Nikotin-Entzug macht Ex-Raucher schmerzempfindlicher
Ehemalige Raucher entwickeln nach dem Rauchstopp eine höhere Schmerzempfindlichkeit und brauchen nach Operationen mehr Schmerzmittel.
Nikotin beeinflusst nicht nur die Lunge, sondern auch das Gehirn. Nach dem Rauchstopp verändert sich die Aktivität wichtiger Nervenzentren, die Schmerzreize steuern. © Pexels
Ein Rauchstopp gilt als einer der wichtigsten Schritte zu besserer Gesundheit. Doch in den ersten Wochen nach dem Aufhören zeigen Ex-Raucher eine deutlich höhere Schmerzempfindlichkeit, besonders vor und nach Operationen. Eine neue Studie aus China belegt, dass Personen, die das Rauchen eingestellt haben, nach einem Eingriff häufig mehr Schmerzmittel benötigen – vor allem Opioide.
Die Untersuchung stammt von Forschern des Fudan University Minhang Hospital und des Shanghai Eastern Hepatobiliary Surgery Hospital. Ziel der Studie war es, zu verstehen, wie der Nikotinentzug die Schmerzverarbeitung im Gehirn verändert und warum dieser Effekt nur vorübergehend auftritt.
Ex-Raucher zeigen nach Entzug höhere Schmerzempfindlichkeit
Das Forschungsteam untersuchte 60 männliche Patienten im Alter zwischen 18 und 60 Jahren, die sich einer Leberoperation unterzogen. Dreißig von ihnen hatten bis zu einem Monat vor dem Eingriff regelmäßig geraucht und dann aufgehört, die übrigen waren Nichtraucher. Vor der Operation testeten die Wissenschaftler die Schmerzempfindlichkeit mit elektrischen und mechanischen Reizen an der Hand. Das Ergebnis war eindeutig: Ex-Raucher reagierten deutlich empfindlicher auf Schmerz.
Auch nach dem Eingriff blieb dieser Unterschied bestehen. In den ersten 24 bis 48 Stunden nach der Operation benötigten die ehemaligen Raucher mehr Schmerzmittel als Nichtraucher. „Abstinente Raucher zeigten niedrigere Schmerzschwellen und benötigten höhere Dosen an Analgetika“, heißt es in der Studie.
Das Gehirn verändert sich beim Entzug
Die Forscher nutzten funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), um die Hirnaktivität während des Entzugs zu analysieren. Dabei zeigte sich, dass der Verzicht auf Nikotin das Zusammenspiel mehrerer Regionen beeinflusst, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind. Besonders betroffen waren der ventromediale präfrontale Cortex (vmPFC), der Calcarine Cortex und die vordere cinguläre Rinde (ACC).
Im vmPFC, der normalerweise Schmerzreize reguliert, war die Aktivität reduziert. Dagegen zeigte sich im Calcarine Cortex und in der ACC eine gesteigerte Aktivität. Dieses Ungleichgewicht könnte erklären, warum das Gehirn in der Entzugsphase Schmerzsignale stärker wahrnimmt und schlechter filtert.
Schmerzempfindlichkeit normalisiert sich nach drei Monaten
Die erhöhte Schmerzempfindlichkeit war nicht dauerhaft. Nach rund drei Monaten hatten sich die Werte der Ex-Raucher weitgehend normalisiert. „Der Effekt ist auf eine bestimmte Entzugsphase begrenzt“, so die Experten. Mit zunehmender Abstinenz konnte das Gehirn Schmerzsignale wieder besser verarbeiten.
Wer also kurz vor einer geplanten Operation mit dem Rauchen aufhört, muss zwar mit einer vorübergehenden Empfindlichkeit rechnen, sollte den Rauchstopp aber nicht verschieben. Langfristig überwiegen die gesundheitlichen Vorteile deutlich.
Entzugssymptome erhöhen den Schmerzmittelbedarf
Je stärker die Entzugssymptome, desto größer der Schmerzmittelbedarf. Patienten, die während der Abstinenz unter Nervosität, Reizbarkeit oder Schlafproblemen litten, benötigten nach der Operation mehr Analgetika. In der Bildgebung zeigte sich, dass die Aktivität in vmPFC und ACC diesen Zusammenhang vermittelte.
Körperliche und psychische Entzugsreaktionen verstärken sich also gegenseitig. Der Körper reagiert sensibler auf Schmerz, während das Gehirn seine dämpfende Wirkung verliert – eine Kombination, die den Heilungsprozess erschweren kann.
Rauchstopp erfordert angepasste Schmerztherapie
Die Studie soll niemanden davon abhalten, vor einer Operation mit dem Rauchen aufzuhören. „Unser Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, um den erhöhten Schmerzmittelbedarf in der Entzugsphase besser zu behandeln“, erklärt Studienleiter Kai Wei. Sein Team arbeitet bereits an zwei möglichen Lösungen:
- Ein neues Schmerzmittel, das bei Ex-Rauchern wirksamer sein könnte als herkömmliche Opioide.
- Der gezielte Einsatz von Nikotinersatzpräparaten vor Operationen, um Entzugssymptome abzumildern.
Für Kliniken ergeben sich daraus praktische Konsequenzen:
- Patienten sollten über die vorübergehende Empfindlichkeit nach dem Rauchstopp informiert werden.
- Eine individuell angepasste Schmerztherapie kann helfen, übermäßigen Opioidgebrauch zu vermeiden.
- Ärzte können den Entzug gezielter begleiten und so die Genesung unterstützen.
Kurz zusammengefasst:
- Ein Rauchstopp kann in den ersten Wochen die Schmerzempfindlichkeit erhöhen – besonders nach Operationen brauchen Ex-Raucher oft mehr Schmerzmittel.
- Laut einer neuen Studie hängt dieser Effekt mit veränderter Aktivität in bestimmten Hirnregionen zusammen, die Schmerzreize sonst dämpfen.
- Nach etwa drei Monaten normalisiert sich die Reaktion wieder – der vorübergehende Effekt ist jedoch kein Grund, den Rauchstopp zu verschieben.
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