Der blaue CO₂-Preis zeigt im Ozean, was der Klimawandel wirklich kostet
Erstmals fließen Schäden an Meeren in die Klimakosten ein. Der blaue CO₂-Preis zeigt: Ozeane machen den Klimawandel deutlich teurer.
Außergewöhnlich hohe Gezeiten überfluten die Strandpromenade von Mission Beach in San Diego – sichtbare Folgen steigender Meeresspiegel. © Scripps Institution of Oceanography / UC San Diego
Der Klimawandel hat einen Preis – doch lange blieb ein zentraler Teil der Rechnung unvollständig. Denn was steigende Temperaturen mit den Ozeanen anrichten, floss kaum in die gängigen Kostenmodelle ein. Dabei sichern Meere Ernährung, Handel, Küstenschutz und Arbeitsplätze für Millionen Menschen. Eine neue Analyse zeigt nun: Erst der Blick auf den Ozean macht sichtbar, wie hoch die tatsächlichen Kosten des Klimawandels wirklich sind.
Auf Grundlage einer Studie haben Forscher der University of California San Diego den sogenannten sozialen CO₂-Preis zum „blauen CO₂-Preis“ erweitert. Diese Kennzahl beziffert, welchen wirtschaftlichen Schaden eine ausgestoßene Tonne Kohlendioxid für die Gesellschaft verursacht. Neu ist: Schäden an Meeren, Küsten und marinen Ökosystemen werden erstmals systematisch mitgerechnet. Das Ergebnis verändert die Klimarechnung grundlegend.
Ozeane treiben die Klimakosten in die Höhe
Bislang lag der gesellschaftliche Schaden pro Tonne CO₂ bei rund 51 Dollar. In der neuen Berechnung steigt er auf knapp 97 Dollar – ein Plus von 91 Prozent. Der Anstieg entsteht nicht durch zusätzliche Emissionen, sondern durch eine methodische Lücke, die nun geschlossen wird.
Die Studie integriert erstmals das sogenannte „blaue Kapital“ in den sozialen CO₂-Preis. Gemeint sind marine Ökosysteme und Infrastrukturen, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen stiften, bislang aber kaum in Klimamodellen auftauchten. Die Forscher verknüpfen aktuelle Ozeanforschung mit einem Klima-Ökonomie-Modell und berechnen, wie Schäden an Meeren die globale Wohlfahrt mindern – unabhängig davon, ob sie einen Marktpreis haben oder nicht.
Welche Ozeanschäden in die neue Klimarechnung einfließen
Die neue Berechnung unterscheidet systematisch zwischen verschiedenen Schadensarten, die bislang nur teilweise oder gar nicht erfasst wurden. Dazu gehören marktfähige Verluste, nicht-marktliche Nutzungen und Wohlfahrtsverluste, die sich nicht ersetzen lassen.
Erfasst werden unter anderem sinkende Erträge in Fischerei und Aquakultur sowie Schäden an Häfen und Küstenanlagen. Hinzu kommen Verluste an Korallenriffen, Mangroven, Seegraswiesen und Kelpwäldern, die Küsten schützen, Artenvielfalt sichern und wirtschaftliche Aktivitäten ermöglichen.
Darüber hinaus berücksichtigt das Modell gesundheitliche Folgen, etwa durch nährstoffärmere Meeresnahrung. Diese Effekte schlagen sich nicht direkt in Bilanzen nieder, mindern aber langfristig Ernährungssicherheit, Gesundheit und gesellschaftliche Stabilität – und fließen deshalb als Wohlfahrtsverluste in die Gesamtrechnung ein.
Wenn sich Erwärmung im Meer auf Teller und Körper auswirkt
Mit steigenden Temperaturen verändert sich die Chemie der Ozeane. Der Sauerstoffgehalt sinkt, Fischbestände wandern ab oder schrumpfen. Gleichzeitig nimmt der Nährwert vieler Arten ab. Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Protein und Kalzium kommen in geringeren Mengen vor.
Das erhöht Gesundheitsrisiken, vor allem dort, wo Fisch eine zentrale Nahrungsquelle ist. Besonders betroffen sind Inselstaaten und kleine Küstenökonomien. Dort fehlen Alternativen, um Ausfälle auszugleichen. Steigende Preise und sinkende Nährstoffversorgung verschärfen soziale und gesundheitliche Belastungen.
Milliardenverluste, die bisher fehlten
Die Dimension wird klar beim Blick auf die globalen Emissionen. 2024 stieß die Welt rund 41,6 Milliarden Tonnen CO₂ aus. Allein die zusätzlich berücksichtigten ozeanbezogenen Schäden summieren sich dadurch auf fast zwei Billionen US-Dollar pro Jahr – Kosten, die in bisherigen Klimarechnungen kaum auftauchten.
Der Blick nach vorn bleibt teuer: Für das Jahr 2100 rechnen die Autoren mit jährlichen Verlusten von 1,66 Billionen Dollar durch direkte Marktschäden. Hinzu kommen 224 Milliarden Dollar durch den Verlust von Natur- und Ökosystemwerten sowie 182 Milliarden Dollar infolge gesundheitlicher und ernährungsbedingter Folgen.
Warum Naturverluste anders zählen als Geldschäden
Die Studie unterscheidet bewusst zwischen messbaren Einnahmeverlusten und Schäden an Natur und Kultur. Studienleiter Bernardo Bastien-Olvera erklärt: „Ein Dollar Marktschaden ist nicht dasselbe wie ein Dollar kultureller Verlust.“
Ein zerstörtes Riff lässt sich nicht durch wirtschaftliche Gewinne an anderer Stelle ersetzen. Genau deshalb erhalten Ozeane in der neuen Berechnung ein eigenes Gewicht.
Klimakosten als Entscheidungsmaßstab
Der soziale CO₂-Preis dient als Werkzeug für Kosten-Nutzen-Abwägungen. Behörden nutzen ihn bei der Ausgestaltung von Klimagesetzen und Förderprogrammen. Unternehmen greifen darauf zurück, um Risiken zu bewerten und Investitionen zu planen.
„Umweltschutz verursacht zunächst Kosten. Deshalb brauchen wir Methoden, um gesellschaftliche Abwägungen sauber zu treffen“, sagt Mitautorin Kate Ricke. Sie ergänzt: „Der Ozean ist besonders schwer zu bepreisen. Dieser Ansatz erkennt seinen Wert besser an.“
Kurz zusammengefasst:
- Die Kosten von CO₂ liegen deutlich höher als lange angenommen, weil Schäden an Ozeanen bisher kaum eingerechnet wurden: Pro Tonne steigen sie von rund 51 Dollar auf etwa 97 Dollar, fast eine Verdopplung.
- Neu berücksichtigt werden Verluste für Fischerei, Küsten, Häfen, Ökosysteme und Gesundheit, etwa durch nährstoffärmere Meeresnahrung, mit Folgen für Preise, Versorgung und Risiken für Millionen Menschen.
- Diese vollständigere Rechnung macht Klimafolgen im Alltag greifbar, weil sie zeigt, dass Emissionen reale, hohe Kosten für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verursachen, die bislang unsichtbar blieben.
Übrigens: In Kläranlagen arbeiten bislang übersehene Bakterien im Inneren von Einzellern mit und reinigen Wasser – setzen dabei aber ein extrem starkes Treibhausgas frei. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Scripps Institution of Oceangraphy/UC San Diego
