Fünf Wochen Gehirntraining senken das Demenzrisiko auch noch 20 Jahre später
Eine Langzeitstudie zeigt: Gezieltes Training des Gehirns kann das Risiko für eine spätere Demenzdiagnose um 25 Prozent senken – und das für viele Jahre.
Ein adaptives Training von Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit war in einer Langzeitstudie mit weniger Demenzdiagnosen verbunden. © Pexels
Geistig fit bleiben, möglichst lange selbstständig leben – das wünschen sich viele Menschen mit zunehmendem Alter. Entsprechend groß ist das Interesse an Strategien, mit denen sich einer Demenz vorbeugen lässt. Neben Bewegung und gesunder Ernährung rückt nun ein überraschend konkreter Ansatz in den Fokus: ein kurzes, gezieltes Gehirntraining.
Eine große Langzeitstudie zeigt, dass bereits fünf bis sechs Wochen spezielles Training im höheren Alter mit einem deutlich geringeren Risiko für eine spätere Demenzdiagnose verbunden sind. Der Effekt war noch 20 Jahre später messbar. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse von einem Forschungsteam rund um Johns Hopkins Medicine, dem medizinischen Forschungs- und Klinikverbund der renommierten Johns-Hopkins-Universität in den USA.
Demenz vorbeugen: Warum gerade dieses Training wirkt
Die Daten stammen aus der sogenannten ACTIVE-Studie. Dabei handelt es sich um eine randomisierte kontrollierte Untersuchung mit ursprünglich 2.802 Männern und Frauen ab 65 Jahren. Für die 20-Jahres-Auswertung standen die Daten von 2.021 Teilnehmern zur Verfügung. Das Durchschnittsalter zu Beginn lag bei 73,6 Jahren.
Die Teilnehmer wurden per Zufall in vier Gruppen eingeteilt. Drei Gruppen absolvierten ein kognitives Training, eine Gruppe erhielt keine Übungen. Getestet wurden:
- Gedächtnistraining mit Merktechniken
- Training für logisches Denken
- Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit
Nur das Training der Verarbeitungsgeschwindigkeit zeigte einen klaren Langzeiteffekt. Dabei mussten die Teilnehmer am Computer visuelle Informationen rasch erkennen und mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen. Das Programm passte die Schwierigkeit automatisch an die individuelle Leistung an.
Die Basiseinheiten umfassten bis zu zehn Sitzungen à 60 bis 75 Minuten, verteilt über fünf bis sechs Wochen. Zusätzlich erhielten einige Teilnehmer sogenannte Booster-Sitzungen nach elf und 35 Monaten.
25 Prozent geringeres Risiko nach 20 Jahren
Der entscheidende Befund betrifft die Gruppe mit Geschwindigkeits-Training und mindestens einer Auffrischung. Hier lag das Risiko für eine Demenzdiagnose um 25 Prozent niedriger als in der Kontrollgruppe. Die statistische Kennzahl, die Hazard Ratio, betrug 0,75.
In absoluten Zahlen bedeutet das:
- In der Kontrollgruppe entwickelten 239 von 491 Personen innerhalb von 20 Jahren eine Demenz. Das entspricht 48,7 Prozent.
- In der Gruppe mit Geschwindigkeits-Training und Booster waren es 105 von 264 Personen. Das entspricht 39,8 Prozent.
Gedächtnis- und Logiktraining führten hingegen zu keiner statistisch gesicherten Risikoreduktion.
„Zu sehen, dass das aufgefrischte Geschwindigkeitstraining zwei Jahrzehnte später mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden war, ist bemerkenswert“, sagt Studienautorin Marilyn Albert, Direktorin des Alzheimer’s Disease Research Center an der Johns Hopkins University. „Das deutet darauf hin, dass eine relativ einfache, nicht-medikamentöse Maßnahme langfristige Effekte haben kann.“
Warum die Auffrischung entscheidend war
Nicht alle Teilnehmer profitierten gleichermaßen. Personen, die zwar das Grundtraining absolvierten, aber keine Booster-Sitzungen erhielten, zeigten keinen signifikanten Vorteil. Ihre Hazard Ratio lag bei 1,01 – also praktisch auf dem Niveau der Kontrollgruppe.
