Chronische Schmerzen bei Frauen dauern länger – Forscher finden Ursache im Immunsystem
Chronische Schmerzen betreffen Frauen häufiger und länger. Grund ist ein schwächer aktiver Schutzmechanismus im Immunsystem.
Hormonabhängig regulierte Immunzellen beeinflussen, wie schnell Schmerzen abklingen – ein möglicher Grund, warum chronische Schmerzen bei Frauen länger anhalten. © Freepik
Millionen Menschen leiden unter anhaltenden Beschwerden. Besonders häufig betrifft es Frauen. Seit Jahren beobachten Mediziner, dass chronische Schmerzen bei ihnen öfter auftreten und länger bestehen bleiben. Nicht selten wurde vermutet, Frauen würden chronische Schmerzen intensiver wahrnehmen oder anders bewerten. Eine neue Untersuchung stellt diese Annahme infrage und liefert eine biologische Erklärung.
Forschende der Michigan State University berichten in der Fachzeitschrift Science Immunology, dass bestimmte Immunzellen Schmerzen aktiv beenden. Diese Zellen arbeiten bei Männern offenbar stärker als bei Frauen. Der Unterschied liegt damit nicht im Kopf, sondern im Immunsystem.
Chronische Schmerzen halten bei Frauen häufiger an
Schmerz entsteht, wenn spezialisierte Nervenzellen im Körper Alarm schlagen. Bei einer Verletzung oder Entzündung senden sie Signale ans Gehirn. Normalerweise verstummt dieser Alarm wieder, sobald das Gewebe heilt. Bei chronischen Schmerzen bleibt das Warnsystem jedoch aktiv – teils bei geringem Reiz, teils sogar ohne klaren Auslöser.
Im Mittelpunkt der neuen Studie steht ein Botenstoff namens Interleukin-10, kurz IL-10. Diese Substanz wirkt entzündungshemmend. Vor allem aber beruhigt sie direkt die schmerzleitenden Nerven. IL-10 wirkt wie ein biologisches Stoppsignal.
Die Forschenden stellten fest, dass eine Untergruppe von Immunzellen, sogenannte Monozyten, IL-10 produziert. Diese Zellen schalten Schmerz aktiv ab. In Versuchen mit Mäusen arbeiteten diese IL-10-bildenden Monozyten bei männlichen Tieren deutlich aktiver als bei weiblichen. „Der Unterschied im Schmerz zwischen Männern und Frauen hat eine biologische Grundlage“, erklärt Studienleiter Geoffroy Laumet. Er schlussfolgert:
Es ist nicht eingebildet. Es liegt nicht an mangelnder Belastbarkeit. Es liegt im Immunsystem.

Schmerz endet nicht von selbst – das Immunsystem greift ein
Lange ging die Medizin davon aus, Schmerzen verschwänden automatisch, wenn die Entzündung abklingt. Die neuen Daten zeichnen ein anderes Bild. „Diese Studie zeigt, dass die Auflösung von Schmerz kein passiver Prozess ist“, erklärt Laumet. „Sie wird aktiv vom Immunsystem gesteuert.“ Im Labor zeigte sich:
- Wird IL-10 direkt ins entzündete Gewebe gegeben, verkürzt sich die Schmerzphase deutlich.
- Blockiert man IL-10, dauert die Empfindlichkeit länger an.
- Entfernt man die IL-10-produzierenden Monozyten, verzögert sich die Erholung.
Die Wissenschaftler überprüften ihre Ergebnisse in mindestens fünf unterschiedlichen Testverfahren bei Mäusen. Jedes Mal zeigte sich dasselbe Muster.
Besonders interessant: Unter dem Mikroskop fanden sich bei weiblichen Hautzellen geringere Mengen bestimmter IL-10-Rezeptorbestandteile als bei männlichen Zellen. Auch das könnte zur langsameren Schmerzauflösung beitragen.

