Dänemarks Trinkwasser wird zum Problem: Jede zweite Messstelle enthält Pestizide
In Dänemark enthält mehr als jede zweite Trinkwasserstelle Pestizide. Die Nitratwerte steigen und überschreiten teils Grenzwerte.
Die intensive Schweinehaltung in Dänemark erfordert große Mengen an Futtermitteln und Dünger – ein Faktor, der zur Belastung von Böden und Trinkwasser beiträgt. © Unsplash
In Dänemark ist das Thema Trinkwasser mitten im Wahlkampf gelandet. Neue Daten zeigen, dass in immer mehr Entnahmestellen Pestizide nachgewiesen werden. Auch die Nitratbelastung nimmt in manchen Regionen zu. Viele Dänen fragen sich inzwischen, wie sicher ihr Wasser noch ist und welche Folgen die intensive Landwirtschaft für Grundwasser und Umwelt hat. Dabei galt Dänemark lange als Musterland für sauberes Grundwasser.
Die Zahlen zeigen, wie stark sich die Belastung innerhalb weniger Jahre verändert hat. 2024 wurden in 55,7 Prozent der Entnahmestellen Pestizidrückstände gefunden. 2018 lag der Wert noch bei 40,8 Prozent, 2023 bei 50,9 Prozent. In 14,1 Prozent der Fälle wurden Grenzwerte überschritten, wie es bei der staatlichen geologischen Fachbehörde Dänemarks GEUS heißt.
Noch stammt in Dänemark vielerorts sauberes Wasser aus dem Boden, oft ohne aufwendige Aufbereitung. Doch die Spielräume werden kleiner. „Man muss immer tiefer bohren, um Wasser ohne Spuren von Nitrat oder Pestiziden zu finden“, sagt der Biologe Kaj Sand-Jensen laut Le Monde.
Wahlkampf dreht sich plötzlich um Trinkwasser
Aus der Fachdebatte ist längst ein politisches Thema geworden. In Dänemark spielt die Wasserqualität inzwischen eine große Rolle im Wahlkampf.
Ausgelöst wurde die Debatte durch einen Bericht des Umweltministeriums, der die politische Brisanz erstmals mit den Folgen für Versorgung und Verbraucher verknüpft. Darin steht, dass das bisherige Modell mit freiwilligen Vereinbarungen und kommunalen Schutzplänen die besonders empfindlichen Gebiete nicht ausreichend gesichert hat.
Das Ministerium hält deshalb flächenbezogene Verbote für Pestizide und Düngung in sensiblen Zonen für die wirksamste Lösung. Besonders heikel ist der Hinweis auf die Versorgungssicherheit: In der Hauptstadtregion könnte bis 2040 eine Wassermenge fehlen, die dem Verbrauch der gesamten Kommune Odense entspricht. In Aalborg müssten Haushalte wegen zusätzlicher Nitratreinigung im Schnitt zehn Jahre lang rund 1000 Kronen mehr pro Jahr zahlen.
Schutzmaßnahmen kosten Millionen – Untätigkeit Milliarden
Längst geht es nicht mehr nur um Umweltpolitik, sondern auch um hohe Folgekosten. Geplante Schutzmaßnahmen würden etwa 4 Prozent der Landesfläche betreffen. Rund 6 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen müssten anders bewirtschaftet werden. Für die betroffenen Landwirte wären Entschädigungen von rund 48 Millionen Euro pro Jahr nötig.
Dem stehen deutlich höhere Kosten gegenüber, wenn nichts passiert. Je nach Rechnung geht es um 800 Millionen bis 2,4 Milliarden Euro pro Jahr – für Wasseraufbereitung, neue Infrastruktur und weitere Folgeschäden. Damit verschiebt sich auch die politische Debatte: Vorsorge wirkt plötzlich deutlich billiger als spätere Reparaturen.
Aalborg klagt wegen Nitratbelastung
Wie konkret die Folgen schon heute sind, zeigt der Fall Aalborg im Norden des Landes. Die Stadt mit rund 140.000 Einwohnern hat den Staat verklagt. Der Vorwurf lautet: Dänemark habe EU-Vorgaben nicht eingehalten und zu lange zugesehen, obwohl der Grenzwert für Nitrat bei 50 Milligramm pro Liter liegt und in der Region über Jahre überschritten wurde. „Jedes Mal wurden Maßnahmen angekündigt – aber sie wurden einfach nicht umgesetzt“, kritisiert die Stadt.
Aalborg musste deshalb eine eigene Anlage zur Wasseraufbereitung bauen. Die Kosten belaufen sich über 30 Jahre auf rund 147 Millionen Euro. Dieses Geld will die Kommune nun vom Staat zurückholen.
Tierhaltung treibt den Druck auf Grundwasser spürbar hoch
Die Kritik richtet sich vor allem gegen das agrarische System hinter der Tierproduktion. Große Mengen Dünger und Spritzmittel gelangen auf die Felder. Zugleich bindet die Futterproduktion enorme Flächen. 22 Prozent der Landesfläche dienen dem Anbau von Futtermitteln für Schweine. Dazu kamen 2024 rund 1,28 Millionen Tonnen importierte Sojaprodukte, die vor allem in der Tierfütterung landen, wie es in einer Mitteilung der Uni Kopenhagen heißt. Für dieses Soja werden nach dänischen Fachangaben rund 760.000 Hektar Anbaufläche benötigt, vor allem in Südamerika.
In der Bevölkerung wächst deshalb die Forderung nach strengeren Regeln. Nach einer Erhebung des dänischen Wasserverbands DANVA halten 95 Prozent es für wichtig, das Grundwasser für Trinkwasser besser zu schützen.
Streit um Lösungen spitzt sich zu
Viele Parteien fordern inzwischen strengere Regeln. Im Raum stehen Verbote von Pestiziden in sensiblen Gebieten und ein stärkerer Schutz des Grundwassers. Andere halten weiter an freiwilligen Vereinbarungen fest. Auch der Landwirtschaftsverband sieht die bestehenden Maßnahmen bislang als ausreichend an.
Ein aktuelles Abkommen sieht vor, 10 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Natur umzuwandeln. Außerdem sollen die Stickstoffemissionen bis 2027 um 20 Prozent sinken. Ob das reichen wird, ist offen. Der politische Druck wächst jedenfalls spürbar.
Kurz zusammengefasst:
- In Dänemark fanden Behörden 2024 in 55,7 Prozent der Trinkwasser-Messstellen Pestizidrückstände, in 14,1 Prozent der Fälle lagen die Werte über dem Grenzwert.
- Ein Bericht des Umweltministeriums beschreibt den Schutz sensibler Grundwasserflächen als unzureichend und warnt vor Folgen für Wasserpreise, Versorgung und teure Aufbereitung.
- Im Zentrum der Kritik steht die intensive Landwirtschaft, weil sie mit viel Dünger, Pestiziden und großem Flächenbedarf das Risiko für belastetes Grundwasser erhöht.
Übrigens: Während Pestizide das Trinkwasser belasten, gelangen sogenannte Ewigkeitschemikalien aus Alltagsprodukten in den Körper und könnten dort die Alterung beschleunigen. Neue Daten zeigen, dass bestimmte PFAS vor allem bei Männern messbare Spuren in der DNA hinterlassen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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