Neue Funde zeigen: Menschen hielten Wölfe – lange bevor es Hunde gab

Funde aus der Ostsee belegen: Menschen brachten Wölfe per Boot auf eine Insel und lebten dort eng mit ihnen zusammen – lange bevor der Hund entstand.

Bild eines Wolfs

Forscher fanden auf einer kleinen Ostseeinsel Wolfsreste, die belegen, dass Menschen echte Wölfe dorthin brachten und sie offenbar über längere Zeit versorgten. © Unsplash

Lange schien die Geschichte eindeutig: Menschen zähmten den Wolf, daraus entstand der Hund. Neue archäologische und genetische Funde aus der Ostsee zeigen nun, dass die Domestikation der Wölfe kein geradliniger Prozess war. Menschen lebten bereits vor Tausenden Jahren eng mit Wölfen zusammen, ohne sie zu Hunden zu machen, und brachten die Tiere gezielt an Orte, die sie allein nie erreicht hätten.

Im Zentrum der Forschung steht die kleine Insel Stora Karlsö westlich von Gotland. Sie liegt in der Ostsee und misst nur 2,5 Quadratkilometer. Größere Landsäugetiere gab es dort nie. Umso überraschender ist der Fund von Wolfsresten in einer Höhle auf der Insel. Die Tiere lebten dort vor etwa 3000 bis 5000 Jahren. Die entscheidende Frage lautet seitdem: Wie kamen sie dorthin?

Domestikation der Wölfe beginnt mit menschlichem Transport

Die geografische Lage liefert einen klaren Hinweis. Stora Karlsö war nie mit dem Festland verbunden. Selbst in Kältephasen hätte der Weg über Eis eine extreme Distanz bedeutet. Rund 80 Kilometer trennen die Insel vom schwedischen Festland. Für Wölfe gilt diese Strecke als kaum überwindbar. Die Studie kommt deshalb zu einem klaren Schluss: Menschen müssen die Tiere per Boot auf die Insel gebracht haben.

An der Untersuchung waren mehrere Forschungseinrichtungen beteiligt, darunter die Stockholm University sowie das Francis Crick Institute und die Universitäten Aberdeen und East Anglia. Grundlage bildeten Knochenfunde aus der Höhle Stora Förvar, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts ausgegraben worden waren. Erst moderne genetische und chemische Analysen machten eine neue Bewertung möglich.

Die Forscher untersuchten zwei Wolfsindividuen besonders genau. Beide lebten in einer Zeit, in der Menschen die Höhle intensiv nutzten. Archäologische Spuren zeigen Robbenjagd, Fischfang und längere Aufenthalte. Die Wolfsreste lagen mitten in diesen menschlichen Hinterlassenschaften. Ein Zufall erscheint daher unwahrscheinlich.

Genetik schließt frühe Hunde klar aus

Die Tiere waren keine frühen Hunde. Ihr Erbgut entsprach dem von Grauwölfen aus Eurasien. Eine Vermischung mit der Linie der Haushunde ließ sich nicht nachweisen. Studienautor Linus Girdland-Flink erklärt: „Diese Wölfe hatten eine Abstammung, die sich nicht von anderen eurasischen Wölfen unterschied.“

Gleichzeitig zeigen die Knochen Hinweise auf ein ungewöhnliches Leben. Isotopenanalysen belegen eine Ernährung mit hohem Anteil an Meeresnahrung. Dazu gehörten Fisch und Robben. Diese Nahrung entsprach dem Speiseplan der Menschen auf der Insel. Die Forscher folgern: „Der dauerhafte Zugang zu Fisch deutet auf eine Abhängigkeit von Menschen hin.“ Ohne Unterstützung hätten die Tiere diese Nahrung kaum regelmäßig erlangen können.

Ein verletzter Wolf überlebt offenbar mit Hilfe

Einer der Wölfe wies schwere Schäden an einem Vorderbein auf. Die Verletzung hätte seine Beweglichkeit stark eingeschränkt. Eigenständiges Jagen wäre kaum möglich gewesen. Dennoch lebte das Tier offenbar über längere Zeit weiter. „Es war eine völlige Überraschung zu sehen, dass es sich um einen Wolf und nicht um einen Hund handelte“, so Pontus Skoglund vom Francis Crick Institute. Der Befund werfe die Frage auf, ob Menschen Wölfe gezielt in ihren Siedlungen hielten oder versorgten.

Auch genetisch fällt dieser Wolf auf. Seine genetische Vielfalt lag niedriger als bei allen bisher bekannten alten Wolfsgenomen. Solche Muster treten häufig bei kleinen, isolierten Populationen auf. Sie finden sich auch bei Tieren unter menschlicher Kontrolle. Den Forschern zufolge sind natürliche Ursachen jedoch nicht ausgeschlossen.

Neue Befunde zur Frühgeschichte

„Die Kombination aus Knochenanalysen und genetischen Daten eröffnet neue Perspektiven auf die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren in der Stein- und Bronzezeit“, sagt Professor Jan Storå von der Stockholm University.

Die Domestikation der Wölfe erscheint nicht mehr als klarer, linearer Prozess. Stattdessen gab es offenbar verschiedene Formen des Zusammenlebens. Menschen konnten mit Wölfen kooperieren, sie versorgen oder halten, ohne sie dauerhaft zu Haustieren zu machen.

Kurz zusammengefasst:

  • Menschen brachten vor 3000 bis 5000 Jahren echte Wölfe gezielt per Boot auf eine Ostseeinsel, obwohl diese Tiere den Ort aus eigener Kraft nicht erreichen konnten.
  • Genetische, anatomische und chemische Analysen zeigen: Es waren keine Hunde, sondern Wölfe mit mariner Ernährung, geringer genetischer Vielfalt und teils schweren Verletzungen, die dennoch überlebten.
  • Die Domestikation der Wölfe verlief nicht geradlinig. Menschen lebten zeitweise eng mit Wölfen zusammen.

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Bild: © Unsplash

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