Heizen mit Atomkraft mitten in einer europäischen Großstadt – Helsinki plant neuen Reaktor
Helsinki plant kleine Atomreaktoren für Fernwärme. Ein 50-Megawatt-Prototyp wird bereits ohne Kernbrennstoff getestet.
Mitten in Helsinki soll Atomkraft künftig Häuser mit Wärme versorgen: Kleine Reaktoren könnten ihre Energie direkt ins Fernwärmenetz einspeisen. © Steady Energy
Ein Kernreaktor mitten in einer Großstadt. Aber ohne riesige Kühltürme – und womöglich sogar ohne Turbine und Generator. Heizen mit Atomkraft soll in Helsinki künftig möglich werden: Die Energie aus der Kernspaltung soll direkt dorthin fließen, wo sie im langen finnischen Winter besonders gebraucht wird – in Wohnungen, Büros und öffentliche Gebäude.
Der Energieversorger Helen prüft dafür den Bau kleiner modularer Kernreaktoren, sogenannter SMR. Sie könnten ausschließlich Wärme oder gleichzeitig Wärme und Strom erzeugen. Die Voraussetzungen sind günstig: Rund 700.000 Menschen leben in Helsinki, und fast 90 Prozent des Gebäudebestands sind an das Fernwärmenetz angeschlossen.
Mitten in der Stadt entsteht bereits eine Anlage, an der eine solche Atomheizung im Originalmaßstab erprobt werden soll. Noch allerdings ohne Uran.
Ausgerechnet ein altes Kohlekraftwerk wird zum Testgelände
Im Stadtteil Salmisaari baut das finnische Unternehmen Steady Energy einen Prototyp seines Wärmereaktors LDR-50. Die Anlage entsteht in der Turbinenhalle eines stillgelegten Kohlekraftwerks. Im Februar 2026 wurde dort der erste Beton gegossen.
Der LDR-50 ist für 50 Megawatt Wärmeleistung ausgelegt. Anders als klassische Kernkraftwerke soll er nicht in erster Linie Strom produzieren. Die bei der Kernspaltung entstehende Energie soll Wasser erhitzen und über Wärmetauscher an ein Fernwärmenetz abgegeben werden. Turbinen und Generatoren zur Stromproduktion sind dafür nicht erforderlich.
Steady Energy setzt dabei auf ein vergleichsweise einfaches Reaktorkonzept. Der LDR-50 arbeitet bei deutlich niedrigeren Temperaturen als Reaktoren, die Strom erzeugen. Kommerzielle Anlagen sollen nach den Plänen des Unternehmens zudem unterirdisch errichtet werden können.
Der Prototyp in Salmisaari enthält noch keinen Kernbrennstoff. Elektrische Heizelemente erzeugen stattdessen die Wärme, die später durch Kernspaltung entstehen soll. Damit werden unter anderem Kühlung und Sicherheitsfunktionen der Anlage im Originalmaßstab erprobt.
Helsinki will mit Atomkraft Häuser heizen
Helsinki will die auf Verbrennung basierende Energieproduktion bis 2040 beenden. Neben Großwärmepumpen, Elektroboilern und anderen Wärmequellen zieht der Energieversorger Helen deshalb auch Kernenergie in Betracht.
Die Pläne reichen weit über den LDR-50-Test hinaus. Helen untersucht eine mögliche SMR-Anlage mit 400 bis 500 Megawatt Fernwärmeleistung. Sie könnte aus einem oder mehreren Reaktoren bestehen. Drei mögliche Standorte im Raum Helsinki werden geprüft:
- Salmisaari: das frühere Kohlekraftwerksgelände nahe dem Stadtzentrum
- Vuosaari: ein bestehendes Energie- und Hafengebiet im Osten Helsinkis
- Norrberget in Östersundom: ein Gebiet am östlichen Rand der Hauptstadt
Eine endgültige Entscheidung über den Bau ist noch nicht gefallen. Vorher stehen unter anderem Umweltverträglichkeitsprüfungen, genauere Standortuntersuchungen und die Auswahl einer geeigneten Reaktortechnologie an.
Europäische Investitionsbank gibt 40 Millionen Euro
Steady Energy erhält inzwischen auch finanzielle Unterstützung auf europäischer Ebene. Die Europäische Investitionsbank (EIB) sagte dem finnischen Unternehmen im September 2026 eine Finanzierung von bis zu 40 Millionen Euro zu. Nach Angaben der EIB ist es ihre erste Finanzierung einer SMR-Technologie.
Das Geld soll in Forschung und Entwicklung, weitere Tests sowie die Vorbereitung der Zulassung fließen. Steady Energy will seine ersten kommerziellen Anlagen in den 2030er-Jahren in Betrieb nehmen.
Für Fernwärme muss Wasser nicht auf die hohen Temperaturen gebracht werden, die für eine effiziente Stromproduktion in einem klassischen Kernkraftwerk notwendig sind. Der LDR-50 ist deshalb für eine Betriebstemperatur von rund 150 Grad Celsius ausgelegt. Die niedrigere Temperatur und die Konzentration auf Wärme sollen die Konstruktion vereinfachen.
Deutschland setzt bislang auf andere Wärmequellen
Auch deutsche Städte müssen ihre Fernwärmenetze zunehmend ohne Kohle und Erdgas versorgen. Dafür kommen bislang vor allem Großwärmepumpen, Geothermie, industrielle Abwärme und Wärmespeicher zum Einsatz.
Neue Kernreaktoren spielen in der deutschen Fernwärmeversorgung derzeit keine Rolle. Die letzten drei kommerziellen Kernkraftwerke wurden im April 2023 abgeschaltet. Ein Einsatz von SMR zum Heizen würde deshalb nicht nur neue Anlagen erfordern, sondern auch entsprechende gesetzliche und politische Rahmenbedingungen.
Helsinki verfolgt einen anderen Weg: Dort wird Kernenergie bereits als mögliche künftige Wärmequelle für das städtische Fernwärmenetz geprüft. Ob daraus tatsächlich ein nukleares Heizwerk entsteht, ist noch offen.
Kurz zusammengefasst:
- Helsinki prüft das Heizen mit Atomkraft und plant dafür kleine Kernreaktoren, die Fernwärme mit einer Wärmeleistung von 400 bis 500 Megawatt erzeugen sollen.
- Der LDR-50 von Steady Energy ist für 50 Megawatt Wärme ausgelegt; der derzeit gebaute Prototyp enthält noch keinen Kernbrennstoff und wird elektrisch beheizt.
- In Deutschland sind solche Atomheizungen bislang nicht vorgesehen; für neue SMR müssten technische, wirtschaftliche und rechtliche Voraussetzungen geklärt werden.
Übrigens: Nicht nur Finnland setzt auf kleine Reaktoren – Schweden plant drei Mini-Atomkraftwerke von Rolls-Royce, die zusammen 1.500 Megawatt Strom liefern sollen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Steady Energy