Hormone steuern die Aktivität der Immunzellen
Warum arbeiten diese Zellen im männlichen Körper aktiver? Die Antwort scheint mit männlichen Geschlechtshormonen wie Testosteron zusammenzuhängen. Blockierten die Forschenden diese Hormone bei männlichen Tieren, kehrte sich der Effekt um. Die Schmerzauflösung verlangsamte sich. Gaben sie weiblichen Tieren ein testosteronähnliches Hormon, erhöhte sich die Zahl der IL-10-bildenden Monozyten. Gleichzeitig klangen die Schmerzen schneller ab.
„Die größere Zahl von IL-10-positiven Monozyten bei Männchen wird durch Androgensignale gesteuert“, schreiben die Autoren. Diese Erkenntnis entstand nicht zufällig. In einem frühen Pilotprojekt fiel dem Team auf, dass männliche Tiere höhere IL-10-Werte aufwiesen. „Das war für mich der Wendepunkt“, sagt Mitautor Jaewon Sim. „Ich bin sehr froh, dass wir diesen ersten unsicheren Ergebnissen vertraut und weitergeforscht haben.“
Unfallstudie mit 245 Menschen bestätigt das Muster
Um die Ergebnisse aus dem Labor zu überprüfen, werteten die Forschenden zusätzlich Daten einer Unfallstudie aus den USA aus. 245 Personen wurden nach Verkehrsunfällen begleitet. Darunter waren 172 Frauen und 73 Männer. Zu Beginn berichteten beide Gruppen über ähnlich starke Schmerzen. In den folgenden zwölf Wochen zeigte sich jedoch ein Unterschied: Männer erholten sich schneller.
Blutuntersuchungen ergaben höhere IL-10-Werte bei Männern direkt nach dem Unfall. Außerdem hatten sie mehr aktive IL-10-bildende Monozyten im Blut. Diese Werte standen in Zusammenhang mit einer geringeren Schmerzstärke nach drei Monaten. Die Daten liefern noch keinen endgültigen Beweis für Ursache und Wirkung. Sie bestätigen jedoch den Trend aus den Tiermodellen.
Perspektive für neue Therapien
Die Ergebnisse könnten langfristig neue Therapieansätze ermöglichen. Ziel wäre es, die IL-10-Produktion gezielt zu steigern und so Schmerzen schneller zu beenden – statt sie nur zu unterdrücken. Laumet hofft auf nicht-opioide Behandlungen, also Therapien ohne starke Schmerzmittel mit Suchtpotenzial. „Diese Arbeit eröffnet neue Wege für Therapien, die chronische Schmerzen verhindern, bevor sie sich verfestigen“, sagt er.
Bis solche Behandlungen verfügbar sind, dürfte noch viel Zeit vergehen. Dennoch verändert die Studie den Blick auf das Thema grundlegend. Chronische Schmerzen erscheinen weniger als reine Nervenerkrankung, sondern als Störung in der Kommunikation zwischen Immunsystem und Nervenzellen.
Kurz zusammengefasst:
- Chronische Schmerzen treten bei Frauen häufiger und länger auf, weil bestimmte Immunzellen weniger von dem schmerzhemmenden Botenstoff Interleukin-10 (IL-10) produzieren – nicht aufgrund von unterschiedlichem Schmerzempfinden.
- IL-10-bildende Monozyten beenden Schmerzen aktiv, indem sie Nervenzellen beruhigen; je mehr dieser Zellen vorhanden sind, desto schneller normalisiert sich die Schmerzempfindlichkeit.
- Geschlechtshormone beeinflussen diese Immunreaktion messbar, und sowohl Tiermodelle als auch Daten von 245 Unfallpatienten zeigen: Höhere IL-10-Spiegel und mehr Monozyten gehen mit einer schnelleren Schmerzauflösung einher.
Übrigens: Neben Immunzellen rückt noch ein anderer Faktor bei chronischen Schmerzen in den Fokus – der Nährstoffstatus im Blut. Eine große Auswertung zeigt, dass starke Beschwerden häufig mit Defiziten bei Vitamin D, B12, Magnesium und Co. einhergehen – mehr dazu in unserem Artikel.
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