Was zählt an der Clubtür: So treffen Berliner Türsteher ihre Entscheidung
Türsteher in Berliner Techno-Clubs wählen ihre Gäste gezielt aus. Eine neue Studie zeigt, worauf es ihnen wirklich ankommt.

Das Berghain zählt zu den berühmtesten Techno-Clubs Berlins und genießt weltweit Kultstatus. © Wikimedia
Wer vor angesagten Berliner Techno-Clubs steht, weiß: Der schwierigste Teil der Nacht ist nicht das Tanzen – sondern das Reinkommen. Die Entscheidung der Türsteher wirkt oft willkürlich. Manche kommen sofort rein, andere werden kommentarlos abgewiesen. Was steckt dahinter? Eine neue Studie der Freien Universität Berlin hat diesen Auswahlprozess genau untersucht. Gemeinsam mit Forschern aus Großbritannien und Schweden haben sie mit Clubbesitzern, DJs, Sicherheitsleuten und Türstehern gesprochen – und eine Nacht lang beobachtet, wie in einem bekannten Berliner Club rund 500 Menschen bewertet wurden.
Die Ergebnisse zeigen: Wer reinkommt, muss sich gleichzeitig anpassen und auffallen. Es geht nicht nur um Kleidung, sondern auch um Auftreten, Energie – und sogar darum, wie jemand in der Schlange spricht.
Türsteher als Kuratoren der Nacht
Michael Kleinaltenkamp von der Freien Universität Berlin hat die Untersuchung geleitet. Er forscht zu Marketingstrategien und hat mit vielen Berliner Türstehern gesprochen. Einer davon beschrieb seinen Job laut BR24 so:
Ich male jeden Abend ein Bild, ich bin dafür verantwortlich.
Berliner Türsteher
Damit meint er: Jeder Gast trägt zur Stimmung im Club bei – und der Türsteher entscheidet, wer zu diesem Bild passt.
Entscheidungen fallen in Sekunden. Gäste werden oft gefragt, welcher DJ auflegt, in welchen Clubs sie sonst unterwegs sind oder was sie für den Abend noch geplant haben. Doch es geht nicht um richtige Antworten, sondern darum, wie jemand antwortet. Wer selbstbewusst, freundlich und in der Szene orientiert wirkt, hat bessere Chancen.
Auffallen ja – aber bitte mit Stil
Wer auffällt, kommt oft eher rein – aber nicht um jeden Preis. Die Auswahl folgt dem Prinzip: Nur wer zur geplanten Atmosphäre des Abends passt, darf hinein. Ein bestimmter Kleidungsstil kann helfen, etwa wenn er kreativ oder besonders ist. Auch Ausstrahlung zählt. Ein Türsteher sagte:
Das fängt mit sehr einfachen Dingen an wie mit dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung, der Hautfarbe. Aber das sind auch solche Dinge, wie dass man eine gewisse Energie zeigt, eine Aura mitbringt oder dass man einen bestimmten Kleidungsstil hat, der eventuell extravagant ist.
Berliner Türsteher
Laut Studie legen viele Clubs Wert auf Vielfalt. Menschen mit unterrepräsentierten Merkmalen – zum Beispiel im Hinblick auf Herkunft, Alter oder Geschlecht – sind ausdrücklich willkommen, wenn sie das Publikum an diesem Abend bereichern.
Kameras beobachten die Wartenden
Einige Clubs setzen inzwischen auf Überwachungstechnik. Kameras erfassen, wie sich Menschen vor dem Eingang verhalten. Wer aggressiv ist, zu betrunken wirkt oder andere belästigt, wird aussortiert. Auch Gespräche in der Schlange spielen eine Rolle. Türsteher achten darauf, wie jemand spricht, wie er sich gibt – und ob er oder sie zu den Gästen passt, die bereits im Club sind.
Kleinaltenkamp betont: Es gibt keine festen Regeln. Die Entscheidung hängt von der Stimmung an der Tür ab – und davon, was im Club gerade fehlt. Niemand hat eine Garantie auf Einlass.
Die Strategie beginnt lange vor dem Club
Clubs in Berlin setzen nicht nur an der Tür auf gezielte Auswahl. Schon im Vorfeld bestimmen sie, wen sie anziehen möchten. Eventnamen, Bilder auf Social Media, Dresscodes – alles ist Teil eines größeren Plans. Nur wer diese Codes versteht, fühlt sich angesprochen. So erreichen die Clubs gezielt genau das Publikum, das sie haben wollen.
Die Forscher der FU Berlin sehen darin ein Beispiel für durchdachtes Marketing. Die Clubs schaffen nicht nur einen Ort zum Feiern, sondern eine Erlebniswelt mit klarer Botschaft.
Berlins Clubkultur als weltweites Vorbild
Durch diese gezielte Auswahl hat sich Berlins Clubszene einen einzigartigen Ruf erarbeitet. Die Clubs gelten mittlerweile als Teil des UNESCO-Kulturerbes. Jährlich reisen Millionen Menschen in die Hauptstadt, um Teil dieser besonderen Nächte zu sein. Laut der Freien Universität Berlin trägt die Szene rund 1,48 Milliarden Euro zum Berliner Tourismus bei.
Kleinaltenkamp erklärt gegenüber BR24: „Andere Branchen könnten von diesen Menschen viel darüber lernen, wie man eine gewünschte Atmosphäre schafft. Von religiösen Gemeinschaften bis zu den Veranstaltern exklusiver Vernissagen.“ Die Clubtür ist damit nicht nur ein Einlass – sondern auch ein Filter für ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl.
Kurz zusammengefasst:
- Der Einlass in Berliner Techno-Clubs folgt keinem festen Schema, sondern basiert auf einem komplexen Zusammenspiel aus Kleidung, Auftreten, Ausstrahlung und Szene-Kenntnissen – Türsteher entscheiden in Sekunden, ob jemand zur gewünschten Stimmung des Abends passt.
- Ziel der Auswahl ist es, eine besondere Atmosphäre zu schaffen, die von Vielfalt und Individualität lebt – jedoch nur, wenn diese Vielfalt in das kuratierte Gesamtbild passt.
- Clubs beginnen die Auswahl bereits vor dem Einlass mit gezielter Kommunikation über Eventnamen, Dresscodes und Social Media, nutzen teils auch Kameras zur Verhaltensbeobachtung und gestalten so ein sorgfältig ausgewähltes Publikumserlebnis.