Ungünstiges Lebensstilprofil: Warum Nachteulen ein höheres Herzrisiko tragen

Große Langzeitdaten mit über 300.000 Erwachsenen zeigen: Ein später Chronotyp geht häufiger mit Schlafmangel, Rauchen und erhöhtem Herzrisiko einher.

Ältere Frau liegt nachts im Bett und schaut auf ihren Laptop

Spät aktiv zu sein kann das Herz belasten – vor allem, wenn Schlaf, Alltag und innere Uhr dauerhaft aus dem Takt geraten. © Pexels

Spät ins Bett, früh wieder raus – für Millionen Alltag. Doch dieser Rhythmus bleibt nicht folgenlos. In großen Langzeitdaten mit mehr als 300.000 Erwachsenen zeigt sich: Ein später Chronotyp geht häufig mit Schlafmangel, Rauchen und unregelmäßigem Essen einher – diese Mischung erhöht über Jahre das Herzrisiko und begünstigt Herzinfarkte sowie Schlaganfälle. Besonders deutlich fällt der Effekt bei Frauen ab der Lebensmitte aus. Entscheidend ist nicht das Zubettgehen allein, sondern das ungünstige Lebensstilprofil, das sich daraus entwickelt.

Der Körper reagiert darauf empfindlich. Sein innerer Takt gerät unter Druck, wenn Alltag und Schlaf dauerhaft kollidieren. Blutdruck, Blutzucker und Stoffwechsel verändern sich schleichend – lange unbemerkt, aber messbar. „Abendtypen erleben häufig eine zirkadiane Fehlanpassung – ihre innere Uhr passt dann nicht zum natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus oder zu den üblichen Tagesabläufen“, erklärt Sina Kianersi, Hauptautorin der Studie.

Nachteulen deutlich im Nachteil

Die Daten hinter diesen Aussagen stammen aus einer der größten Gesundheitsstudien Europas. Ausgewertet wurden Angaben von mehr als 300.000 Erwachsenen im Alter zwischen 39 und 74 Jahren aus der UK Biobank. Zu Beginn galt keiner der Teilnehmenden als herzkrank. Über fast 14 Jahre wurde erfasst, wer einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitt.

Alle Teilnehmenden gaben an, welchem Tagesrhythmus sie sich zuordnen: klarer Morgenmensch, klarer Abendmensch oder irgendwo dazwischen. Rund acht Prozent beschrieben sich als ausgeprägte Abendtypen, etwa ein Viertel als Morgentypen. Die Mehrheit lag im mittleren Bereich.

Acht Gesundheitsfaktoren entscheiden

Um die Herzgesundheit vergleichbar zu machen, nutzten die Forscher ein etabliertes Punktesystem. Es fasst acht Faktoren zusammen, die für Herz und Gefäße entscheidend sind: Schlaf, Bewegung, Ernährung, Rauchen, Körpergewicht, Blutfette, Blutzucker und Blutdruck. Je höher der Wert, desto günstiger das Gesamtbild.

Bei diesem Vergleich zeigte sich ein deutliches Muster: Menschen mit spätem Tagesrhythmus landeten wesentlich häufiger im ungünstigsten Bereich. Die Wahrscheinlichkeit für ein schlechtes Herzgesundheitsprofil lag bei ihnen um rund 79 Prozent höher als bei Personen ohne klare Tagespräferenz.

Mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle

Auch bei harten medizinischen Ereignissen machte sich der Unterschied bemerkbar. Herzinfarkte und Schlaganfälle traten bei Abendtypen um etwa 16 Prozent häufiger auf. Morgentypen schnitten leicht besser ab und erreichten insgesamt stabilere Werte.

Wichtig ist dabei die richtige Einordnung: Der erhöhte Wert hängt auch mit dem Lebensstil zusammen. In der Analyse ließ sich zeigen, dass rund drei Viertel des Zusammenhangs über genau jene ungünstigen Gewohnheiten erklärt werden, die bei Nachteulen häufiger zusammenkommen. Der Tagesrhythmus wirkt damit indirekt – über den Alltag.

