Zwischen Likes und Liebe: Wie digitale Medien echte Nähe verdrängen

Digitale Medien formen unsere Beziehungen neu. Was wie Nähe wirkt, ersetzt oft echtes Miteinander.

Wie digitale Medien unsere persönlichen Beziehungen ersetzen

Immer mehr Menschen kommunizieren größtenteils über digitale Kanäle. © Pexels

Unterhaltungen mit Chatbots, Likes auf Instagram und Diskussionen in WhatsApp-Gruppen – digitale Kommunikation gehört längst zum Alltag. Doch wie stark beeinflussen digitale Medien, wie wir persönliche Beziehungen gestalten? Sozialpsychologen warnen: Der Kontakt im Netz verändert nicht nur, wie wir reden – sondern auch, wie wir fühlen.

Was zunächst bequem klingt, hat langfristig Folgen. Immer mehr Menschen bauen Bindungen zu Influencern, Chatbots oder Online-Bekanntschaften auf. Diese sogenannten digitalen Beziehungen konkurrieren mit echten Freundschaften – und verändern unsere Erwartungen an Nähe, Verfügbarkeit und Konflikte.

Digitale Medien fördern neue Arten von Nähe

Laut Johanna Lisa Degen, Sozialpsychologin an der Universität Flensburg, nutzen viele soziale Medien nicht nur zur Unterhaltung. Sie suchen auch emotionale Nähe. „Es geht um Beziehungsbildung“, sagt sie. Das bedeutet: Wer auf Instagram unterwegs ist oder mit einem Chatbot spricht, will sich oft verstanden fühlen – ähnlich wie in einem echten Gespräch.

In der Forschung wird für diese Art von Beziehung der Begriff „Parasozialität“ verwendet. Ursprünglich meinte das eine einseitige Bindung – etwa von Fans zu Stars. Heute beschreibt der Begriff auch Beziehungen zu Influencern oder intensive Gespräche mit Chatbots, bei denen auf der einen Seite starke Gefühle entstehen, ohne dass die andere Person überhaupt aktiv daran beteiligt ist.

Soziale Medien verändern Dating und Partnerschaft

Laut Tagesschau hat Degen in ihrer Forschung herausgefunden, dass fast jede zweite neue Beziehung in den letzten fünf Jahren über digitale Kanäle entstanden ist – zum Beispiel durch Messenger-Dienste oder Dating-Apps. Doch mit dem Online-Flirt kommen neue Probleme: Viele erleben sogenannte „Internet-Eifersucht“. Wer liked welche Bilder? Wem folgt der Partner auf Instagram?

Diese Unsicherheiten führen dazu, dass auch im echten Leben vieles inszeniert wird. Degen berichtet, manche Menschen würden sogar beim Sex darauf achten, keine „komischen Gesichter“ zu machen – aus Angst, unattraktiv zu wirken. Denn durch die Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken entstehen unrealistische Vorstellungen davon, wie man wirken sollte.

Streit lieber per WhatsApp als im echten Gespräch

Nicht nur das Kennenlernen läuft zunehmend digital. Auch Streit und Diskussionen verlagern sich ins Netz. Viele klären Konflikte lieber schriftlich – zum Beispiel per WhatsApp. „Man hat mehr Zeit zum Nachdenken“, erklärt Degen. Und: Man wird nicht sofort mit der Reaktion des Gegenübers konfrontiert.

Laut der Psychologin empfinden viele diese Form der Kommunikation als angenehmer. Doch wer Konflikte nur noch digital klärt, verlernt, mit echten Emotionen umzugehen. Gespräche von Angesicht zu Angesicht bleiben dabei oft auf der Strecke.

Instagram wird zur Entspannungsoase

Ein weiterer Trend: Immer mehr Menschen nutzen Social Media zur Entspannung. Die Inhalte sind vorhersehbar, beruhigend und jederzeit verfügbar. Viele schalten ab, indem sie durch schöne Bilder oder Videos scrollen. Das kann helfen, sich emotional zu regulieren – also mit Stress und Gefühlen besser klarzukommen.

Dadurch übernehmen Plattformen wie Instagram oder TikTok eine Funktion, die früher eher durch Musik, Spaziergänge oder Gespräche erfüllt wurde.

Werbung will digitale Nähe erzeugen

Auch wirtschaftliche Interessen mischen sich in digitale Beziehungen. Viele Nutzer fühlen sich Influencern so verbunden, dass sie deren Produkte kaufen, um sie zu unterstützen. Sozialpsychologin Degen zitiert aus ihrer Forschung: „Natürlich kaufe ich auch die Produkte, denn ich möchte diese Person unterstützen.“

Das Problem: Diese emotionale Bindung ist oft einseitig – und auf Umsatz ausgelegt. Doch viele Nutzer sehen das längst als normal an. So verschwimmen die Grenzen zwischen Freundschaft und Werbung.

Echte Beziehungen unter Druck

Digitale Medien setzen neue Maßstäbe – und die übertragen wir auf unsere realen Beziehungen. Wir erwarten, dass Freunde oder Partner jederzeit erreichbar sind, immer gut aussehen und unsere Meinung teilen. Die Psychologin Degen warnt jedoch davor, dass diese unrealistischen Vorstellungen es uns schwer machen, mit echten Menschen klarzukommen. Denn Menschen machen Fehler, verändern sich und widersprechen manchmal – und das ist auch gut so.

Kurz zusammengefasst:

  • Digitale Medien beeinflussen, wie Menschen Beziehungen aufbauen, kommunizieren und Nähe empfinden – oft ersetzt der Online-Kontakt persönliche Gespräche.
  • Viele entwickeln einseitige Bindungen zu Influencern oder Chatbots, was Erwartungen an reale Beziehungen verändert und zu Unsicherheiten führen kann.
  • Konflikte, Intimität und sogar Entspannung verlagern sich zunehmend ins Digitale – das verändert dauerhaft unser soziales Verhalten.

Übrigens: Der Dauerblick auf Bildschirme verändert auch unsere Sinne: Wenn Geruch und Geschmack verkümmern, leidet unser soziales Wohlbefinden ebenfalls. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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