Psychologen schlagen Alarm: TikTok macht ADHS zur Trend-Störung
Psychologen haben 100 der beliebtesten ADHS-Videos auf TikTok untersucht. Das Ergebnis: Über die Hälfte enthält Fehlinformationen.

Immer mehr junge Erwachsene diagnostizieren sich selbst mit ADHS – ihre einzige Quelle: Videos auf TikTok. © Pexels
Eine aktuelle Untersuchung der Plattform TikTok zeigt, dass viele beliebte Videos zum Thema ADHS irreführende Informationen enthalten. Wissenschaftler haben die 100 meistgesehenen Videos unter dem Hashtag #ADHD (der englische Begriff für ADHS) analysiert und festgestellt, dass weniger als die Hälfte der darin getroffenen Aussagen mit anerkannten medizinischen Kriterien übereinstimmt. Die Studie weist darauf hin, dass zahlreiche Inhalte zwar Millionen von Nutzern erreichen, aber wissenschaftlich nicht fundiert sind.
Experten und Nutzer bewerten Inhalte unterschiedlich
Zwei klinische Psychologen mit Fachwissen zu Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bewerteten die Videos nach ihrer Genauigkeit und ihrem Wert als Aufklärungsmaterial.
- 48,7 Prozent der Aussagen erhielten korrekte Informationen über ADHS-Symptome
- 51,3 Prozent der Fälle stellten Symptome falsch dar oder verwechselten sie mit alltäglichem Verhalten
- Nur vier Prozent der Videos machten deutlich, dass nicht alle ADHS-Betroffenen identische Symptome zeigen
Die Studie zeigt auch, dass der TikTok-Algorithmus die Verbreitung von Fehlinformationen begünstigt. Nutzer, die häufig ADHS-bezogene Inhalte konsumieren, werden vermehrt mit ähnlichen Videos versorgt. Dadurch verstärkt sich die Wahrnehmung, dass bestimmte, oft unpräzise Symptome typisch für ADHS seien. Und Nutzer neigen dazu, Videos mit persönlichen Erfahrungsberichten höher zu bewerten als wissenschaftlich fundierte Inhalte.
Selbstdiagnosen nehmen zu, Expertenvideos werden ignoriert
Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Die hohe Verbreitung von ADHS-Inhalten auf TikTok führt dazu, dass immer mehr junge Erwachsene sich selbst mit der Störung diagnostizieren. In einer zweiten Studie befragten die Forscher 843 Studenten zu ihrem TikTok-Konsum und ihrer Wahrnehmung von ADHS. Es zeigte sich, dass Personen, die regelmäßig ADHS-Videos auf TikTok sahen, die Häufigkeit der Störung in der Bevölkerung deutlich überschätzten.
Nur etwa die Hälfte der Befragten interessierte sich für Videos, in denen Psychologen die TikTok-Inhalte analysieren. Diejenigen mit einer offiziellen ADHS-Diagnose waren am ehesten bereit, sich solche Erklärungen anzusehen. Dagegen hielten sich Selbstdiagnostizierte oder Nutzer ohne ADHS häufiger an ihre bereits bestehende Meinung.
Finanzielle Interessen beeinflussen Inhalte
Laut der Untersuchung profitieren viele TikTok-Creator finanziell von ihren ADHS-Inhalten. Rund 50 Prozent der untersuchten Content-Ersteller verkauften Produkte oder baten um Spenden. Dies könnte ein Anreiz sein, emotionale und leicht verständliche Inhalte zu produzieren, auch wenn diese nicht immer wissenschaftlich korrekt sind. Fachlich fundierte, differenzierte Erklärungen bleiben hingegen oft unbeachtet.
Die Autoren der Studie betonen, dass TikTok zwar eine Plattform zur Aufklärung über ADHS sein könnte, aktuell aber eher zu Fehleinschätzungen beiträgt. Die Forschungsergebnisse zeigen die Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und populären Darstellungen auf Social Media auf. Um dem entgegenzuwirken, müssten Fachleute verstärkt selbst auf Plattformen wie TikTok aktiv werden.
Kurz zusammengefasst:
- Auf TikTok kursieren zahlreiche irreführende Informationen über ADHS. Weniger als die Hälfte der meistgesehenen Videos unter dem Hashtag #ADHD sind wissenschaftlich fundiert.
- Viele Nutzer überschätzen dadurch die Häufigkeit der Störung und diagnostizieren sich selbst. Fundierte Expertenmeinungen bleiben oft unbeachtet.
- Finanzielle Interessen der Creator verstärken das Problem, da emotionale und leicht verständliche Inhalte bevorzugt werden, selbst wenn sie Fehlinformationen enthalten.
Übrigens: Immer mehr Erwachsene entdecken erst spät, dass hinter ihrer ständigen Überforderung vielleicht Autismus steckt – besonders Frauen bleiben lange unerkannt. Warum eine späte Diagnose entlasten kann, aber oft mit jahrelanger Suche und hohen Kosten verbunden ist – mehr dazu in unserem Artikel.
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