinken weit mehr mit Gefühlen zu tun haben, als bisher angenommen. Dieselben Nervenzellen, die unser Ess- und Trinkverhalten steuern, werden auch bei emotionalen Bewertungen aktiv. Positive oder negative Erfahrungen mit bestimmten Lebensmitteln prägen sich dadurch langfristig ein. Das Gehirn lernt also, was „gut“ oder „schlecht“ schmeckt – nicht nur über den Geschmack, sondern auch über das emotionale Erleben.

Kurz zusammengefasst:

  • Im Gehirn sitzen spezielle Nervenzellen in der Amygdala, die Hunger und Durst erkennen und gezielt steuern können – sie entscheiden mit darüber, wann und warum wir essen oder trinken.
  • Diese Nervenzellen reagieren auf Signale aus dem Körper und beeinflussen unser Verhalten direkt; sie lassen sich gezielt aktivieren oder hemmen, was das Trink- und Essverhalten sichtbar verändert.
  • Die Amygdala verknüpft Nahrung nicht nur mit körperlichem Bedarf, sondern auch mit Gefühlen – dadurch entstehen Vorlieben oder Abneigungen, die langfristig unser Essverhalten prägen.

Übrigens: Trotz Sättigung meldet sich der Appetit auf Süßes – der sogenannte Dessertmagen. Unser Gehirn trickst uns nämlich gezielt aus. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © MPI für biologische Intelligenz / Julia Kuhl

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