Chronische Darmentzündung: Wie das Immunsystem unbemerkt Darmkrebs antreibt
Chronische Darmentzündung kann das Immunsystem bis ins Knochenmark beeinflussen und so das Risiko für Darmkrebs erhöhen, zeigt neue Forschung.
Die Abbildung zeigt, wo im Dickdarm Gene aktiv sind, und veranschaulicht, dass Abwehrzellen sich dicht an bereits veränderte Schleimhautzellen anlagern. © Longman lab
Chronische Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa betreffen weltweit ca. 5 bis 8 Millionen Menschen. Seit Langem ist bekannt, dass eine chronische Darmentzündung Darmkrebs begünstigt. Tumoren entstehen oft früher und verlaufen ungünstiger. Lange galt die dauerhafte Reizung der Darmschleimhaut als Hauptursache. Doch diese Erklärung greift nicht weit genug.
Eine aktuelle Studie von Weill Cornell Medicine beschreibt einen erweiterten Zusammenhang. Entscheidend ist nicht nur die Entzündung im Darm selbst, sondern die Reaktion des gesamten Immunsystems. Bestimmte Entzündungssignale aktivieren spezialisierte Immunzellen direkt in der Darmschleimhaut. Diese Zellen geben den Alarm weiter – bis ins Knochenmark.
Veränderte Immunzellen fördern das Tumorwachstum
Im Knochenmark startet daraufhin ein Notprogramm. Der Körper produziert vermehrt neutrophile Granulozyten, eine Gruppe weißer Blutkörperchen. Ihre eigentliche Aufgabe ist die Abwehr von Infektionen. Bei anhaltender Entzündung verändern sie jedoch ihr Verhalten.
Die neu gebildeten Immunzellen wandern zurück in den Darm. Dort setzen sie aggressive Substanzen frei, die das Erbgut der Schleimhautzellen schädigen können. Gleichzeitig schalten sie Gene an, die Zellwachstum und Gefäßneubildung fördern. Das Umfeld im Darm wird zunehmend tumorfreundlich.
In Tiermodellen reichte allein die Anwesenheit dieser veränderten Immunzellen aus, um das Tumorwachstum deutlich zu beschleunigen. Wurden sie gezielt blockiert oder entfernt, sank die Zahl der Tumoren – selbst dann, wenn die Entzündung weiter bestand.
TL1A als Verstärker der gefährlichen Kettenreaktion
Eine zentrale Rolle spielt dabei ein Entzündungsbotenstoff namens TL1A. Er tritt bei chronischer Darmentzündung verstärkt auf und wirkt wie ein Verstärker im Immunsystem. TL1A aktiviert bestimmte Immunzellen im Darm, sogenannte ILC3-Zellen. Diese setzen wiederum GM-CSF frei, ein Signalstoff, der die Massenproduktion von Immunzellen im Knochenmark antreibt.
Dieser Kreislauf hält sich selbst am Laufen. Die Folge ist eine dauerhafte Überversorgung des Darms mit Immunzellen, die ihre Schutzfunktion verlieren und stattdessen das Tumorwachstum begünstigen. In Gewebeproben von Menschen mit entzündungsbedingten Vorstufen von Darmkrebs fanden sich genau diese Veränderungen wieder.
Nach einer experimentellen Therapie, die TL1A blockiert, nahm die Aktivität mehrerer tumorfördernder Gene deutlich ab. „Diese Ergebnisse sind besonders wichtig, da es bislang nur wenige Strategien gab, das Krebsrisiko bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen gezielt zu senken“, sagt Studienleiter Randy S. Longman von Weill Cornell Medicine.
Neue Ansätze für Prävention und Therapie
Die Erkenntnisse verändern den Blick auf Prävention. Es geht nicht mehr nur darum, akute Entzündungssymptome zu lindern. Entscheidend ist, die systemischen Folgen früh zu bremsen. Denn eine chronische Darmentzündung wirkt wie ein dauerhafter Reiz für das Immunsystem – mit Auswirkungen auf den gesamten Körper.
Die Forschenden sehen darin auch neue Chancen. Medikamente, die gezielt in diese Signalketten eingreifen, könnten doppelt wirken. Sie könnten den Darm beruhigen und zugleich das Risiko für Darmkrebs senken. „Hier wirkt ein systemischer Prozess, der Darm und Knochenmark verbindet – mit Potenzial für präzisere Medizin“, sagt Erstautorin Sílvia Pires.
Kurz zusammengefasst:
- Chronische Darmentzündung wirkt nicht nur im Darm, sondern aktiviert das Immunsystem im ganzen Körper bis ins Knochenmark und erhöht so langfristig das Risiko für Darmkrebs.
- Bestimmte Immunzellen werden dabei dauerhaft umprogrammiert, wandern zurück in den Darm, schädigen dort die DNA und schaffen ein Umfeld, in dem Tumoren leichter entstehen und wachsen.
- Gezielte Therapien, die diese Signalketten bremsen, könnten künftig nicht nur Entzündungen lindern, sondern auch das Darmkrebsrisiko bei Betroffenen spürbar senken.
Übrigens: Was als gesunder Fruchtzucker gilt, kann das Immunsystem schneller aus dem Gleichgewicht bringen als gedacht – schon alltägliche Mengen aus Säften oder Softdrinks fördern Entzündungen. Warum selbst kleine Dosen Fruktose Abwehrzellen in Alarm versetzen, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Longman lab