Die Auffrischungseinheiten könnten den Trainingseffekt stabilisiert haben. Möglich ist auch ein Dosiseffekt: Mehr Übung führt zu mehr Wirkung. Das Training selbst war adaptiv aufgebaut. Wer schneller reagierte, bekam komplexere Aufgaben. Das unterscheidet es deutlich von klassischen Gedächtnisübungen mit festen Strategien.
„Unsere Ergebnisse unterstützen die Weiterentwicklung kognitiver Trainingsprogramme für ältere Menschen, insbesondere solcher, die visuelle Verarbeitung und geteilte Aufmerksamkeit ansprechen“, sagt Mitautor George Rebok von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health.
Auch mit über 70 lohnt sich ein Einstieg noch
Ein wichtiger Punkt: Das Durchschnittsalter zu Beginn lag bei über 73 Jahren. Auch Menschen im höheren Alter konnten also noch profitieren. Das Alter beim Start beeinflusste das Ergebnis nicht wesentlich.
Für die Analyse nutzte das Forschungsteam Abrechnungsdaten des US-Gesundheitssystems Medicare aus den Jahren 1999 bis 2019. Ein spezieller Diagnose-Algorithmus identifizierte Alzheimer und verwandte Demenzformen. Die Genauigkeit dieses Verfahrens lag laut Studie bei 85 bis 90 Prozent.
Während der 20-jährigen Beobachtungszeit starben rund 77 Prozent der Teilnehmer. Das durchschnittliche Sterbealter lag bei 83,9 Jahren. Der lange Zeitraum macht die Ergebnisse besonders aussagekräftig.
Was das für die Prävention bedeutet
Das Training bot keinen vollständigen Schutz. Auch in der Trainingsgruppe erkrankte ein erheblicher Anteil an einer Demenz. Dennoch zeigt sich ein deutlicher Unterschied zur Kontrollgruppe.
Für Menschen, die einer Demenz vorbeugen möchten, ergeben sich mehrere konkrete Hinweise:
- Kurze, intensive Trainingsphasen können langfristige Effekte haben.
- Auffrischungssitzungen scheinen wichtig zu sein.
- Nicht jedes Gehirntraining wirkt gleich.
- Adaptive Programme mit steigender Schwierigkeit sind besonders vielversprechend.
Die ACTIVE-Studie ist die erste randomisierte Untersuchung, die über einen Zeitraum von 20 Jahren einen Zusammenhang zwischen einem kognitiven Training und einer geringeren Demenzdiagnose zeigt. Den Forschern zufolge sind allerdings noch weitere Studien nötig, um die biologischen Mechanismen besser zu verstehen.
Fest steht: Wer geistig aktiv bleiben will, sollte gezielt trainieren. Und offenbar kann auch ein vergleichsweise kurzer Trainingszeitraum einen Unterschied machen – selbst wenn der Start erst im siebten Lebensjahrzehnt erfolgt.
Kurz zusammengefasst:
- Fünf bis sechs Wochen gezieltes Gehirntraining der Verarbeitungsgeschwindigkeit senkten in einer 20-Jahres-Studie das Risiko für Demenz um 25 Prozent.
- Der Effekt zeigte sich nur bei Teilnehmern mit zusätzlichen Auffrischungssitzungen; Gedächtnis- und Logiktraining wirkten nicht.
- Auch Menschen über 70 konnten noch profitieren – ein später Einstieg schloss einen Nutzen nicht aus.
Übrigens: Während gezieltes Gehirntraining das Demenzrisiko noch Jahrzehnte später senken kann, zeigen genetische Daten, dass Übergewicht und Bluthochdruck die Krankheit oft schon in der Lebensmitte vorbereiten. Warum hohe Werte auf der Waage und am Blutdruckmessgerät das Gehirn langfristig schädigen – mehr dazu in unserem Artikel.
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