Frauen besonders betroffen

Besonders auffällig ist der Geschlechterunterschied. Frauen mit spätem Chronotyp zeigten deutlich häufiger ein insgesamt ungünstiges Herzprofil als Männer mit vergleichbarem Schlafrhythmus. Der Abstand zwischen Abendtypen und der mittleren Gruppe war bei Frauen fast doppelt so groß.

Der Grund liegt vor allem im Alltag: Bei Frauen mit spätem Tagesrhythmus traten Schlafmangel, Rauchen, Gewichtszunahme und ungünstige Blutzuckerwerte häufiger gemeinsam auf als bei Männern. Diese Kombination wiegt schwer, weil Frauen im Durchschnitt mit besseren Herzwerten starten. Gehen diese Vorteile verloren, steigt das Risiko spürbarer – besonders ab der Lebensmitte.

Rauchen verschärft das Risiko – nicht die innere Uhr

Nicht alle Faktoren tragen gleich stark zum Risiko bei. In der Auswertung kristallisierten sich einige Schwerpunkte heraus:

  • Rauchen war der stärkste einzelne Faktor
  • Schlaf fiel bei Abendtypen häufiger zu kurz oder unregelmäßig aus
  • Bewegung war seltener fest im Alltag verankert
  • Gewicht und Blutzucker entwickelten sich über Jahre ungünstiger
  • Ernährung verschob sich häufiger in späte, unstrukturierte Mahlzeiten

Diese Kombination erklärt den größten Teil der Unterschiede bei Herzinfarkt und Schlaganfall.

Ein weiterer Befund ist für die Bewertung entscheidend: Wird der Lebensstil vollständig berücksichtigt, verschwindet der direkte Zusammenhang zwischen Tagesrhythmus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahezu. Die innere Uhr allein schädigt das Herz nicht. Ausschlaggebend ist, wie dauerhaft der Alltag mit diesem Rhythmus kollidiert.

Späte Aktivität ist damit weder Krankheit noch Schicksal. Sie kennzeichnet vielmehr eine Gruppe, in der sich mehrere Risikofaktoren besonders häufig bündeln.

Alltag entscheidet über das Herzrisiko

Die Analyse erschien im Journal of the American Heart Association. Die Herzgesundheit wurde mit dem Bewertungssystem Life’s Essential 8 erfasst, das Lebensstil und medizinische Werte zusammenführt.

Einschränkungen gibt es dennoch. Der Tagesrhythmus wurde nur einmal abgefragt und beruhte auf Selbsteinschätzung. Zudem bestand die untersuchte Gruppe überwiegend aus weißen, vergleichsweise gesunden Erwachsenen. Absolute Risiken lassen sich daraus nicht ableiten.

Über die lange Beobachtungszeit zeigt sich jedoch ein klares Muster. Das erhöhte Herzrisiko ergibt sich nicht aus dem späten Schlaf allein, sondern aus einem Lebensstil, der sich über Jahre verfestigt.

Kurz zusammengefasst:

  • Große Langzeitdaten mit über 300.000 Erwachsenen belegen: Spät schlafen geht häufiger mit Schlafmangel, Rauchen und ungesundem Alltag einher – und erhöht damit messbar das Herzrisiko.
  • Das Risiko ist konkret beziffert: Späte Chronotypen hatten ein rund 16 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall und deutlich schlechtere Gesamtwerte der Herzgesundheit; Frauen ab der Lebensmitte waren besonders betroffen.
  • Die Ursache liegt im Lebensstil, nicht in der inneren Uhr: Rund 75 Prozent des erhöhten Herzrisikos erklären veränderbare Faktoren wie Schlaf, Rauchen, Bewegung und Ernährung.

Übrigens: Während spätes Einschlafen das Herz belastet, zeigt sich bei Jugendlichen ein anderes Risiko – viel Bildschirmzeit am Abend raubt vor allem Mädchen den Schlaf und erhöht ihr Depressionsrisiko messbar. Wie stark Schlafdauer, Schlafqualität und ein verschobener Rhythmus dabei zusammenwirken, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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